„Marcellus!“, rief er in seinem gewohnt ungeduldigen Ton. Bei Hilarius hörte sich alles an wie ein Vorwurf, so als wollte er sagen: Warum ist dies oder das noch nicht erledigt? Selbst dann, wenn das Gegenüber seine Aufgabe noch gar nicht kannte.
„Centurio Marcellus!“ Wie immer betonte er besonders das Wort „Centurio“ – und wie immer erinnerte Lucius Hilarius’ Dialekt an die römischen Tagelöhner im Hafen von Massilia.
„Ich habe einen besonderen Auftrag für dich. Geh zum Lager der helvetischen Hilfstruppen! Dort haben sie eine Aufgabe, die für einen tatkräftigen jungen Mann wie dich genau richtig ist!“
Damit ließ Hilarius ihn stehen. Ein bisschen ausführlicher wäre nett gewesen, dachte Lucius. Eine Aufgabe für einen tatkräftigen jungen Mann. Wenn Hilarius das so betonte, verhieß das nichts Gutes.
Er durchquerte das Legionslager, wo allgemeine Aufbruchstimmung herrschte. Im Lager der helvetischen Hilfstruppen waren mehrere Pferche errichtet worden. Dort wurde das erbeutete Vieh gehalten und die Gefangenen bewacht. Der Anblick der Gefangenen stimmte Lucius fröhlich. Gefangene bedeuteten Sklaven und Sklaven bedeuteten Geld. Caesar hatte die Erlöse aus den Sklavenverkäufen an seine Männer verteilt und Lucius hoffte, dass Tiberius dies auch tun würde.
Bei den meisten Gefangenen handelte sich um junge Menschen. Einige Kinder weinten und wurden von ihren Müttern oder Geschwistern getröstet. In einiger Entfernung vom Lager sah Lucius zahlreiche Gestalten auf dem Boden liegen. Raben hatten sich dort versammelt, vom Geruch des Todes angelockt. Dies waren die Alten, Kranken und Schwachen. Sie waren zusammengetrieben und getötet worden, da sie als Sklaven nicht in Frage kamen. Vae victis!, dachte Lucius, und vertrieb das Gefühl von Mitleid mit den Gefangenen, das in ihm aufstieg.
Ein Centurio kam auf ihn zu. Lucius erkannte ihn. Es war Valens, der, solange Canidius krank war, die Legion als erster Speer führte. Er musterte Lucius und zog eine Augenbraue hoch: „Oh, wir werden von dem berühmten Centurio Marcellus beehrt.“
Lucius ignorierte den Sarkasmus und grüßte Valens.
„Nun, da hat man uns ja genau den richtigen Mann geschickt.“ Valens zeigte auf die Gefangenen und auf das Vieh. „Hier siehst du deine neue Aufgabe. Du bist ab jetzt für die Bewachung der Gefangenen und des Viehs zuständig.“
Lucius dachte zuerst, er hätte sich verhört. Dann wurde ihm klar, warum Hilarius sich gefreut hatte, ihm diese unliebsame Aufgabe zu übertragen. Ein tatkräftiger junger Mann. Nun gut, es gab Schlimmeres, als jetzt Viehhirte und Sklaventreiber zu werden.
Lucius teilte seine Männer ein. Er hatte keinerlei Erfahrung als Viehtreiber. Er wusste nur, dass man nie hinter einem Viehtrieb herlaufen sollte, wenn man nicht jede Menge Staub schlucken wollte.
Er wies diese Aufgabe kurzerhand Drusillus zu. Er sollte mit einem Contubernium das Vieh hinter ihnen hertreiben. Drusillus verzog angewidert das Gesicht. Viehtrieb war auch nicht seine Lieblingsbeschäftigung.
Celsonius würde sich um den Verwundetentransport kümmern, und er, Lucius, würde die Bewachung der Gefangenen übernehmen.
Schon nach wenigen Meilen bedauerte Lucius, dass er nicht den Viehtrieb angeführt hatte. Das Ächzen, Stöhnen und Weinen der Gefangenen ging ihm durch Mark und Bein. Er hatte sie der Reihe nach gemustert. Er sah die Gleichgültigkeit, den Trotz, die Verzweiflung und den Hass in ihren Augen. Es war schwer zu ertragen. Hin und wieder sah er verstohlen zu ihnen hinüber. Das blonde Mädchen, das in einen alten Umhang gehüllt war, erinnerte ihn an Flora aus Arausio. Sie musste im gleichen Alter sein. Plötzlich sah sie ihn an, vielleicht hatte sie seinen Blick gespürt, und Wut verzerrte ihr Gesicht. Sie schrie etwas, das er nicht verstand, und spuckte aus. Als er wieder hinsah, bemerkte er zu seiner Überraschung, dass sie auf ihn zukam und vor ihm stehen blieb. Sie hob die Arme und warf den Umhang auf den Boden. Ihre Tunica war zerrissen und hing in Fetzen an ihr herunter. Arme und Beine waren mit Prellungen und Abschürfungen übersät, ihre Beine mit Blut verschmiert. Wieder schrie sie ihm etwas zu, herausfordernd, wütend.
Ihm wurde bewusst, dass er das halbnackte Mädchen schon eine Weile mit offenem Mund anstarrte. Er spürte, wie er errötete, drehte sich hastig um und ging weiter. Das Mädchen lachte hinter ihm her. Es war ein freudloses Lachen. Ripanus trat auf sie zu, hob die Decke auf, hängte ihr sie um und wies sie an, weiterzugehen.
Lucius stapfte, den Blick stur nach vorn gerichtet, weiter. Plötzlich merkte er, wie jemand neben ihm ging. Es war Ripanus.
„Das ist das Schicksal der Frauen!“, sagte er in seinem picentischen Dialekt. „Die Männer werden im Kampf getötet, ihre Frauen gehören dem Sieger, und die Besiegten werden versklavt. So haben die Götter die Welt gemacht, das ist ihr Lauf.“
„Vae Victis!“, erwiderte Lucius. „Wehe den Besiegten!“
Ripanus schien diesen Ausspruch nicht zu kennen.
„Livius!“, fügte Lucius hinzu. „Dieser Satz stammt von einem Gallier. Als die Gallier unter Brennus Rom belagerten, war die Stadt bereit, sich freizukaufen. Brennus benutzte aber falsche Gewichte. Als sich die römischen Abgesandten beschwerten, warf er mit den Worten Vae Victis! sein Schwert auf die Waage.“ Lucius machte eine Pause. „Dies war uns auf jeden Fall eine Lehre.“
Ripanus verzog das Gesicht zu einer Grimasse: „Dass uns ausgerechnet ein Gallier diese Weisheit beibringen musste. Wie dumm von ihm!“ Sie lachten gequält.
Auch der sonst so harte Ripanus scheint sich nicht von dem Mitgefühl für die Gefangenen freimachen zu können, dachte Lucius. Auch dies ist der Krieg.
Am späten Nachmittag näherten sie sich dem Lagerplatz. Die Legionäre hatten bereits damit begonnen, das Lager zu errichten.
„Vorsichtig, Achtung!“, schrie plötzlich jemand hinter Lucius. Er fuhr herum und sah drei Gefangene weglaufen. Sie hatten die Unaufmerksamkeit der Wachen so kurz vor dem Ziel genutzt und waren losgelaufen. Sofort setzten einige Legionäre ihnen nach. Trotz ihrer schweren Waffen holten sie die an Händen und Füßen gefesselten Ausreißer mühelos ein.
Die drei Jünglinge, keiner älter als vierzehn, wehrten sich heftig mit bloßen Händen. Sie traten und schlugen um sich. Auch als sie niedergerungen waren, gaben sie keine Ruhe. Sie schrien, schnappten mit den Zähnen nach den Händen ihrer Häscher. Lucius kam hinzu und sah, dass die drei nur mühsam von den Männern gebändigt werden konnten.
„Bringt sie zur Räson!“, befahl er so barsch, wie es ihm möglich war, um seine Aufregung zu verbergen.
Die Legionäre hatten damit alle Hände voll zu tun. Lucius wurde sich bewusst, dass der Gefangenenzug angehalten hatte und alle die Szene beobachteten. Wenn die Gefangenen den Eindruck bekamen, dass sie mit drei Jünglingen nicht fertig wurden, würden sich die Schwierigkeiten häufen. Wut über diese drei dreckigen Barbaren überkam ihn. Erst plünderten sie jahrelang römisches Gebiet und jetzt, da sie die Quittung dafür bekamen, machten sie ihm auch noch Schwierigkeiten und gefährdeten seine Aufgabe!
Grob rissen die Legionäre einen der drei auf die Beine und schlugen zweimal gegen seinen Kopf. Der Barbar, nicht älter als dreizehn Jahre, trat wild um sich und schrie irgendetwas in seinem Kauderwelsch. Lucius verstand genug von dem Dialekt, um Flüche und Beschimpfungen zu erkennen. Er hatte genug von dem Geschrei und Gebrüll. Er holte mit seiner Vitis aus und hieb damit links und rechts auf die Schulter des Barbaren.
„Halt’s Maul und benimm dich, du Idiot!“, schrie er ihn im helvetischen Dialekt an, gleichgültig, ob ihn der andere verstand oder nicht.
Der Junge zeigte sich unbeeindruckt, rief den Fluch der Götter auf die Römer herab und bedachte sie weiter mit unflätigen Beschimpfungen. Als er Lucius zu allem Überfluss auch noch anspuckte, riss diesem der Geduldsfaden.