„Einen neuen!“, hörte man Centurio Fastidius brüllen. Lucius warf einen Blick zur 10. Kohorte hinüber und sah, wie Fastidius seine Einheit inspizierte. Wie immer folgte ihm sein Optio mit einem Bündel Ruten unter dem Arm. Fastidius hatte ein jähzorniges Temperament, und so ging schon mal die eine oder andere Vitis auf dem Rücken eines Legionärs zu Bruch. Sein Optio hatte sich angewöhnt, ihm einen Vorrat an Stöcken hinterherzutragen und ihm auf den Ruf „Einen neuen!“ einen weiteren zu reichen.
Nach den Waffen überprüften sie Zelt und Ausrüstung und die eisernen Rationen.
„Wieso ist euer Getreidevorrat so gering?“, fuhr Lucius ein Contubernium an.
„Wir sind halt starke Esser, Centurio!“, sagte einer der Männer entschuldigend.
„Red keinen Quatsch!“, blaffte Lucius. „Wenn ihr mich auf den Arm nehmen wollt, müsst ihr früher aufstehen.“ Er machte eine Pause. „Ihr habt es heimlich weggeschüttet, um euer Gepäck zu erleichtern!“, sagte er ihnen auf den Kopf zu und sah sich bestätigt, als sie verlegen seinem Blick auswichen. „Wenn beim nächsten Mal wieder so viel fehlt, werdet ihr auf Gerste gesetzt!“, sagte er bestimmt und Drusillus machte sich eine Notiz.
Lucius’ Laune besserte sich deutlich, als vor dem Lichterlöschen Voluminius bei ihm vorstellig wurde und inständig bat, von der geplanten Versetzung zur III Augusta abzusehen und ihnen auf dem Feldzug noch eine Chance zu geben. Lucius versprach ihm widerwillig, eine Eingabe beim Legaten zu machen. Er überlegte, wie er das wohl anstellen sollte, brauchte sich aber gar keine weiteren Gedanken zu machen, denn einige Tage, nachdem Cambodunum kapituliert hatte und als sie gerade dabei waren, die Ballisten und Katapulte aufzustellen, erschien auf einmal der Tribun Quirinius bei ihnen. Er sah einen Augenblick den Arbeiten zu, dann trat er zu Lucius und nickte in Richtung Voluminius: „Und?“
Lucius berichtete von dem Gesuch und Quirinius ging mit einem breiten Lächeln weiter.
Das war aber nicht die letzte Überraschung, die Lucius an diesem Tag erwartete. Als er abends sein Zelt betrat, deutete Ajax stumm auf einen Weinschlauch, der auf dem Tisch lag.
„Vom Legaten selbst!“, sagte er beinahe ehrfürchtig und hielt ihm einen Brief hin.
Lucius zog die Schriftrolle auseinander. Der Inhalt war kurz: „Vom Legaten Publius Quintilicius Varus an Centurio Marcellus, damit sein Gaumen sich erfreue. Falls deine Geschmacksnerven durch Posca total verdorben sind und du es nicht schmecken solltest: Es ist Falerner. Gruß, Varus“
Er starrte den Schlauch ungläubig an, dann öffnete er den Verschluss und schenkte sich einen kleinen Schluck ein. Vorsichtig nippte er an dem Becher und – beim Bacchus! – was für ein Geschmack! Er seufzte genussvoll. Dieser Wein war ein Geschenk der Götter an die Menschen. Er schüttete einen Schluck vor dem Lararium auf den Boden. Danach verschloss er den Schlauch sorgfältig und vertraute ihn wieder Ajax an.
„Den gibt es nur zu besonderen Gelegenheiten!“, entschied er und warf einen Blick zum Himmel. „Hm, noch mindestens eine Stunde Tageslicht,“ schätzte er. „Da habe ich noch Zeit, einige Briefe zu schreiben. Quintus und Appius denken sicher schon, ich sei in den Wäldern verloren gegangen.“
Er suchte sich ein Blatt Pergament heraus und setzte sich vor dem Zelt an den Tisch.
Lieber Quintus, ich schreibe dir vor Cambodunum aus dem Lande der Vindelicer.
Gesatorix war stolz auf die Anzahl der Krieger, die ihm folgten, auf seine Herden und auf seinen Barden, der seine Taten besang. Sein Urgroßvater war noch ein einfacher Krieger gewesen, aber er, Gesatorix, war ein Häuptling der Licatier. Er hatte seinen Reichtum in den Kämpfen gegen die Estionen im Westen und gegen die Cattenaten im Osten vergrößert. Nicht zu vergessen die Überfälle auf die Händlerzüge, die von den römischen Siedlungen in Gallien nach Noricum zogen, um die begehrten norischen Waffen zu holen. Dadurch war er zu einem guten Schwert und zu einem erstklassigen Kettenhemd gekommen. Seht mich jetzt an, dachte er. Hier stehe ich und soll vor diesen Römern kuschen. Vor diesen raubgierigen Wölfen aus dem Süden, die ihren Hals nicht voll kriegen können? Niemals!
Cingetorix war ebenfalls ein Häuptling der Licatier. Seine Stimme hatte neben der des Gesatorix das meiste Gewicht bei Beratungen. Auch sein Urgroßvater war ein einfacher Krieger gewesen. Im Gegensatz zu Gesatorix war Cingetorix aber herumgekommen und bereits in Lugdunum, Narbo und Massilia gewesen. Diese Besuche hatten ihm alle Illusionen genommen. Seitdem wusste er, dass jetzt, da die römischen Bürgerkriege zu Ende waren, die Frage nicht mehr war, ob die vindelicischen Stämme von den Römern unterworfen wurden, sondern nur noch, wann. Augustus herrschte allein, der Handel nahm sprunghaft zu und zahllose Siedler strömten in das Land zwischen dem Lacus Lemanus und dem Meer. Die meisten dieser Siedler waren ehemalige Legionäre oder Proletarier aus Rom, die in den drei Gallien angesiedelt wurden. Cingetorix hatte heimlich den gallischen Landtag besucht, den Augustus letztes Jahr abgehalten hatte, und dabei die Legionen gesehen, die in und um Lugdunum zusammengezogen worden waren.
Cingetorix wusste: Das Ende seiner Welt, wie er sie kannte, stand bevor. Es blieb nur offen, ob sie als Untertanen der römischen Wölfin überleben oder kämpfend untergehen würden. Cingetorix hatte entschieden, dass die Frauen und Kinder ein Recht hatten, zu leben. Deswegen war er in der Versammlung für die Unterwerfung eingetreten. Gesatorix war es jedoch gelungen, die Mehrheit der Krieger auf seine Seite zu bringen, und so hatten die Licatier sich vorbereitet, nach Westen zu ziehen, um den Einfall der Römer zu stoppen.
Gesatorix und Cingetorix bekamen den gemeinsamen Oberbefehl über das Heer übertragen und schickten Kundschafter aus. Die Römer waren mit einer Legion irgendwo im Südwesten bei den Caluconen unterwegs und mit einer anderen am Lacus Venetus, berichteten diese.
Die Häuptlinge schickten außerdem Gesandte zu den Nachbarstämmen. Die Estionen waren zu einem Bündnis bereit gewesen und hatten angekündigt, alle wehrfähigen Männer bei Cambodunum zusammenzuziehen, auch die anderen vindelicischen Stämme, die Cattenaten, Cosuaneten und Rucinaten versprachen, ein Aufgebot zu senden.
Gesatorix und Cingetorix brachen mit viertausend Kriegern nach Westen auf, um sich mit den Estionen zu vereinen. Zwei Tagesmärsche vor Cambodunum erfuhren die Licaten von ihren Kundschaftern die niederschmetternden Neuigkeiten: Die Römer hatten die Caluconen besiegt und die Briganten unterworfen. Brigantium war besetzt und auf unfassbare Weise, Cingetorix und Gesatorix konnten es nicht glauben, lagen beide Legionen bereits vor Cambodunum und belagerten den Ort. Das Heer der Licaten hielt an und es kam zu hitzigen Diskussionen. Noch ehe das weitere Vorgehen beschlossen werden konnte, kam die Nachricht von der Kapitulation der Estionen. Von allen Seiten eingeschlossen, hatten sie den Mut verloren und sich ergeben.
Gesatorix schrie und tobte und forderte, sofort weiterzumarschieren und die Römer anzugreifen, aber diesmal folgte die Versammlung ihm nicht. Stattdessen beschloss der Rat, dass sich das Heer zunächst in Richtung Damasia zurückziehen sollte. Cingetorix schickte Boten zu den anderen Stämmen und forderte sie auf, ebenfalls nach Damasia zu kommen und dort die Römer zu erwarten.
Die Licaten waren noch damit beschäftigt, Damasia zu befestigen, als die römischen Unterhändler unter der Führung des Tribuns Gallus vorsprachen und ihre Unterwerfung verlangten.
Erneut gab es heftige Debatten. Gesatorix verwies auf die Unterstützung durch die Cattenaten, Cosuaneten und Rucinaten und konnte damit die Versammlung auf seine Seite bringen. Der Tribun wurde aus dem Lager gejagt und ihm wurde eine deutliche Botschaft an Tiberius mitgegeben: Die Likatier fürchteten sich nur davor, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte, aber nicht vor römischen Legionen. Lik, die Muttergöttin, würde sie beschützen.