Im Heer der Kelten herrschte unglaubliche Verwirrung. Als sich jetzt die Legionen wieder zum Angriff formierten und vorrückten, brach ihr Widerstand zusammen – in wilder Flucht flohen die Vindelicer zur Licca und versuchten, ans gegenüberliegende Ufer zu entkommen. Nur wenige Einheiten sicherten den Rückzug. Sie wurden schnell isoliert, umzingelt und niedergemacht. Die Fliehenden versuchten, in Booten zu entkommen, andere warfen einfach ihre Waffen weg und sprangen in den Fluss, um ans andere Ufer zu schwimmen. Die Geschütze der Römer beschossen die Boote und das Ufer unerbittlich, so dass nur einem kleinen Teil des vindelicischen Heeres schließlich die Flucht gelang.
Am Morgen nach dem Sieg marschierte das Heer gegen Damasia auf und brachte die Katapulte und die Onager in Stellung. Es wurde jedoch kein Stein mehr geschleudert, da Damasia die Tore öffnete und sich ergab. Tiberius verzichtete auf die Plünderung des Ortes und trieb stattdessen die Legionäre an, so schnell wie möglich über den Fluss zu setzen. Zwei Kohorten der Augusta blieben in Damasia als Besatzung zurück. Der Rest folgte dem geschlagenen Heer der Vindelicer nach Norden.
Die Kolonne war zum Stillstand gekommen. Lucius sah auf seine Männer.
Sie hatten das Scutum abgestellt und warteten, auf ihre Pila gestützt, geduldig auf neue Befehle. Lucius spähte nach vorne, um etwas erkennen zu können, aber da war nichts zu sehen, selbst wenn er sich einige Schritte von der Kolonne entfernte.
Da wurde ein neues Signal geblasen: „Marsch!“
Gehorsam setzten sich die Legionäre wieder in Bewegung, aber eine Speerwurfweite entfernt stand der Tribun Scapula und brüllte: „In Schlachtordnung aufmarschieren!“
Die Kohorten vor ihnen waren nach links und rechts ausgeschert. So entwickelte sich wieder das Schachbrettmuster, in dem eine Legion optimal manövrieren konnte.
Mitten in diesem Manöver tauchte einer der Legionsreiter auf. Er führte ein reiterloses Pferd am Zügel und schien jemanden zu suchen.
„Centurio Marcellus!“, rief er, als er die 8. Kohorte erreichte.
„Hier!“, brüllte Lucius zurück.
Der Melder ritt auf ihn zu. „Centurio Marcellus! Du sollst sofort zum Feldherrn kommen!“
Lucius starrte ihn verdutzt an: „Zu Tiberius?“
„Haben wir einen anderen?“, entgegnete der Melder genervt. „Tiberius ist es nicht gewohnt, zu warten. Es wäre daher klug, jetzt aufzusteigen und loszureiten!“
Lucius rief nach Drusillus und reichte ihm sein Scutum, das auf dem Pferd nur hinderlich war, und erklärte ihm kurz, was los war. Dann schwang er sich aufs Pferd und folgt dem Melder.
Bei den Adlern musste man mit allem rechnen, dachte Lucius, als sie nach Osten durch die Kohorten ritten, die sich zur Schlachtreihe formierten. Dann galoppierten sie auf die zweite Kolonne zu, die parallel zur Augusta vorrückte. Auch die Gallica marschierte zur Schlachtformation auf. An der Spitze erkannte Lucius die Prätorianerwache. Dort musste folglich auch Tiberius sein und richtig, der Melder hielt auf sie zu.
Als sie näher kamen, konnte Lucius erkennen, dass sich eine ganze Gruppe um den Feldherrn versammelt hatte. Varus, Quirinius und Canidius waren von der Augusta herübergekommen. Außerdem waren ein weiterer Centurio, der Primipilus der Gallica, und Gallus, der senatorische Tribun der Gallica, anwesend.
Tiberius sah sie kommen und winkte ungeduldig.
„Centurio!“, begann Tiberius, kaum, dass Lucius sein Pferd gezügelt hatte. „Dein Primipilus berichtete mir, dass du gallische Dialekte beherrschst!“
Für den Moment war Lucius sich nicht sicher, ob er überhaupt Latein konnte, da ihm keine Erwiderung einfiel, und so nickte er nur heftig mit dem Kopf. Von allen Gründen, zum Feldherrn gerufen zu werden, waren seine Sprachkenntnisse der am wenigsten erwartete.
„Sprichst du auch die Dialekte der Vindelicer?“
„Ich hatte bis zu diesem Sommer noch mit keinem Vindelicer zu tun!“, erklärte Lucius mit Unbehagen und sah, wie sich Tiberius’ Gesicht verdüsterte. „Aber die Gesprächsfetzen, die ich von Gefangenen mitbekommen habe, sind dem helvetischen Dialekt sehr ähnlich, und den spreche ich; meine Kinderfrau war Helvetierin!“
Tiberius’ Gesicht hellte sich wieder auf. „Sehr gut!“ Er machte eine Pause und sah zu Varus hinüber. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, so dass man das Dröhnen der marschierenden Kohorten gut hören konnte.
Varus hob ergeben die Arme und sagte lakonisch: „Was soll’s, irgendwann muss man ja sterben!“
Tiberius nickte und wandte sich wieder Lucius zu: „Du wirst deinen Legaten begleiten. Er wird dir unterwegs deine Aufgabe erläutern!“
Varus wendete sein Pferd und ritt nach Norden von den Legionen weg. Lucius trieb sein Pferd an und folgte ihm. Zwei Turmae der Legionsreiter schlossen sich ihnen an.
„Eine halbe Wegstunde entfernt lagern die Licaten. Sie sind so demoralisiert, dass sie noch nicht einmal Kundschafter ausgeschickt haben“, begann Varus, die Lage zu erläutern. „Sie wissen also nicht, dass sich die Legionen nähern. Die Legionen werden uns, sobald sie sich vollständig in Schlachtformation begeben haben, folgen.“
„Was ist unsere Aufgabe, Herr?“, fragte Lucius verwirrt.
„Wir reiten zu den Licaten und fordern sie auf, sich zu ergeben!“
Lucius schluckte. „Wir nähern uns mit sechzig Reitern einem feindlichen Heer, wir haben ihre Krieger getötet, ihren Hauptort erobert und ihre Dörfer geplündert – und fordern sie auf, sich zu ergeben?“, fragte er entgeistert.
„Eine treffende Zusammenfassung!“, lobte Varus und lächelte Lucius wohlwollend an.
Lucius wusste nicht, was es da zu lächeln gab. „Du weißt aber schon, dass die Kelten Köpfe und Skalpe sammeln?“, fragte er vorsichtig nach.
Varus lachte auf. „Ja, ich habe davon gehört! Und wenn die Götter es so wollen, wird ein Barbarenhäuptling meinen Kopf als Trophäe bekommen!“
„Wenn die Götter es so wollen!“, echote Lucius abwesend. „Und was ist meine Aufgabe?“
Er stellte die Frage automatisch, obwohl er die Antwort wusste.
„Du hast dich natürlich freiwillig als Dolmetscher gemeldet!“, entgegnete Varus vergnügt.
„Oh! Freiwillig?“, hauchte Lucius verblüfft. „Das muss ich irgendwie nicht mitbekommen haben!“
Jetzt lachte Varus laut auf. „Ja, auf so einem Feldzug geht einem so manches im Kopf herum! Da kann man schon mal das eine oder andere vergessen!“
„Ich scheine in der Tat ein wenig zerstreut zu sein!“, witzelte Lucius weiter und versuchte damit das bohrende Angstgefühl, das in ihm aufstieg, zu überspielen.
Er zügelte abrupt sein Pferd, als er in der Ferne eine Gruppe Menschen ausmachte. Das waren mit Sicherheit Krieger der Licaten. Auch Varus hatte sie gesehen und sein Pferd angehalten. Hinter ihnen verstummte das Hufgetrappel der Legionsreiter. Varus’ Gesicht war auf einmal ernst und angespannt.
Er drehte sich zu Lucius um: „Wenn du gleich mit ihnen sprichst, denke an zwei Dinge: Erstens, Tiberius möchte weiteren Tod und noch mehr Zerstörung vermeiden. Deshalb sind wir hier, um die Barbaren zum Aufgeben zu bringen. Zweitens verkörperst du die auctoritas und die dignitas Roms, also verhalte dich entsprechend! Wir werden vor den Barbaren nicht kuschen. Wenn es sein muss, holen wir uns ihre Unterwerfung auch auf anderem Wege.“
Er rief den Reitern einen Befehl zu. Sie trieben ihre Pferde wieder an und schwenkten auf die Gruppe zu. Als sie näher kamen, sahen sie, dass es in der Tat Krieger waren. Auch die Barbaren hatten sie erkannt, denn mit lautem Geschrei schwärmten sie aus, um sich zum Kampf zu stellen. Die Römer hielten wieder an und Varus sah Lucius aufmunternd an. „Du bist dran, Centurio!“