Die Kelten sahen sich plötzlich einem Wald von Speeren gegenüber. Die Krieger in den ersten Reihen mussten zurückweichen, um nicht aufgespießt zu werden. Dabei wurden sie von den Männern der hinteren Reihen behindert, die weiter nach vorn drängten. Es war ein unbeschreibliches, dichtes Durcheinander, das Scheppern der Waffen, Hornsignale, das Röhren der Luren, Schmerzens- und Todesschreie.
Mit schweren Verlusten schafften es die Licaten noch einmal, eine Linie zu bilden, nachdem sich die Männer der hinteren Reihen nach vorn gedrängt hatten und nun die Pilumstöße mit ihren Schilden abwehren konnten. Der römische Vorstoß erlahmte.
Dann ertönte das Kommando: „Das Ganze Halt!“
Wie von Geisterhand kam die Schlachtreihe der Römer zum Stehen und erlaubte so den Kelten, sich ein Stück zurückzuziehen.
Gesatorix schäumte vor Wut. Seine Unterstützung hatte den Zusammenbruch der keltischen Schlachtreihe verhindert, aber sie waren weit zurückgedrängt worden, ängstlich und erschöpft.
Er sah die Römer mit ihrem Häuptling an der Spitze näher kommen, der gut an seinem quergestellten Helmbusch zu erkennen war. Gesatorix feuerte seine Männer an, trat vor die Reihen, pries seine Ahnen, prahlte mit seinem Mut und forderte den Römer zum Zweikampf heraus. Dieser rief etwas und zeigte mit dem Schwert auf ihn – und im selben Moment schleuderten die Römer ihre Speere. Die Licaten rissen die Schilde hoch. Ein Brausen erfüllte die Luft, dann schlugen die Speere ein. Die meisten Krieger blieben unverletzt, aber viele büßten ihre Schilde ein. Endlich ließ der Hagel nach. Gesatorix hatte sich niedergeduckt. Er sprang wieder auf und forderte seine Männer brüllend zum Angriff auf. Sie antworteten mit Kriegsgebrüll. Die Schreie wurden lauter und lauter, und schließlich stürmten die Krieger los. Gesatorix lief vorneweg auf den römischen Häuptling zu. Dieser erwartete ihn ruhig, gedeckt durch den riesigen Schild und bewaffnet mit seinem winzigen Schwert. Gesatorix blockte den Schwertstoß des Römers ab und rammte ihn. Beide Männer gingen zu Boden. Gesatorix rollte ab und sprang leichtfüßig auf. Er schwang sein Schwert nach dem Römer, der sich gerade erst halb erhoben hatte. Das Schwert glitt von der Schildkante ab und verfehlte den Arm. Der Römer stieß zu. Gesatorix nutzte den Schwung seines Schlages und drehte sich zur Seite, um dem Stoß zu entgehen. Er drehte sich weiter um die eigene Achse, wechselte das Schwert in die linke Hand und schlug erneut zu. Er traf den Römer im Nacken, oder besser: an seinem Nackenschutz. Der Römer fiel vornüber aufs Gesicht und Gesatorix rammte ihm das Schwert in den Rücken. Dann riss er es wieder heraus, reckte es nach oben und stieß einen Siegesschrei aus. Dieser Zweikampf würde ihm viel Ehre einbringen und einen Skalp, um den ihn alle beneiden würden.
Doch der Kampf gegen die Römer war noch nicht beendet. Die Licaten wüteten wie Berserker und die Reihen der Römer gerieten in Unordnung. Sie wichen zurück und Gesatorix fühlte, dass der Sieg nahe war. Ein zweiter Häuptling der Römer galoppierte auf seinem Pferd herbei und schrie Befehle. Gesatorix hob einen Speer auf und schleuderte ihn auf den Häuptling. Er traf ihn an der Schulter, und wie ein Sack fiel der Feind vom Pferd. Sofort bildeten einige römische Krieger einen Schildwall um ihn. Egal, seine Trophäe würde er sich später holen. Immer weiter drängten sich die Licaten in die römischen Reihen. Das würde der Sieg sein. Gesatorix frohlockte. Wie bei Gergovia würden sie die Römer besiegen und zum Rückzug zwingen.
„Legat!“, rief Quirinius und zeigte auf den rechten Flügel. „Die 3. Kohorte ist in Bedrängnis. Ich glaube, Tribun Valerius ist gefallen!“
Varus wendete sein Pferd. In der Tat, die 3. Kohorte war in Bedrängnis geraten und verließ ihre Position. Schon wandten sich einige Männer in den hinteren Reihen zur Flucht. Varus gab dem Trompeter seine Anweisungen. Die 7. Kohorte, die bisher in Reserve geblieben war, rückte vor. Ein zweites Trompetensignal, und die hart bedrängte Kohorte zog sich durch die Lücken in der Aufstellung zurück und machte Platz für die Reserve. Die 7. Kohorte war frisch und ausgeruht und deckte die Licaten sofort mit ihren Pila ein. Deren Vorstoß erlahmte und kam vollends zum Stocken, als die Legionäre ihre Schwerter zogen und vorrückten.
Gesatorix sank tödlich getroffen unter dem Schwerthieb eines Legionärs aus Oberitalien zusammen. Der Legionär dachte dabei nicht an Ruhm und Ehre und in diesem Moment nicht einmal an die Beute. Er befolgte nur seine Befehle und erledigte seine Aufgabe, für die er 225 Denare im Jahr bekam. Und er war wild entschlossen, diese Schlacht unversehrt zu überleben.
Die Vindelicer zogen sich hinter ihren Wall zurück. Die Legionäre setzten nach, doch als sie in die Reichweite der Bogenschützen gerieten, befahl Tiberius, zum Rückzug zu blasen. Es gab für ihn keinen Grund, seinen Legionären aus der Schlacht heraus den Sturm auf die Stadt oder den Wall zu befehlen. Für ihn bestand gar kein Zweifel, dass sie die Stadt jederzeit stürmen konnten. Er sah nicht ein, warum er dafür mehr Legionäre opfern sollte als unbedingt nötig. Daher beschloss er, es wieder bei der Demonstration militärischer Macht zu belassen.
Die Legionäre schritten das Schlachtfeld ab und bargen die Toten und Verwundeten. Lucius stand neben Voluminius und versorgte eine Verwundung an dessen Arm.
„Nicht schlecht gekämpft für einen alten ausgebrannten Mann!“, bemerkte Voluminius herausfordernd.
Lucius nickte: „Ja, nicht übel!“ Er wickelte ein Stück Stoff um die Wunde und zog es straff, um die Blutung zu stoppen. „Das muss aber so bald wie möglich von einem Arzt behandelt werden!“, sagte er entschieden zu Voluminius.
„Pah, ist doch nur ein Kratzer!“, maulte der.
„Egal! Auch ein Kratzer kann sich entzünden, und ehe du deinen Arm verlierst …!“
Celsonius stand plötzlich vor ihm und zeigte auf eine Stelle, wo mehrere Römer und Kelten im Tode vereint aufeinander lagen.
„Pullio hat es erwischt und Tertinius ebenfalls! Probus ist auch tot, und Exoratus hat eine tiefe Wunde an der Seite!“, zählte er auf. „Einen Überblick über die leicht Verletzten habe ich noch nicht!“
Lucius schluckte. „Gut, verschaff dir einen Überblick und sorge dafür, dass alle ihre Wunden behandeln lassen!“ Er wandte seinen Blick von den Toten ab und half Voluminius auf die Beine. Dabei versuchte er, nicht an den jungen Tertinius auf seinem ersten Feldzug zu denken.
Tiberius ließ Damasia jetzt vollständig durch Lager und Gräben einschließen. Die Belgen wurden im Süden eingesetzt, um die Wege und Pfade in die Berge zu sperren.
Um auch die Wege nach Osten über den Fluss und den See zu blockieren, bauten die Legionäre am Seeufer die Geschütze auf und nahmen tagsüber die Boote unter Beschuss, die Nachschub und Verstärkung brachten. Die Licaten wagten jetzt nur noch nachts, Verwundete aus dem Ort und Verstärkung und Verpflegung hinein zu bringen.
Der Mut der Belagerten begann zu sinken, doch da traf die Hauptstreitmacht der Cattenaten ein, und der Kampfgeist wurde neu entfacht. Wenn jetzt noch die anderen Stämme anrückten, würde man die Römer in die Zange nehmen und zerschmettern.
Da jedoch erreichte die Versammlung der Krieger die Nachricht, dass ein zweites römisches Heer wie vom Himmel gefallen aufgetaucht war und sich von Sonnenaufgang her näherte. Und noch schlimmer: Die anderen Stämme waren umgekehrt und würden nicht zur Hilfe kommen. Damit waren sie auf sich allein gestellt.
Die Licaten und Cattenaten stellten sich zur Entscheidungsschlacht.
Zusammen konnten sie zehntausend Krieger stellen. Mehr Krieger hatten die Römer auch nicht zur Verfügung. Nach der Erfahrung der ersten offenen Schlacht beschlossen die Stämme nun, in Damasia und hinter dem Wall zu bleiben.