Am Abend zogen sich die Römer wieder geordnet in ihre Lager zurück, ohne auch nur einen Angriffsversuch gestartet zu haben.
Auch die Kelten zogen sich nach Damasia zurück. Der Ort war für so viele Krieger viel zu klein und die meisten verbrachten eine ungemütliche Nacht. Das provisorische Lager am Fluss stank schon bald bestialisch, da die Kelten keine Latrinen ausgehoben hatten.
Drei Tage lang marschierten die Kelten jeden Morgen in Schlachtordnung auf, drei Tage lang verweigerte Tiberius ihnen den Kampf. Stattdessen stellte sich jeweils eine Legion auf, um die andere bei weiteren Bautätigkeiten zu schützen. Die Legionäre legten im Norden noch ein weiteres Legionslager und ein kleineres Lager für die Hilfstruppen an, um auch die Straße zu blockieren.
Im Rat der Häuptlinge wurde derweil erbittert gestritten. Cingetorix befürwortete es, einen Teil der Krieger auf die andere Seite der Licca zu bringen und so den Ort zu entlasten, aber die meisten Häuptlinge wollten von einer solchen „Flucht“ nichts wissen. Einen Angriff auf die Befestigung der Römer wollten sie aber auch nicht wagen.
Also entschied der Rat, die Römer weiter zur Schlacht herauszufordern und die Entscheidung zu suchen. Sie hatten alle genug von dem überfüllten Ort, den verdreckten Straßen und den vielen eingepferchten Menschen. Deswegen würden sie erneut vor dem Wall aufmarschieren, und wenn die Römer nicht genug Mut hatten, sie hinter ihrem Wall anzugreifen, würden sie eben selbst zum Angriff übergehen. Cingetorix versuchte, sie davon abzubringen, aber er wurde überstimmt. Gesatorix setzte sich durch. Es würde zur offenen Schlacht kommen.
Am nächsten Morgen stellten sich die Licaten wieder auf. Als die Römer wieder keine Anstalten machten, den Kampf zu beginnen, rückten sie vor. Die dreitausend Cattenaten blieben zurück und sicherten den Ort.
Kaum, dass die Kelten über den Wall hinaus vorgerückt waren, stellten sich die Römer zur Schlachtordnung auf. Die Licaten brüllten vor Begeisterung. Endlich kam es zum lang ersehnten Kampf! Der Weg nach Süden war noch frei und bot so Gelegenheit, im Wald einen Hinterhalt zu legen. Ein Kontingent von tausendzweihundert Cattenaten verließ daher den Ort durch das südliche Tor, um von dort einen Bogen durch den Wald zu schlagen und so die Römer zu umgehen.
Aber am Waldrand lauerte bereits Ahenobarbus mit den Kontingenten der Belgen. Sie warfen sich unter lautem Geschrei auf die Cattenaten, die so überrascht waren, dass sie beinahe kampflos zurückwichen und nach Damasia zurückflohen.
Unterdessen hatten sich die beiden Heere formiert: die Kelten in einer ungeordneten Schlachtreihe, die Legionen im Schachbrettmuster. Dann bliesen auf beiden Seiten die Hörner, Trompeten und Luren. Die Echos wurden von den Bergen zurückgeworfen. Die Kohorten in der zweiten Reihe rückten vor und schlossen die Lücken. Die römische Schlachtreihe stand nun geschlossen da. Sechs Kohorten in der ersten Reihe und zwei als Reserve dahinter. Die Centurien der Manipel standen hintereinander, zehn Reihen breit, sechs Reihen tief. Die Optiones und Tesserarii gingen hinter den Centurien, um sie anzutreiben. Da die Soldaten sich in der Regel nach rechts zu ihrer ungeschützten Seite hin orientierten, um hinter dem Schild ihres Nachbarn Deckung zu suchen, gingen die Centurionen rechts neben ihnen, um diesen natürlichen Rechtszug der Einheiten zu verhindern. Dies war auch Lucius’ Position.
Die Licaten stürmten mit lautem Geschrei vorwärts, um die Römer in einem wilden Ansturm zu überrennen. Lucius erinnerte sich, gelesen zu haben, dass die Kelten oftmals alle Energie in den ersten Ansturm legten. Wenn dieser scheiterte, brach nicht selten die Moral und damit auch die Schlagkraft ihres Heeres zusammen.
Seine Nerven waren gespannt, seine Hand umklammerte den Griff des Schwertes. Der erste Speerhagel ging auf die Römer nieder. Die Kelten hatten ihre leichten Wurfspeere geschleudert. Wie alle Legionäre riss auch Lucius seinen großen Schild hoch. Dumpf schlug es dagegen. Hinter ihm gab es einige Rufe der Überraschung und auch den einen oder anderen Schmerzensschrei. Er warf einen Blick auf die Centurie und stellte zufrieden fest, dass die Reihen nicht in Unordnung geraten war.
„So!“, dachte Lucius mit grimmiger Zufriedenheit. „Jetzt sind wir dran!“
Laut rief er: „Achtung!“, und die erste Reihe trat einen Schritt vor, um Platz für den Wurf zu haben. Jetzt waren die Licaten nur noch eine halbe Speerwurfweite entfernt.
„LOS! Mittite!“, brüllte Lucius.
Die Legionäre begannen, ihre Pila zu werfen. In der vordersten Reihe standen die jüngsten und kräftigsten Legionäre. Sie schleuderten die Pila in schneller Abfolge, wobei sie von den drei Reihen hinter ihnen mit Nachschub versorgt wurden. Die Speere wurden unermüdlich von hinten nach vorn durchgereicht und trafen ihr Ziel zuverlässig. Die meisten Licaten kämpften mit nacktem Oberkörper oder hatten nur ein Hemd übergeworfen, denn Kettenhemden konnten sich nur die Häuptlinge leisten. Als Schutz hatten sie also ausschließlich ihren Schild. Dies war zu wenig. Die schweren Wurfspeere der Römer brachten Tod und Verderben in die anstürmenden Licaten. Viele wurden verwundet oder getötet, andere verloren durch den Beschuss ihren Schild und damit ihren einzigen Schutz.
Lucius sah mit Genugtuung, wie die Reihen der heranstürmenden Barbaren durcheinandergerieten, und wartete ungeduldig auf das Kommando „Vorrücken!“ Da ertönte schon das Signal und er zog sein Schwert: „VORWÄRTS! Die nächsten drei Reihen vorrücken!“
Die drei Reihen rückten an der ersten Reihe vorbei vor, deren Männer sich erschöpft zurückzogen.
„Zieht Schwert!“
Das laute, schleifende Geräusch von Hunderten von Schwertern, die gezogen wurden, hallte über die Ebene.
„Zum Vorrücken blasen!“
Der Cornicen blies das Signal. Die Legionäre setzten sich in Bewegung, erst langsam, dann immer schneller. Dann schallte das nächste Hornsignal herüber.
„Angriff!“, brüllte Lucius.
Die Legionäre stürmten nun den taumelnden Kelten entgegen.
„AUGUSTA!“ Unter lautem Gebrüll rammten sie die Feinde mit ihren Schilden und stachen mit den Schwertern auf sie ein. Besser ausgerüstet und geschützt, war es ein Leichtes für die angreifenden Römer, die bereits schwer angeschlagenen Licaten im Nahkampf zu überrennen. Lucius stemmte sich mit aller Kraft gegen seinen Schild. Er spürte, wie die Reihen links und rechts von ihm geschlossen wurden. Direkt vor sich sah er das wutverzerrte Gesicht eines Kelten, der mit seinem Speer einen Stoß anzubringen versuchte. Lucius stieß mit dem Gladius nach ihm und traf seinen Hals. Der Licate versuchte verzweifelt, den Stoß mit dem Speer abzufangen, aber eingekeilt in die Masse seiner Kameraden, hatte er kaum genug Bewegungsfreiheit.
Die Legionäre stachen mit ihren Schwertern auf die kompakte Masse der Feinde vor ihnen ein. Von hinten rückten die nächsten Reihen nach und lösten die Kämpfer in der ersten Reihe ab. Die Kelten wurden mehr und mehr zurückgedrängt. Doch der Vormarsch geriet plötzlich ins Stocken, als die Kelten ihre eigene Reserve heranführten und die Römer erneut mit einem Speerhagel attackierten.
Die Krieger in der ersten Reihe fassten neuen Mut und warfen sich mit verzweifelter Wut auf die Römer. An mehreren Stellen konnten sie die Schlachtreihe aufbrechen.
Lucius stand jetzt schwer atmend zwischen den Reihen der Kämpfenden und den letzten vier Reihen der Centurie, die noch nicht in die Kämpfe eingegriffen hatten. Er rief ihnen seine Befehle zu.
Die nächsten Legionäre rückten vor. Sie waren mit dem Pilum bewaffnet und drängten nun durch die Gassen in der Schlachtreihe nach vorne, um die Schwertkämpfer abzulösen. Lucius erkannte Ripanus, der mit stoischer Miene näher kam und dann sein Pilum fällte.