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Lucius ließ jetzt die Allobroger der Reserve hinter den Legionären in Stellung gehen. Die Legionäre hielten mit ihren großen Schilden die erste Welle der Angreifer im und am Graben fest. Unterdessen schleuderten die Allobroger ihre leichten Wurfspeere auf die nachdrängenden Gallier. Ihr Angriff brach zusammen und sie flohen in die Dunkelheit des Waldes.

Lucius spuckte erleichtert aus. In dem Chaos waren seine Befehle und Anfeuerungen untergegangen. Er konnte aber zufrieden sein. An keiner Stelle war der Wall ernsthaft in Gefahr gewesen. Es gab keinen einzigen Toten und nur ein paar Verletzte. Mars sei Dank! Das Ganze war so schnell passiert, dass alle mechanisch ihr Ausbildungsprogramm abgespult hatten. Lucius selbst war nicht in der Lage gewesen, einen klaren strategischen Gedanken zu fassen. Was aber wäre gewesen, wenn die Barbaren ins Lager eingebrochen wären? Lucius schauderte bei dem Gedanken. Er hätte nicht gewusst, was er hätte tun müssen. Er schüttelte den Kopf, um die Vorstellung loszuwerden, und ermahnte seine Männer, weiter wachsam zu sein.

„Mallius, pass auf! Ich mache einen Rundgang durchs Lager. Lass vor allem die Reservepila holen!“

Bei Drusillus waren ein paar Feinde aufgetaucht, die man mit Speerwürfen sofort wieder vertrieben hatte. Celsonius hatte keinen Feind gesehen. Ambiorix war auf der Nordseite ebenfalls nicht angegriffen worden. Die Barbaren hatten wohl gehofft, das Lager in einem einzigen Ansturm zu überrennen, und dabei die Wirkung von Gräben und Wall unterschätzt, mutmaßte Lucius. Das macht eben den Unterschied zwischen Barbaren und einer zivilisierten Armee aus, dachte er stolz.

Plötzlich gellte ein Hornsignal von der Westseite des Lagers.

Ambiorix sah Lucius grinsend an: „Auf geht’s zur zweiten Runde des Tanzes!“

Lucius zeigte den erhobenen Daumen und eilte, einen Anflug von Nervosität verspürend, zur Westseite. Wieder waren schemenhafte Gestalten aufgetaucht. So schnell, wie sie vorrückten, mussten sie den ersten Graben bereits eingeebnet haben. Schon schleuderten sie ihre Speere. Die Legionäre hielten ihre Schilde hoch, um sie abzuwehren. Lucius zuckte erschrocken zusammen, als neben ihm ein Speer in den Boden fuhr. Gleichzeitig spürte er einen Schlag gegen seinen Schild. „Scheiße!“, fluchte er, als er merkte, wie der Schild nach vorn gezogen wurde. Er sah den Wurfspeer darin stecken und fingerte daran herum, um ihn herauszuziehen. Als das nicht funktionierte, hackte er mit seinem Schwert auf den Speerschaft ein. Ein Warnruf ließ ihn nach vorn blicken und er sah, dass die Angreifer den Graben erreicht hatten.

„Mittite!“ Celsonius gab den Befehl zum Feuern und ein Speerhagel ging auf die Angreifer nieder, die unbeirrt vordrangen.

Lucius stieß einen Fluch aus, weil der Speer in seinem Schild nicht abbrechen wollte und die Handhabung des Schildes behinderte. Ein Blick nach draußen; die Gallier waren nur noch wenige Schritte entfernt. Schnell stellte er den Schild auf den Boden.

„Tritt drauf!“, befahl er einem der Männer. Der sah ihn verständnislos an.

„Los, mach schon!“, brüllte er und stemmte sich gegen den Schild.

Der Mann trat auf den Speerschaft, der mit einem lauten Krachen in der Mitte durchbrach. Direkt hinter der Spitze wäre ihm lieber gewesen, aber dies war besser als nichts.

Er sprang auf, und zwar keinen Augenblick zu früh: Mit lautem Geschrei warfen sich die Barbaren auf den Wall und versuchten erneut, ins Lager einzudringen. Die Verteidiger stachen und hieben auf das Knäuel der Angreifer ein, während diese versuchten, die Palisade einzureißen. Aus der Dunkelheit ging ein ununterbrochener Pfeilhagel auf das Lager nieder. Die Allobroger der Reserve wurden davon in Mitleidenschaft gezogen und hatten zahlreiche Ausfälle zu beklagen.

Obwohl es ihm widerstrebte, dem Kampf den Rücken zuzukehren, musste Lucius schleunigst nach seinen Männern sehen, schließlich war das hier Celsonius’ Posten. Er zog sich langsam zurück und eilte wieder zur Südseite. Dort meldete ihm auch Mallius, dass ein neuer Angriff bevorstand, die feindlichen Bewegungen hatten zugenommen.

In der Tat brandete unter lautem Geschrei kurze Zeit später auch hier eine Angriffswelle der Gallier gegen den Wall. Wieder versuchten die Angreifer, den Zaun einzureißen. Erneut hieben und stachen die Verteidiger verbissen in das Knäuel der Angreifer.

Lucius kämpfte Seite an Seite mit seinen Männern. Er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Es kam ihm vor, als ob das Gefecht schon Stunden dauerte. Er bemerkte bei sich erste Anzeichen der Erschöpfung. Er war unablässig den Wall entlanggerannt, hatte die Männer ermahnt und angefeuert und beim Kampf ausgeholfen.

Er überließ seine Stellung einem anderen. Er musste sich im Lager umsehen, um einen Überblick über die Kampfsituation zu bekommen. Er übertrug dem Signifer wieder das Kommando für die Südseite. Der Blick zum Himmel zeigte, dass der Sonnenaufgang bevorstand. Sobald es hell war, konnten die Kohorten Verstärkung schicken, so lange mussten sie durchhalten. Er durchquerte das Lager. Von der Reserve war nichts mehr zu sehen, sie war bereits im Einsatz.

Celsonius schien dennoch nicht den Mut zu verlieren. „Oh, sie sind hartnäckig und vor allem die Bogenschützen setzen uns zu, aber sie haben sich zurückgezogen und lauern jetzt im Dunkeln auf eine Chance.“ Sein Gesicht war mit Dreck und Blut bespritzt, aber er lächelte zuversichtlich. „Diese Chance geben wir ihnen nicht!“

An der Nordseite war alles ruhig. Trotzdem ermahnte Lucius Ambiorix und seine Männer zur Wachsamkeit. Sie wussten nach wie vor nicht, wie stark der Feind war.

Lucius näherte sich der Torseite, als er vor sich den Alarmruf hörte und gleich darauf erneut die Hölle losbrach. Die Barbaren hatten mit dem Angriff von Westen und Süden für Ablenkung gesorgt und griffen jetzt die Ostseite an.

Lucius nahm von Ambiorix ein Contubernium Allobroger mit. Die Reserven waren aufgebraucht und Drusillus würde vielleicht Verstärkung brauchen. Auf der anderen Talseite sah man an den Bergspitzen, dass der Morgen nahte. Dort wurde es bereits hell, aber am Tor herrschte noch Dunkelheit.

Lucius hörte Drusillus’ Stimme durch das Getöse und sah das Kampfgetümmel am Tor. Hier konnte es dem Feind am ehesten gelingen, durchzubrechen. Lucius und die acht Allobroger stürmten auf die Stelle zu. Auf sein Kommando schleuderten sie die Speere über die Köpfe ihrer Kameraden auf die Angreifer und warfen sich in den Kampf.

Lucius versuchte, einen Überblick über die Lage zu gewinnen. Überall standen die Männer in harte Abwehrkämpfe verwickelt, aber nirgends war der Wall durchbrochen. Zu seiner Verwunderung gab es an dieser Seite keinen Pfeilbeschuss. Offensichtlich waren alle Bogenschützen des Feindes auf der Westseite, um dort möglichst viel Schaden anzurichten und alle Reserven nach dort zu ziehen.

Drusillus kam auf ihn zu: „Es geht hart auf hart, Marcellus. Haben wir noch Reserven? Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, sie einzusetzen!“

Lucius schüttelte den Kopf. „Die West- und Südseite wurden auch angegriffen. An der Nordseite stehen nur noch sechzehn Mann, da können wir keinen Mann mehr abziehen.“

Lucius ging hinter den Kämpfenden entlang. Die Gallier hatten einen Schildwall gebildet und rückten auf das Tor zu, eine zweite Formation näherte sich dem Graben. In ihrem Schutz wurden die Verteidiger unter Beschuss genommen. Lucius sah einige Gestalten zum Graben laufen, sie kamen paarweise und trugen Schilde zwischen sich. Als sie die Schilde am Graben umkippten, wusste er, was sie machten.