„Na warte!“, knurrte er und schlug dem Gefangenen den Stock quer über das Gesicht. Der Junge stieß einen schrillen Schrei aus, sein Kopf flog hintenüber und es knackte laut, als seine Nase brach. Die Legionäre ließen ihn los und er fiel blutüberströmt ins Gras.
Mit drohend erhobenem Stock wandte Lucius sich den beiden anderen zu. Sie gaben ihren Widerstand auf und ließen sich zurück zum Zug führen.
„Centurio!“, brüllte Albanus.
Der niedergeschlagene Junge war wieder aufgesprungen und stürzte sich mit einem Kriegsschrei auf Lucius. Der wirbelte herum und versuchte die Hände abzuwehren, die nach seinem Hals griffen. Albanus stieß den Jungen in die Seite, der strauchelte und wieder zu Boden fiel. Dabei griff er nach Lucius’ Schwertgurt und hielt sich daran fest. Lucius verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Barbaren, der sich an ihm festklammerte. Ein Schlag traf ihn in seine Weichteile. Lucius zuckte vor Schmerz zusammen und glaubte für einen Moment, wieder in jener Gasse in Massilia zu sein. Höhnisches Gelächter ertönte aus dem Gefangenenzug. Aber schon waren die Legionäre da, rissen den Jungen weg und zerrten Lucius in die Höhe, der vor Wut schäumte.
„Du Bastard, du dreckiger, kleiner Barbar! Das wirst du büßen. Ich werde ein Exempel statuieren!“, knirschte er mit zusammengebissenen Zähnen.
Er zwang sich zur Ruhe, als er seinen Gladius zog und auf den Jungen zutrat, der von zwei Legionären festgehalten wurde.
„Es muss jedem Gefangenen klar sein, was ihm blüht, wenn er sich Rom widersetzt!“, verkündete Lucius laut.
Ihre Blicke begegneten sich, kurz bevor Lucius ihm den Gladius in die Brust rammte. Ein Ächzen entfuhr dem sterbenden Jungen und ein Blutschwall drang aus der Wunde. Lucius zog das Schwert wieder heraus. Der Junge fiel aufs Gesicht, als die Legionäre ihn losließen.
„Los, zurück zu den anderen!“, herrschte Lucius die Männer an.
Er wischte den Gladius an der Hose des Toten ab, bevor er das Schwert wieder einsteckte.
Als er das Lager betrat, nahm Lucius nichts von seiner Umgebung wahr. Er hatte den entsetzten Gesichtsausdruck des Jungen vor Augen, als ihn sein Schwert getroffen hatte.
„Vae Victis“, murmelte er vor sich hin. „Wehe den Besiegten.“
DIE • UNTERWERFUNG • • DER • VINDELICER
Tiberius war nach der Unterwerfung der Briganten von Westen her in das Gebiet der Estionen vorgestoßen. Die Estionen hatten keinen Widerstand geleistet, sondern sich zu ihrem Hauptort Cambodunum zurückgezogen und sich dort verschanzt. Sie hatten die Befestigungen verstärkt und alle Vorräte, die sie bekommen konnten, in den Ort geschafft. Von allen Seiten waren die Krieger zusammengeströmt, so dass jetzt siebentausend Kämpfer versammelt waren. Alles, was Speer und Schild tragen konnte, vom Jüngling bis zum Greis, stand unter Waffen.
Tiberius hatte keine Eile an den Tag gelegt, das Oppidum zu erobern oder die Sammlung des Heeres zu verhindern. Beim Sieg über die Briganten hatte die Legion ihr militärisches Können, gepaart mit ihrer Fähigkeiten für Erdarbeiten, bereits unter Beweis gestellt. Nun sollten auch die Estionen diese Vielseitigkeit zu spüren bekommen.
Die Gallica schloss das Oppidum von Norden und Westen ein und begann, Lager zu errichten. Als sie fertig waren, wurden Unterhändler zu den Estionen geschickt, um ihre Unterwerfung zu verlangen. Nachdem die Unterhändler abgewiesen worden waren, begannen die Legionäre, die Lager mit Gräben und Wällen zu verbinden. Unterdessen wurden die Katapulte und Ballisten zusammengebaut und in Position gebracht. Die Römer bauten die Geschütze demonstrativ vor dem Wall auf, damit die Estionen sie gut sehen konnten. Nach fünf Tagen angestrengter Tätigkeit tauchten im Süden die ersten Einheiten der Augusta auf.
Varus hatte die Streifzüge in den Bergen beendet und war flussabwärts nach Norden marschiert. Jetzt vollendete die Augusta die Einschließung des Oppidums durch Lager und Wälle im Süden und Osten von Cambodunum.
Fast zehntausend Soldaten hielten nun die Stadt umzingelt. Es war Anfang Juni und die größte Sommerhitze stand erst bevor. Die Legionäre der Augusta hatten ihre Schanzarbeiten noch nicht abgeschlossen, als die Estionen bereits kampflos aufgaben.
Cambodunum wurde besetzt, die Häuptlinge mussten die Vorräte übergeben und Geiseln stellen. Danach brachen die zwei Legionen auf. Das nächste Ziel war die Unterwerfung der Licaten, noch bevor die Vereinigung mit den Legionen des Drusus bevorstand. Nero Claudius Drusus und seine Legionen hatten in der Zwischenzeit die Alpen überquert und standen im Gebiet der Focunaten.
Ruhetag. Wieso eigentlich „Ruhetag“? Wer hatte die Idee gehabt, den Tag, an dem nicht marschiert wurde, „Ruhetag“ zu nennen? Lucius hatte sich von seinem Feldbett hochgequält. Wie an jedem anderen Tag wurde beim ersten Tageslicht zum Wecken geblasen. Wann hatte er das letzte Mal ausgeschlafen? Das musste doch schon eine Ewigkeit her sein! Während er hastig sein Frühstück herunterschlang, ging er seinen Tagesplan durch. Die Vorräte und die Ausrüstung mussten überprüft werden, ebenso die Kranken- und Verletztenliste.
Vor Cambodunum hatte seine Centurie ein neues Contubernium zugeteilt bekommen. Die acht neuen Legionäre waren keine Rekruten, sondern altgediente Veteranen, die alle einige Jahre älter waren als Lucius. Sie wirkten nicht begeistert, dem „Möchtegern-Centurio“ zugeteilt worden zu sein. Valens hatte sie ihm grinsend überstellt und süffisant bemerkt, ein bisschen mehr Erfahrung in seiner Einheit könne nicht schaden. Es hatte nicht lange gedauert, da fand Lucius heraus, wie die Neuen ausgewählt worden waren. Er war sich sicher, dass man die größten Drückeberger und Störenfriede der Legion zu ihm abkommandiert hatte. Aber immerhin hatte er mit ihnen wieder fünfundsechzig einsatzfähige Legionäre. Mallius hatte vorgeschlagen, die acht auf die anderen Contubernia zu verteilen, aber Lucius hatte abgelehnt. Warum, wusste er nicht, aber sein Bauch sagte ihm, das wäre falsch gewesen, zumindest zu diesem Zeitpunkt.
„So haben wir sie im Blick! Verteilen wir sie über die ganze Centurie, vergiften sie uns die ganze Einheit!“
Zu seiner Überraschung hatte ihm Drusillus beigepflichtet: „Ein fauler Apfel verdirbt das ganze Fass! Die meisten unserer Legionäre sind junge Burschen und anfällig für dummes Geschwätz!“
Lucius dachte daran, wie die Neuen seine Geduld immer wieder auf die Probe gestellt hatten. Sie hatten ihre Arbeiten und Dienste nur mit erkennbar größtem Widerwillen ausgeführt und sich gedrückt, wo es nur ging. Auch vor Cambodunum hatten sie ihre Arbeit langsam und schlampig erledigt.
Lucius stellte zuerst Voluminius zur Rede, der äußerst gelangweilt zuhörte und danach keinen Deut schneller arbeitete. Drusillus schlug einige Male mit dem Stock auf die Neuen ein, aber das schien sie nicht zu beeindrucken.
„Los, ihr faules Pack!“, brüllte er und versetzte ihm einen weiteren Schlag mit der Vitis.
„Optio!“, rief Lucius scharf. „Lass das! Hör auf, die Männer zu misshandeln!“
Drusillus wirbelte herum und starrte Lucius fassungslos an. Sein Gesicht war aber nichts im Vergleich zu dem Gesicht, das Petilius machte. Er hörte mit der Imitation des Grabens auf, die er gerade aufführte, und starrte mit blödem Ausdruck zu Lucius herauf. Drusillus lief dunkelrot an und Lucius befürchtete, dass ihn gleich der Schlag treffen würde.
„Das ist der falsche Weg!“
„Ach, je!“, flüsterte Voluminius laut. „Jetzt führen sie hier guter Centurio, böser Optio auf! Für wie dumm halten die uns eigentlich?“
„Für sehr dumm“, versetzte Lucius, „wenn du schon fragst!“, und fuhr dann an Drusillus gewandt fort: „Optio! Man hat uns diese acht Männer geschickt, damit sie hier bei uns ihren letzten Feldzug abdienen und noch einmal ein bisschen Beute ergattern können. Du weißt, es sind alte, verbrauchte Soldaten, die nicht mehr für richtige Kämpfe taugen.“