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Das Oppidum lag ruhig und friedlich in der Sonne. Nichts rührte sich. Ein schönes Bild, dachte Lucius. Als ob man auf einer Reise abends seinen Zielort erreicht hätte und sich auf das Nachtmahl freuen würde. Nur, dass es hier keinen freundlichen Gastgeber geben würde.

Aus keiner der Hütten stieg Rauch auf und auch sonst deutete nichts darauf hin, dass noch ein Kelte in dem Dorf war. Sie waren vor den heranrückenden Kohorten in die Wälder geflohen.

Aber Sabinus ging auf Nummer sicher. Ein Manipel rückte direkt zum Dorf vor, während die Allobroger die Umgebung absuchten. Der Zaun, der das Dorf umgab, sah solide, aber nicht besonders wehrhaft aus, er war bestenfalls dazu geeignet, Viehdiebe fernzuhalten. Sie drangen in das Dorf ein. Hilarius’ Centurie sicherte das Tor und Lucius’ Männer begannen die Häuser zu durchsuchen. Sie verteilten sich auf der Hauptstraße und spähten in die Häuser und Höfe. Nirgends ein Lebenszeichen oder eine Spur von einem Hinterhalt. Die Straße führte auf einen großen Hof zu und schwenkte dann rechts vorbei. Vorsichtig näherten sie sich dem Tor. Nichts zu sehen. Völliges Schweigen lag über dem Hof. Die Stalltüren standen weit offen. Kein Vieh. Die Bewohner des Oppidums hatten nichts zurückgelassen.

Vorsichtig betraten sie den Hof. Vor einem großen Stall blieb Lucius stehen und winkte Ripanus heran. „Durchsuche mit deinem Contubernium den Stall!“, raunte er ihm zu und ging auf die Halle des Häuptlings zu. „Exoratus, du und deine Männer zur Rückseite, Promptus durch die Tür!“

Die Männer drangen in das Gebäude ein. Sie warteten schweigend. Lucius hatte die vage Vorahnung von einer drohenden Gefahr und seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. RUMMS. Ein Geräusch ließ sie alle auffahren, Lucius’ Gladius zischte aus der Scheide. Die Allobroger neben ihm wirbelten ebenfalls herum und hoben die Speere zum Wurf. Ein Huhn gackerte aufgeregt und flatterte davon. Lucius stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und steckte das Schwert wieder zurück. Er trat in die Haupthalle. Dort sah alles nach einem hastigen Aufbruch aus. Stühle waren umgeworfen worden und direkt neben der Tür lag eine Halskette. Lucius bückte sich und hob sie auf. Es war eine einfache Halskette, möglicherweise von einer Dienerin. Er warf sie wieder zu Boden und schaute noch einmal prüfend durch den großen Raum. Hier war niemand.

Sie erreichten das andere Ende des Oppidums, ohne auf ein Lebenszeichen zu stoßen. Lucius befahl dem Cornicen, zum Sammeln zu blasen, und sie warteten, bis Hilarius’ Centurie zu ihnen gestoßen war. Dann verließen sie das Dorf und erstatteten Sabinus Bericht. Der Tribun erlaubte den Allobrogern, den Ort zu plündern, und ließ dann die Häuser anzünden.

Wie unsinnig, dachte Lucius, als sie weiterzogen. Warum haben wir den Ort denn dann nicht gleich niedergebrannt, sondern erst mühsam durchsucht.

Aber Sabinus ging es um die Beute für die Allobroger, eine kleine Belohnung, um die Hilfstruppen bei Laune zu halten, das wusste Lucius.

Die dunkle Rauchwolke, die zum Himmel aufstieg, zeigte den geflohenen Barbaren an, dass sie nun kein Heim mehr hatten.

Am Anfang war der Wald noch offen gewesen, so dass man sich gut zwischen den Bäumen bewegen konnte. Dann aber fiel der Boden ab und gab den Blick frei auf dichtes Unterholz und Buschwerk. Von seiner erhöhten Position aus beobachtete Lucius, wie seine Männer ausschwärmten und das vor ihm liegende Waldstück durchstöberten. Sein Blick schweifte nach rechts, wo irgendwo die Einheit unter Ambiorix steckte. Etwas surrte an seinem Ohr vorbei und er hob mechanisch die Hand, um das vermeintliche Insekt zu verscheuchen. Gleich darauf hörte er neben sich ein dumpfes „Tock“. Lucius brauchte einen Moment, um das Geräusch einzuordnen. Das war kein Insekt, sondern ein Pfeil! Er riss seinen Schild hoch und wirbelte herum. Gerade noch rechtzeitig, wie zwei kurze, harte Schläge gegen den Schild bewiesen. Die bekannte Panik stieg in ihm auf, als er die beiden Pfeile stecken sah. Nicht dieses Mal, schwor er sich, nicht dieses Mal, und mit einer enormen Willenskraft unterdrückte er die lähmende Angst.

„Stellt euch auf und schützt euch!“, rief er seinen Männern zu. Seine Stimme klang ruhig, wenn auch ein wenig zittrig.

Die Männer links und rechts von ihm nahmen Aufstellung und versuchten, eine Schildmauer zu bilden. Ein Aufschrei zeigte ihm, dass ein Pfeil getroffen hatte. Ein Legionär wand sich schreiend am Boden. Ein Pfeil steckte in seiner Schulter. Ein Kamerad versuchte ihn mit seinem Schild vor weiteren Pfeilen zu schützen. Jemand schrie etwas und zeigte auf das Buschwerk vor ihnen. Sofort stürmten ein paar Allobroger los. Mehrere caluconische Bogenschützen flohen aus dem Gebüsch und die Allobroger setzten ihnen nach.

„Vorsicht! Halt!“, brüllte Lucius ihnen hinterher.

Von seiner erhöhten Position aus sah er noch mehr Gestalten im Unterholz auftauchen. Die Allobroger kamen schlitternd zum Stehen, aber schon brach eine Horde bemalter und tätowierter Krieger aus dem Unterholz hervor und stürzte sich mit lautem Geschrei auf sie. Sie waren im Nu umringt. Lucius gab dem Cornicen den Befehl, zum Angriff zu blasen, und die Legionäre stürmten vor, um ihren Kameraden beizustehen.

Lucius umklammerte den Griff seines Gladius, als er auf das Getümmel vor ihm zulief. Auf dem Schild oder unter dem Schild, dachte er grimmig und zog das Schwert. Einer der Feinde stürmte direkt auf ihn zu. Der Barbar hob seinen Speer zum Stoß gegen ihn.

Die Welt um Lucius herum zog sich zusammen. Nun existierte nur noch der Mann vor ihm. Die hundertfach mit Pertinax und seinen anderen Ausbildern trainierten Bewegungen liefen automatisch ab. Lucius hatte das Gefühl, neben sich zu stehen und jemand anderem beim Kämpfen zuzusehen. Dieser andere wich dem Speerstoß aus und rammte dem Kelten den Gladius an seinem Schild vorbei in den Leib. Dieser andere sah nicht einmal hin, als der Kelte tödlich getroffen zu Boden taumelte, sondern wandte sich direkt dem nächsten Feind zu. Dieser andere machte sich auch keine Gedanken darüber, dass er gerade zum ersten Mal einen Menschen getötet hatte. Dieser andere funktionierte plötzlich, als gäbe es keine Angst.

Sein zweiter Gegner hatte nur einen Speer, mit dem er aber gut umzugehen wusste. Als Lucius seinen Speerstoß abblockte und seinerseits zum Angriff überging, ließ er den Speer herumwirbeln und schlug Lucius’ Schwert beiseite. Dann täuschte er einen erneuten Angriff vor und schlug mit dem Speerende zu. Der Schlag traf Lucius in die Rippen. Der Barbar grinste breit, als er sah, wie Lucius schmerzvoll das Gesicht verzog. Dann machte er eine Handbewegung, als wollte er sagen: Komm doch, wenn du dich traust! Lucius spürte Wut in sich aufsteigen, aber zugleich hörte er Pertinax’ Stimme in seinem Ohr: „Nie wütend werden, ein wütender Gladiator ist bald ein toter Gladiator.“ Er atmete tief durch. Er täuschte eine Attacke mit dem Schwert vor und sprang dann seinen Gegner direkt an. Dieser wurde von dem ungestümen Angriff überrascht, sein Speer wurde vom gegnerischen Schild blockiert und er geriet ins Straucheln. Ehe sich der Barbar fangen konnte, stieß Lucius ihn mit dem Schild ganz um. Der fallende Körper wurde von seinem Schwert durchbohrt.

Lucius konnte sich aber nicht überzeugen, ob er den anderen tödlich getroffen hatte, denn aus seinem Augenwinkel sah er einen riesigen Schatten herannahen. Instinktiv riss er den Schild herum und sprang zur Seite. Eine Streitaxt hackte in den Waldboden, wo Lucius noch einen Augenblick zuvor gestanden hatte. Ein riesiger Kelte, der ihn um Haupteslänge überragte, riss seine Axt hoch und führte einen weiteren Hieb nach ihm. Lucius warf sich zur Seite und wieder ging der Schlag fehl, aber mit wilder Kampfeswut schwang der Riese seine Axt sofort aufs Neue. Lucius fing den Hieb mit dem Schild auf. Er spürte den Aufprall schmerzhaft durch seinen ganzen Arm hindurchziehen. Trotzdem stieß er mit dem Gladius nach dem Angreifer, der elegant auswich.