„Aufpassen!“, rief er den Männern zu. „Sie füllen den Graben auf!“
Er sah sich um. Drusillus war am Tor im Einsatz. Es stand niemand mehr bereit, um für einen getöteten oder verletzten Kameraden einzuspringen. Von den anderen Seiten konnte er niemanden mehr abziehen, da er nicht wusste, wie viele Feinde noch in der Dunkelheit lauerten. Wenn sie aber einfach hier standen und auf den nächsten Angriff warteten, waren sie früher oder später verloren. Es war ein Spiel auf Zeit, denn bald würden die übrigen Kohorten zur Verstärkung eintreffen. Wann wurde es endlich hell?
Sie mussten die Initiative ergreifen. Lucius eilte zu den Zelten und befahl den Verletzten, die noch stehen konnten, mitzukommen. Sie sammelten die Wurfspeere der Angreifer auf und hielten sich hinter dem Tor bereit.
„Wir machen einen Ausfall!“, sagte er zu Drusillus.
„Bist du irre?“, fragte ihn der Optio entsetzt.
„Nein! Ich war nie klarer!“ Er wies auf die Angreifer. „Hier halten sie uns am Tor fest und da füllen sie den Graben auf. Wer sonst noch in der Dämmerung lauert, wissen wir nicht! Wir können nicht auf sie warten, sondern müssen sie überraschen!“
Drusillus sah Lucius eine Weile an und nickte dann widerwillig. Lucius zog seinen Gladius und winkte den Verletzten. „Los!“
Sie rannten, hinkten und humpelten heran und schleuderten ihre Wurfspeere auf die Angreifer, die am Tor kämpften. Der plötzliche Speerhagel brachte den Angriff der Gallier ins Stocken.
„Angriff!“, brüllte Lucius und der Cornicen blies zur Attacke.
„TIBERIUS!“, brüllten die Legionäre.
Sie drängten aus dem Tor und hieben auf die Feinde ein. Die Gallier wichen überrascht zurück und ihre Formation löste sich auf. Lucius spürte, wie sie schneller und schneller vorwärtskamen. Vorsicht, schoss es ihm durch den Kopf. Ein Blick über die Schulter zeigte ihm, dass sie sich fast schon zu weit vorgewagt hatten.
„Halt!“, brüllte er so laut er konnte.
Sofort stoppten die Legionäre. Lucius warf einen Blick nach links, wo eine zweite Horde Barbaren Anstalten machte, ihnen in die Flanke zu fallen.
„Links schwenkt! Reihen schließen!“, brüllte er.
Die Legionäre schwenkten auf den neuen Feind zu, der jetzt auch vom Lager aus mit Steinwürfen bedacht wurde. Drusillus hatte in Ermangelung von Wurfspeeren seine Legionäre angewiesen, Steine und Felsen aufzuheben und damit zu werfen. Der Angriff der Barbaren geriet ins Stocken, noch ehe er richtig begonnen hatte. Lucius hörte von der Talseite ein römisches Horn.
„Zurück ins Lager! Zurück!“
Langsam und vorsichtig zogen sich die Legionäre ins Lager zurück. Doch die Gallier rückten nicht nach, sondern verschwanden in der Dämmerung.
Lucius war erschöpft, aber stolz. Seine Männer hatten die Stellung behauptet und an keiner Stelle war es den Angreifern gelungen, ins Lager einzudringen. Allerdings gab es zahlreiche Tote und Verwundete. Als die Sonne aufgegangen war, beaufsichtigten Ambiorix und Celsonius die Bergung der Verwundeten, unterdessen ließ Drusillus eine kleine Einheit der Legionäre ausschwärmen. Sie sammelten die Waffen ein und töteten alle zurückgebliebenen feindlichen Verwundeten. Nach ihrer Rückkehr berichteten sie, dass sie hundertzweiundsiebzig Tote und einundneunzig zurückgelassene Verwundete gezählt hatten.
„Unsere Verluste?“, fragte Lucius Celsonius und Ambiorix.
Selbst Letzterer schien erschöpft zu sein, ein Zustand, den Lucius von dem Kelten nicht kannte.
„Acht tote Legionäre und vierzehn tote Allobroger. Fünf werden noch folgen. Neun Legionäre und dreizehn Allobroger sind schwer verwundet. Wer von diesen überlebt, wird möglicherweise für immer ein Krüppel sein. Elf und siebzehn sind so schwer verwundet, dass sie vorübergehend keinen Dienst tun können.“
„Da bleibt nicht einmal eine halbe Centurie übrig?“, fragte Lucius erschrocken.
Drusillus nickte: „Für die nächste Zeit ist diese Einheit nicht einsatzfähig!“
Drusillus’ Blick war finster. Sie waren erst am Beginn des Feldzuges, und schon fiel ihre Einheit aus.
„Ich gehe und melde es Sabinus!“, verkündete Lucius. „Drusillus und Ambiorix, ihr bereitet alles für die Bestattungsrituale vor!“
Der Tribun Quintus Poppaeus Sabinus war siebenundzwanzig Jahre alt. Sein Vater hatte ihm geraten, einige Jahre bei der Legion zu verbringen, da das seiner weiteren Karriere nur nützlich sein konnte. Er diente jetzt seit drei Jahren bei der XIX Augusta, war aber noch nicht in viele Kämpfe verwickelt gewesen. Trotzdem fühlte er sich schon erfahren. Erfahren genug, um wegen des sonderbaren Gebarens eines Centurios, der hektisch den Berg hinunterlief, nicht in Unruhe zu geraten. Bei jedem anderen Centurio hätte er sich Gedanken gemacht, weil er gewusst hätte, dass die Aufregung berechtigt sein musste. Aber von Vitellius, seinem ersten Speercenturio, wusste er, dass Centurio Marcellus sich die Stellung als Centurio nicht verdient, sondern durch seine Beziehungen bekommen hatte. Nun waren Beziehungen an sich eine gute Sache, aber Marcellus’ Vater war ein gewöhnlicher Mann aus der dritten oder vierten Klasse, durch Kriegsbeute und Geldgeschenke zum Ritter aufgestiegen. Nur deshalb durfte sein Sohn jetzt Centurio spielen. Sabinus war sich daher sicher, dass hinter der ganzen Aufregung nichts Weltbewegendes steckte. Wahrscheinlich hatte Marcellus durch das kleine Scharmützel mit den Barbaren heute Nacht die Fassung verloren. Sabinus stellte sich in die klassische Pose, einen Fuß auf einen Stein gestellt, die Arme auf dem Rücken, und wartete stoisch.
Dann kam der Centurio ins Lager gepoltert. Er blutete aus einem Kratzer am Arm, seine Augen waren geschwollen und sein Gesicht war mit einer dicken Dreckschicht bedeckt. Seine ganze Erscheinung war so ramponiert, als wäre Hannibal mit seinen Elefanten über ihn hinweggetrampelt.
Er hätte sich wenigstens waschen können, dachte Sabinus abschätzig.
Der Centurio grüßte und sprudelte seine Meldung hervor.
Aha, dachte Sabinus, wie ich es mir gedacht hatte, ein Angriff der Barbaren, und schon hat er die Fassung verloren.
Er hörte kaum richtig hin, drei bis vier Manipel stark und zwei Angriffe, das bekam er noch mit, während er wartete, dass dieses Gestammel endlich ein Ende nahm.
Keine Spur von Haltung und dignitas, dachte er bei sich. Ein Mann von Adel wäre nie so aufgeregt herumgehüpft und hätte nicht so hastig und wirr gesprochen. Seine Erziehung und die richtige Abstammung hätten dafür gesorgt, dass er würdevoll und angemessen geredet und gehandelt hätte.
„Centurio!“ Ruhig, laut und bestimmt, wie seine Rhetoriklehrer es ihm beigebracht hatten, ergriff Sabinus das Wort. „Centurio, du gibst den Männern ein schlechtes Beispiel. Wegen ein paar Barbaren verbreitest du Hektik und Unruhe unter den Legionären. Sie sind wohl kaum eine Gefahr, da sie sich bereits wieder zurückziehen. Also sei beim nächsten Mal besonnener und ruhiger. Jetzt gehe wieder auf deinen Posten zurück und halte die Stellung!“
Er sah nach Zustimmung heischend Vitellius an, der neben ihn getreten war. Der schaute äußerst erstaunt zurück. Sabinus’ Gelassenheit geriet ein wenig ins Wanken. Was glotzte Vitellius so blöd? Er blickte zu Marcellus, der fassungslos und erschrocken wirkte.
„Tribun?“, fragte er ihn entgeistert. „Meine Centurie hat die Hälfte ihrer Männer verloren, und damit soll ich die Stellung halten? Dann kann ich ja gleich dem Feind eine Einladung schicken!“
Jetzt war Sabinus vollkommen verwirrt. Die Hälfte der Männer verloren? Wovon sprach er da?
Lucius, dem die hochmütige Miene des Tribuns zuvor natürlich nicht entgangen war, begriff. Anscheinend hatte Sabinus es gar nicht erst für nötig gehalten, ihm zuzuhören. Also wiederholte er langsam und geduldig seine Meldung und sah mit einer gewissen Genugtuung, wie Sabinus’ Hochmut bröckelte und endlich ernster Besorgnis wich.