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Lucius spürte seinen deutlichen Widerwillen gegen den Wald immer stärker, da die Bäume, das Gestrüpp und das dichte Unterholz eine unbestimmte Angst in ihm schürten. Nicht sehen zu können, was vor oder neben einem geschah, war beängstigend. Diese Wälder waren der perfekte Platz für einen Hinterhalt, da konnte Drusillus sagen, was er wollte.

Lucius schauderte es allein bei dem Gedanken, dass die germanischen Wälder noch viel schlimmer sein sollten.

Er beobachtete, wie die Allobroger langsam im Wald vorrückten. Seine Legionäre bildeten die zweite Linie und deckten sie. Wenn er die Männer sah, die unter seinem Kommando standen, die jeden seiner Befehle befolgten, fühlte er Stolz. Er war Teil der mächtigsten Armee und des mächtigsten Imperiums der Welt, ein kleiner Teil nur, aber ein wichtiger. Dieser Stolz überlagerte die Unsicherheit, die er in seinem Inneren spürte – die Unsicherheit, ob er in einer Krisensituation die richtige Entscheidung treffen würde, und die Unsicherheit, ob er in einer echten Kampfsituation bestehen könnte. Er dachte an den allerersten Alarmruf „Wir werden angegriffen!“, als er für mehrere Augenblicke wie gelähmt dagestanden hatte – ihm selbst schienen es Stunden zu sein –, bis er reagieren und seine Befehle geben konnte. Das Herz schlug ihm bis zum Halse und seine Stimme klang ihm selbst unnatürlich, aber seine Männer reagierten unverzüglich und formierten sich zum Gegenangriff. Lucius lächelte in sich hinein, als er daran dachte. Niemand hatte seine Paralyse bemerkt, niemand ihn in Frage gestellt. Nur Drusillus hatte ihn mit gerunzelter Stirn angesehen.

Ein Warnruf brachte ihn in die Realität zurück. Albanus, einer der Legionäre, hatte ihn ausgestoßen. Lucius fuhr erschrocken zusammen und sah verständnislos zu Albanus, der auf ihn zustürmte und jetzt auch noch sein Pilum warf. War der übergeschnappt? Warf mit seinem Pilum nach seinem Centurio? Ein Geräusch schräg hinter ihm ließ Lucius herumfahren. Zwei caluconische Krieger hatten sich auf einem Baum versteckt und waren gerade im Begriff, ihn von hinten anzugreifen. Lucius starrte die beiden nur erschrocken an und machte keine Anstalten, sich zu verteidigen. Albanus’ Pilum hatte keinen von beiden getroffen. Einer der Barbaren hob seinen Speer zum Stoß. Lucius versuchte nervös und mit hektischen Bewegungen sein Schwert zu ziehen, aber seine schweißnasse Hand bekam den Griff nicht zu packen und rutschte ab. Er machte eine lahme Bewegung mit dem Scutum, um den Speerstoß abzublocken, als plötzlich etwas an ihm vorbeisauste und den ersten Caluconen in die Seite traf. Dieser sah verständnislos auf das Pilum, das ihn getroffen hatte, und sackte dann zusammen. Der zweite stieß einen Wutschrei aus und griff mit seinem Speer an. Lucius gelang es noch immer nicht, seinen Gladius zu ziehen, er konnte aber den Speerstoß abblocken.

Ich könnte sterben, dachte er erstaunt. Das ist kein Trainingskampf mehr, der Barbar könnte mich töten!

Entsetzen stieg in ihm auf. Es ging um Leben und Tod. Um sein Leben, seinen Tod. Alle Kämpfe gegen Pertinax und alle Übungen in der Legion hatten ihn auf diesen Moment nicht vorbereiten können. Die Angst stieg in ihm auf und würgte ihn.

Da war Albanus neben ihm und schlug mit seinem Schwert nach dem Angreifer. Der Barbar wich dem Hieb aus und ließ seinen Speer wirbeln. Das stumpfe Ende traf Lucius in die Rippen und ließ ihn zur Seite taumeln. Albanus versuchte, der Speerspitze auszuweichen, blieb dabei aber an einer Wurzel hängen und stürzte rücklings zu Boden. Sein Gegner fletschte die Zähne zu einem höhnischen Grinsen und stieß mit dem Speer zu. Jetzt endlich brachte Lucius sein Schwert aus der Scheide und schlug mit einem lauten Schrei nach dem Angreifer. Es war ein so erbärmlicher Schlag, dass Pertinax sich für ihn geschämt hätte. Der Hieb traf den Speerschaft und die Klinge rutschte daran entlang. Immerhin ritzte sie dem Angreifer die Hand auf. Der Barbar zuckte zurück und verfehlte Albanus. Stattdessen rammte er den Speer neben dem Legionär in den Waldboden. Lucius schwang sein Schwert auf das Gesicht des Angreifers zu und zwang diesen dadurch, den Speer loszulassen und auszuweichen. Der Schlag ging jedoch fehl und sein Schwung brachte Lucius zum Straucheln. Der Kelte lachte wieder höhnisch, rief etwas und rannte dann davon. Er kam nicht weit, da mittlerweile von allen Seiten Legionäre herbeieilten. Ein Speerwurf machte seiner Flucht ein Ende.

Albanus rappelte sich auf und bedankte sich überschwänglich bei Lucius. Dieser nahm den Dank nur am Rande wahr, während er noch mit seiner Panik kämpfte. Er sah Drusillus kommen und dachte: Bloß der nicht! Keine Gespräche oder Diskussionen jetzt über Erfahrung und Eignung!

Er drehte sich um und ging auf die vordere Reihe der Krieger zu. Er machte seinem Herzen Luft und spürte, wie sich die Anspannung löste, als er sie wegen ihrer schlampigen Aufklärung zusammenstauchte.

Es dämmerte bereits und das Lager war aufgeschlagen. Lucius lauschte den Geräuschen des Lagerlebens um ihn herum und dachte über die Ereignisse des Tages nach. Als die Barbaren ihn angriffen, war er so von Angst erfüllt und so kurz davor gewesen, die Nerven zu verlieren, dass er am liebsten weggerannt wäre. Er starrte auf den Boden. Das konnte doch nicht sein. Hatten die anderen etwa doch recht gehabt? Taugte er nicht zum Centurio? Er spürte ein Verlangen, sich zu betrinken und alles zu vergessen, dem er jedoch widerstand. Seit Beginn des Feldzuges trank er Wein, um seine angespannten Nerven zu beruhigen, wenn er jetzt noch Wein brauchte, um seiner Furcht Herr zu werden, dann würde er bald zum heillosen Trinker absinken und das wäre das Ende seiner Laufbahn. Andererseits: Noch so ein erbärmlicher Kampf wie heute, und die wäre sowieso zu Ende. Albanus hatte sich überschwänglich bei ihm bedankt und einer der Männer sprach sogar von der Krone für die Rettung eines römischen Bürgers, aber Lucius ekelte es bei diesem Gedanken vor sich selbst. Er galt als ausgezeichneter Schwertkämpfer, aber sein Angriff gegen den Barbaren war dilettantisch gewesen. Jeder Rekrut hätte es besser gemacht. Schon zuvor hatte er bemerkt, dass er bei Alarmrufen und in Kampfsituationen langsam reagierte. Angst, Unsicherheit und Panik waren normal für einen Legionär auf seinem ersten Feldzug, aber unentschuldbar bei einem Centurio. Und jetzt feierten ihn die Männer, als ob er ein Held sei. Held, Schwertkämpfer – pah! Stümper, so hätte ihn Pertinax genannt. „Wenn du deine ersten Kämpfe hast, erinnere dich an das Gelernte und beschränke dich nur auf die Techniken, die du gut beherrschst“, kamen ihm die Worte seines Trainers in den Sinn. „Das wird dir Sicherheit und Selbstvertrauen geben. Du hast zahllose Schlag- und Stoßvarianten trainiert, ebenso wie verschiedene Verteidigungstechniken, aber bei deinem ersten Kampf auf Leben und Tod wirst du vor Aufregung alles vergessen haben.“ Wie wahr, dachte Lucius. „Deshalb beschränke dich auf die einfachsten Dinge. Bei den folgenden Kämpfen wird dir ein bisschen mehr in Erinnerung bleiben, und dann noch mehr, und dann noch mehr. Jeder hat bei einem Kampf Angst. Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Lügner. Aber das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Erfahrung, schon Kämpfe überlebt zu haben, helfen erfahrenen Kämpfern, ihre Angst zu beherrschen. Du bist kein erfahrener Kämpfer, aber du hast gute Fähigkeiten. Nutze sie! Stell dir einen Feind als Trainingspartner vor, und alles läuft wie von selbst.“

Das Gelände stieg an und die Berge wurden höher, je weiter sie nach Süden kamen. Das Gebirge machte das Vorwärtskommen noch schwieriger, weil sie jetzt nicht nur das Gelände neben dem Vormarschweg, sondern auch oberhalb des Vormarschweges erkunden mussten. Das verlangsamte ihr Marschtempo, ohne dass es aber zu weiteren Scharmützeln kam. Die Kundschafter berichteten, dass sich die Caluconen nach Norden abgesetzt hatten. Varus befahl einen Gewaltmarsch, um die Flüchtlinge einzuholen.