Für seine Größe bewegte der Barbar sich erstaunlich geschmeidig. Lucius spürte, wie die Angst erneut in ihm aufstieg. „Weiche zurück!“, flüsterte eine innere Stimme. „Denk an dein Training!“, antwortete eine andere. „Gib ihnen nicht die Genugtuung, dass du versagst – oder willst du auf dem Hof landen, Centurio?“, übertönte eine dritte Stimme die beiden anderen.
Noch immer standen sie sich reglos gegenüber: der Calucone mit erhobener Axt, Lucius mit zum Stoß bereitem Gladius. Lucius hatte das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben war.
„Denk an das, was du gelernt hast. Verwende es gut.“ Diesmal hörte er Pertinax’ Stimme in seinem Ohr und plötzlich wusste er, dass es an der Zeit war, die Initiative zu ergreifen.
Er sprang unvermittelt vor und stieß mit seinem Gladius zu. Der Barbar versuchte den Stoß mit dem Schild abzublocken und ließ gleichzeitig die Axt niedersausen. Lucius riss seinen Schild hoch und änderte die Stoßrichtung seines Schwertes. Er fing den Schlag mit dem Schild ab und sein Schwert durchbohrte das Handgelenk des anderen. In weitem Bogen schoss das Blut aus der durchtrennten Schlagader. Der Krieger stand wie versteinert da und starrte fassungslos auf das spritzende Blut. Lucius rammte ihm den Gladius in die Brust.
Nur kurz aufatmend, blickte er umher. Überall wogten die Einzelgefechte.
Lucius blickte noch einmal auf die toten Kelten zu seinen Füßen. Er hatte seine ersten Feinde getötet. Ein neues, unbekanntes Gefühl durchströmte ihn. Es war eine Mischung aus Stolz, Macht, Ekstase und auch … Ekel? Er sah auf den Gladius, der mit Blut verschmiert war. Wieder hallten die Stimmen seiner Ausbilder in seinem Kopf nach: „Blut kann eine Klinge genauso zum Verrosten bringen wie Wasser.“
Er bückte sich zu dem toten Caluconen und wischte seinen Gladius mit dessen Mantel sauber. „Pflege deine Ausrüstung gut! Es ist das, was im Kampf zwischen dir und einem Barbaren zwischen Leben und Tod unterscheidet. Der Sieg liebt die Sorgfalt!“
Mit dieser Ermahnung von Vulso im Ohr richtete er sich wieder auf.
Homer hin oder her, römische Legionäre waren nicht dafür da, wie Gladiatoren zu kämpfen.
Er befahl dem Cornicen hinter sich, zum Sammeln zu blasen, und brüllte über den Lärm hinweg: „Corpora permite! Reihen schließen!“ Der Befehl wurde weitergegeben.
Die Centurie konnte sich ungestört formieren, da sich die Barbaren bereits zurückzogen, nachdem ihr Versuch, die Römer in die Falle zu locken, vereitelt worden war.
Lucius fragte Ambiorix und Drusillus, ob sie die Anzahl der Feinde hatten schätzen können. Ambiorix schätzte die Zahl der Angreifer auf siebzig. Drusillus hatte von seiner Position hinter der Schlachtreihe nichts sehen können. Mit äußerster Vorsicht durchkämmten sie den Rest des Waldes, aber es schien, als hätten sich die Caluconen in Luft aufgelöst.
Ambiorix schärfte seinen Männern nochmals ein, keine weiteren Verfolgungsjagden zu unternehmen.
Drusillus bemerkte gegenüber Lucius nur süffisant: „Normalerweise ist die Reihenfolge der Kommandos ‚Reihen schließen!’ und dann ‚Angriff!’. Erst anzugreifen und dann die Reihen zu schließen ist sehr ungewöhnlich! Damit wirst du bestimmt die Kriegführung verändern, Centurio!“ „Du meinst, ich werde als neuer Scipio Africanus oder Gaius Marius in die Geschichte eingehen?“, fragte Lucius mit gespielter Begeisterung.
„Mit Sicherheit!“, entgegnete der Optio todernst, und dann brachen sie in Gelächter aus.
Ambiorix sah die beiden verwirrt und kopfschüttelnd an. „Römer!“
Varus schickte den Häduer Atectorix aus, um die Caluconen zu verfolgen. Seine Reiter holten bald die erste Gruppe von Flüchtlingen ein. Sie töteten ein paar Halbwüchsige, die den Zug als Wachen begleiteten, trieben die Frauen und Kinder als Sklaven weg und verbrannten die Wagen, auf denen das Hab und Gut der Barbaren geladen war.
Nach diesem Gemetzel hatten die Caluconen genug. Von den verlustreichen Scharmützeln geschwächt und von zwei Legionen in die Zange genommen, beschlossen sie, ihren Kriegerstolz zu vergessen und ihr nacktes Überleben zu sichern. Sie erinnerten sich an das Schicksal der Salasser. Diese hatten Murena erbitterten Widerstand geleistet und waren fast vollständig vernichtet worden.
Der Rat der Caluconen beschloss, Boten zu Varus zu schicken, die ihre Unterwerfung anboten. Varus schickte die Gesandten weiter zum Konsul. Lucius Calpurnius Piso nahm die Unterwerfung der Caluconen großmütig an und verlangte Geiseln als Sicherheit. Dann setzte er seinen Marsch in das Gebiet der Suaneten fort
Lucius rechnete im Kopf mehrmals nach. Es erschien ihm unglaublich, dass seit Beginn des Feldzuges noch nicht einmal drei Wochen vergangen waren, aber es stimmte: Der Feldzug dauerte gerade einmal zwanzig Tage. Ihm schien es, als ob ein Jahr vergangen sei.
Die Augusta hatte den Rhenus überschritten und marschierte, nachdem die 1. und die 2. Kohorte wieder zu ihr gestoßen waren, in zwei Kolonnen nach Nordosten.
Späher berichteten, dass zahlreiche Krieger und Flüchtlinge der Vennoneten und Briganten nach Süden unterwegs waren, und rasch verbreitete sich im Lager, dass Varus den Flüchtlingen den Weg abschneiden wollte. Dies steigerte die Erwartung der Männer. Flüchtlinge abzufangen versprach Beute und Sklaven und damit Prämien für die Legionäre.
Die Augusta sollte die Kelten einkreisen und möglichst ohne Verluste zur Aufgabe zwingen.
„Mach den Graben hier ruhig etwas tiefer, Exoratus!“, wies Lucius den Stubenältesten des zweiten Contuberniums an.
Der perfekte Platz für einen Hinterhalt, dachte er, während er das Tal überblickte. Die rechte Seite war unzugänglich und unpassierbar, aber der Hügel auf der linken Seite stieg sanft an. Direkt oberhalb des Lagers war ein kleines Gehölz, am Ende des Tals war der Hügel komplett bewaldet. Zur Hügelkuppe hin ragte ein steiles Kliff auf.
Wer auch immer hier mit Gepäck durch wollte, musste durch die Talsohle, hatte Sabinus erklärt.
Deshalb ließ er den Talausgang mit Graben und Wall sichern. Die 8. Kohorte hatte die Aufgabe, einen schmalen Weg, der zwischen den zwei Hügeln hindurchführte, zu sperren, damit die Barbaren der Umklammerung nicht entkommen konnten.
„Was machen die Pfähle?“, fragte Lucius Drusillus, der an seiner Seite stand.
„Werden bald fertig sein! Wir bekommen Besuch.“
Drusillus deutete mit dem Daumen über die Schulter. Sabinus und Vitellius kamen auf sie zu.
„Das Lager wird den Talausgang sperren, aber die linke Talseite macht mir Sorgen!“, begann Sabinus ohne Umschweife und zeigte auf die Hänge der linken Seite. „Hier könnten uns die Barbaren in der Dunkelheit entwischen!“ Er machte eine Pause und wartete, bis Lucius das Gelände in Augenschein genommen hatte. „Du wirst mit deinen Männern dort Position beziehen und die linke Flanke sichern! Eine Abteilung Allobroger wird dich begleiten“, befahl Sabinus.
Lucius musterte noch einmal den bezeichneten Hang. „Soll ich eine bestimmte Position sichern oder einfach nur oberhalb des Hauptlagers mein Lager aufschlagen?“
„Schlag dein Lager vor dem kleinen Gehölz dort auf, da hast du mehrere Doppelschritte freies Feld vor dir!“, erläuterte ihm Vitellius. „Der Boden ist nicht sehr felsig, so dass du einen Graben und einen Wall errichten kannst.“
Lucius nickte verstehend. „Soll ich sofort aufbrechen oder erst den Graben hier fertigstellen?“
„Du brichst morgen direkt nach dem Wecken auf!“, ordnete Sabinus an. „Unsere Späher berichten, dass noch keine Flüchtlinge in der Nähe sind!“
Als Erstes wurden die Maultiere abgeladen und zum Kohortenlager zurückgeschickt. Dann schritten Lucius, Drusillus, Mallius und Ambiorix das Gelände ab, planten den Lageraufbau und markierten relevante Punkte mit Speeren.