Es war still geworden und Drusillus’ Gesicht hatte wieder eine normale Farbe angenommen, ja, es zeigte sogar den Anflug eines Lächelns.
„Centurio“, erwiderte er trotzdem grimmig, das Spiel mitspielend, „sie geben den jungen Legionären ein schlechtes Beispiel!“
„Sie zu schlagen wäre ein noch schlechteres Beispiel!“, entgegnete Lucius bestimmt. „Du würdest auch nicht auf ein altes Pferd einprügeln, um ein junges zu beeindrucken!“
Er schüttelte energisch den Kopf und fuhr mit sanftmütiger Stimme fort: „Nein, unsere Aufgabe ist es, Geduld und Einsicht mit ihnen zu haben und sie durch ihren letzten Feldzug zu geleiten!“
Jetzt hatten alle Legionäre um sie herum mit dem Graben aufgehört und starrten ihn erstaunt an. Geduld und Einsicht war die letzte Eigenschaft, die man von einem Centurio erwartete.
Voluminius ließ sich nicht so leicht irritieren. Er spuckte verächtlich aus und hackte weiter gelangweilt mit seiner Dolabra auf dem Boden herum.
Lucius spürte, wie er beobachtet wurde, und als er verstohlen die Umgebung musterte, zuckte er innerlich zusammen. Hinter ihnen standen der Legat und sein Stab und verfolgten das Gespräch mit großer Aufmerksamkeit. Da war Valens wohl auch nicht weit, und richtig: „Centurio!“, donnerte plötzlich die bekannte, verhasste Stimme.
Nein, nicht jetzt, ihr Götter, habt ein Einsehen, flehte Lucius stumm, da er zu wissen glaubte, was nun kommen würde. Valens würde ihn – mal wieder – vor allen Männern zur Rede stellen.
„Warum wird hier nicht gearbeitet?“, brüllte Valens laut und sofort setzte hektische Betriebsamkeit ein.
Jetzt näherten sich auch Varus und sein Stellvertreter Quirinius. Lucius erinnerte sich kurz daran, wie sehr er Varus bei seiner ersten Begegnung mit ihm unterschätzt hatte. Varus war auf diesem Feldzug bislang von einer nie zu bremsenden Energie gewesen. Mal zu Pferd, mal zu Fuß hatte er seine Truppen begleitet. Er war bei den Hilfstruppen aufgetaucht, um nach dem Rechten zu sehen, oder ein Stück des Weges mit den Legionären marschiert. Rot im Gesicht, außer Atem, aber verbissen und hartnäckig, hatte er den Legionären Respekt abgenötigt.
Musste er aber ausgerechnet jetzt auftauchen und dann auch noch zusammen mit Valens, den die Erde verschlingen sollte? Die acht Neuen schauten amüsiert nach oben, auch sie erwarteten ein unterhaltsames Schauspiel.
„Sind das die acht?“, fragte Valens barsch. Lucius war so verdattert über die Frage, dass er nicht antwortete.
„Ja ‚Centurio!“, antwortete an seiner Stelle Drusillus.
„Äh, ja!“, stammelte auch Lucius.
Valens ging jetzt zu Varus und erklärte ihm etwas, wobei er auf Lucius zeigte. Varus’ Gesicht zeigte zunächst Verwirrung, die aber bald einem schelmischen Lächeln wich. „Gut, gut!“
Varus trat näher und setzte dabei eine Miene auf, wie man sie von einem gütigen Großvater erwarten durfte.
„Ja, meine Lieben, ich habe gehört, dass ihr zu keinem harten Dienst mehr fähig seid, weil ihr euch für das Imperium aufgeopfert habt. Aber Rom ist gütig und es freut euch bestimmt zu hören, dass Augustus für euch sorgen wird!“
Die acht starrten verblüfft zu Varus hinauf. Der Legat sprach direkt zu ihnen, das war ihnen noch nie widerfahren, und dann auch noch in einer Art und Weise, als ob sie noch mit den Nüssen spielten. Der Arbeitseifer rund um sie herum erlahmte wieder. Selbst Hilarius und Vitellius vergaßen, ihre Männer anzutreiben, die betont nicht zuhörten, aber trotzdem versuchten, alle Geräusche zu vermeiden, die das Gespräch hätten übertönen können.
Dies war aber gar nicht nötig, denn Varus fuhr mit lauter Stimme fort: „Nach diesem Feldzug werdet ihr zur III Augusta versetzt, wo ihr dann die restlichen zehn oder fünfzehn Jahre eurer Dienstzeit sicher und ruhig ableisten könnt!“
Das blanke Entsetzen erschien auf den Gesichtern der acht angesprochenen Legionäre. Sie sollten nach Africa geschickt werden? Sie sollten dahin, wo die Garamanten lebten? Und das noch die nächsten zehn Jahre? Den Rest ihrer Dienstzeit in Africa nur noch Kamele bewachen und Schakale vertreiben? Ausgerechnet jetzt, da jeder Legionär davon sprach, dass es in den nächsten Jahren große Kriege an Rhenus und Danuvius geben würde? Hier würde es Ruhm und Beute geben, in Africa nur den Hitzschlag!
Petilius beendete das entsetzte Schweigen: „Bei Mars Stator, aber … aber … Legat …!“ Es klang beinahe flehend.
„Du brauchst mir nicht zu danken!“, säuselte Varus und winkte huldvoll. „Das ist doch selbstverständlich!“
Er stolzierte mit Valens und Quirinius im Schlepptau davon. Valens zeigte seine bekannte unergründliche Miene, Quirinius zwinkerte Lucius im Vorbeigehen zu und sah dann wieder teilnahmslos an ihm vorbei.
Lucius fühlt sich wie ein Riese. „So!“, sagte er gedehnt und hätte am liebsten laut gelacht. „Jetzt lass die Männer in Ruhe weiterarbeiten, Optio, und sei nicht mehr so hart zu ihnen!“
Er ging weiter entlang der Reihen arbeitender Männer und auch Drusillus nahm seinen Kontrollgang wieder auf. Die acht starrten fassungslos hinter ihnen her. Dann hackten sie wie die Berserker auf den Boden ein, als wäre dieser ein Ungeheuer, das es zu erschlagen gelte.
Lucius lächelte, als er an diese Begebenheit dachte, und beugte sich wieder über seinen Tagesplan. Er musste kontrollieren, ob die durch die Ausfälle bedingten Änderungen in der Wacheinteilung vorgenommen worden waren. Dann gab es noch einige Schreibarbeiten zu erledigen. Die Verlustliste, die Verpflegungsanforderungen und … Ach, bei Plutos Arsch! RUHETAG, wenn er diesen Ausdruck schon hörte, bekam er Mordgedanken.
Plötzlich erschien vor seinem inneren Auge der junge Brigant, den er getötet hatte. War es ein Fehler gewesen, diesen Jungen zu töten? Er hätte ihn vermutlich niemals so nahe an sich heranlassen dürfen, dass er ihn anfassen konnte. Aber er war doch nur ein Kind gewesen. Allerdings ein Kind, das durch sein Gebaren die Sicherheit der ganzen Unternehmung gefährdet hatte. Und doch …
„Unsinn!“, fauchte Lucius so laut, dass Ajax erschrocken zusammenfuhr. Verstimmt knallte Lucius das Geschirr auf den Tisch. Wie ein altes Weib oder ein Philosoph benahm er sich. Jammerte wegen zu viel Arbeit und grämte sich um einen toten Feind. Der war schließlich selbst schuld. Wer seinen Wächter angriff, musste mit dem Tod rechnen. Er schüttelte energisch das Bild des sterbenden Jungen ab, das sich derart in seine Erinnerung eingebrannt hatte, erhob sich steifbeinig, nickte Ajax kurz zu und bedeutete ihm, dass er abräumen konnte.
Beim Jupiter, wie er mal wieder stank! Als ob er sich im Schweinekoben gewälzt hätte. Seine Tunica starrte vor Dreck und seinen Mantel konnte man in die Ecke stellen, wo er von selbst stehen würde. Und hinten juckte und brannte es. Nach Tagen ohne die Reinigung mit dem Afterschwamm, anstatt dessen nur Blätter zur Verfügung standen, war auch dort eine gründliche Waschung nötig.
„Bereite Wasser zum Waschen und Rasieren vor! Es wird Zeit, dass ich mich wieder in einen zivilisierten Menschen verwandle. Und wirf diese Tunica weg, am besten verbrenne sie!“
Dann nahm er seinen Stock auf und machte sich auf, um Drusillus zu treffen und mit ihm die Arbeit für den „Ruhetag“ zu besprechen. Die ganze Legion war zur Inspektion angetreten. Lucius schritt die Reihe seiner Centurie ab und musterte Schild, Kettenhemd und Ausrüstung sorgfältig. Hin und wieder hörte man das unverkennbare Geräusch einer Vitis, die auf den Körper eines Legionärs traf. Ein Zeichen, dass ein anderer Centurio einen Missetäter erwischt und eine Schlamperei bestraft hatte. Lucius nutzte seine Vitis in der Regel nur als Zeigestock und tippte auf die entdeckten Unregelmäßigkeiten; Schilde und Schwerter, die nicht richtig gesäubert waren, ein schadhaftes Kettenhemd oder caligae, in denen Nägel fehlten. Drusillus, der ihn mit einer Schreibtafel begleitete, notierte die Namen der Missetäter und die von Lucius verhängten Strafen.