Doch es ist Colonel Skempton, um dessentwillen Sie sich Sorgen machen und dem Sie aus dem Weg gehen sollten. Der Colonel will nämlich, daß Sie aus dem Hospital hinausgeworfen und zurück auf Ihren früheren Heimatplaneten gebracht werden, und zwar sofort.“
Für einen Moment verschlug es Gurronsevas die Sprache. Ihm kam es vor, als wäre sein unbeweglicher, kuppeiförmiger Schädel ein untätiger Vulkan, der durch den doppelten Druck des Schamgefühls und der Wut über das Schicksal, das eine derart schreiende Ungerechtigkeit gegenüber jemanden zugelassen hatte, der fachlich so umfassend gebildet war wie er und dieser Einrichtung derart viel zu bieten hatte, kurz vorm Ausbruch stand. Da das vorherrschende Gefühl jedoch die Scham war, zwang sich Gurronsevas, das einzige zu sagen, das unter diesen Umständen angebracht war.
Er wandte sich zum Gehen, wobei er gar nicht erst versuchte, den Lärm, den seine Füße beim Auftreten machten, zu dämpfen, und sagte: „Ich werde meine sofortige Kündigung einreichen.“
„Ich habe festgestellt, daß Ausdrücke wie „sofort“ oder „unverzüglich“ gewöhnlich sehr locker gebraucht werden“, verkündete O’Mara mit einer Stimme, die zwar leise war, Gurronsevas jedoch irgendwie mitten in der Drehung innehalten ließ. „Überlegen Sie es sich noch mal.
Die nächsten Wochen fliegt möglicherweise kein Schiff mit dem Flugziel Traltha oder Nidia — oder wohin Sie sich sonst zu fliegen entschlossen haben — das Orbit Hospital an“, fuhr der Chefpsychologe fort. „Und falls Sie es vorziehen, auf eine unbedeutende tralthanische Planetenkolonie zu gehen, die nur selten von Schiffen kommerzieller Betreiber oder des Monitorkorps angeflogen wird, dauert es noch sehr viel länger. Durch diese Verzögerung wäre es Ihnen möglich, alle laufenden Projekte zu beenden, bevor Sie abreisen müssen. Das würde auch dem Hospital zugute kommen, vorausgesetzt, Sie verwickeln es nicht in weitere Beinahekatastrophen. Und Sie persönlich würden ebenfalls davon profitieren, denn je länger die Zeit ist, die Sie hier verbringen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß Außenstehende, zu denen auch Ihre Kollegen in den Hotels für viele verschiedene Spezies gehören, den Eindruck gewinnen, Ihre Trennung vom Orbit Hospital sei unfreiwillig vollzogen worden, und Ihr fachlicher Ruf würde nur minimalen Schaden davontragen.
Versuchen Sie, sich zurückzuhalten — soweit das für einen Tralthaner möglich ist“, setzte O’Mara seine Ausführungen fort, wobei er kurz die Zähne entblößte. „Vermeiden Sie alles, womit Sie Colonel Skemptons Aufmerksamkeit erregen könnten, und ärgern Sie auch sonst keinen Verantwortlichen. Dann werden Sie rasch feststellen, daß Ihre Abreise alles andere als überstürzt stattfinden muß.“
„Aber gehen werde ich letztendlich trotzdem müssen“, warf Gurronsevas ein, womit er eher eine Feststellung traf, als eine Frage stellte.
„Der Colonel hat darauf bestanden, daß Sie das Hospital schnellstens verlassen, und ich habe es ihm zugesichert“, entgegnete O’Mara. „Hätte ich das nicht getan, wären Sie in Ihrer Unterkunft unter Arrest gestellt worden.“
Der Chefpsychologe lehnte sich im Stuhl zurück und gab damit deutlich und wortlos zu verstehen, daß die Unterredung damit für ihn beendet war, doch Gurronsevas rührte sich nicht vom Fleck.
„Ich verstehe“, sagte er. „Und ich möchte Ihnen gerne sagen, daß Sie gegenüber meinen Empfindungen in dieser Situation Feingefühl und Rücksicht bewiesen haben. Ihre Reaktion ist für mich, na ja, gleichzeitig überraschend und verwirrend, denn bisher hatte ich mir nicht vorstellen können, daß sich jemand mit Ihrem Ruf dermaßen verständnisvoll verhält.“
Verlegen brach Gurronsevas ab, weil er sich bewußt war, daß der Versuch, seine Dankbarkeit auszudrücken, ans Beleidigende grenzte. O’Mara beugte sich wieder vor.
„Dann lassen Sie mich einen Teil Ihrer Verwirrung ausräumen“, schlug er grinsend vor. „Natürlich bin ich mir bewußt, daß Sie heimliche Versuche mit meinen Mahlzeiten angestellt haben, und das ist mir von Anfang an klar gewesen. Nein, das Vorzimmerpersonal hat Sie nicht verraten. Sie vergessen, daß ich Psychologe bin, und die ständigen nichtsprachlichen Anzeichen, die ich bei Braithwaite, Cha Thrat und Lioren beobachtet habe, waren unmöglich vor mir zu verbergen. Außerdem haben Sie sich selbst verraten, indem Sie den Geschmack von Gerichten wesentlich verbessert haben, die vorher so unschmackhaft gewesen sind, daß ich beim Essen gefahrlos an wichtigere Dinge denken konnte. Aber das kann ich jetzt nicht mehr. Ich verschwende kostbare Zeit damit, mich zu fragen, welche kulinarische Überraschung mich als nächstes erwartet, oder darüber zu grübeln, wie genau Sie einen bestimmten Geschmack erreicht haben. Nicht alle Änderungen, die Sie vorgenommen haben, sind Verbesserungen gewesen, und ich habe Ihnen bereits eine Liste meiner Reaktionen auf sämtliche Abwandlungen zusammen mit Vorschlägen für weitere Verbesserungen zukommen lassen.“
„Das. das ist wirklich äußerst liebenswürdig von Ihnen, Sir“, stammelte Gurronsevas erstaunt.
„Ich bin weder liebenswürdig noch verständnisvoll, noch besitze iAh irgendeine der anderen Eigenschaften, die Sie mir zuzuschreiben versuchen“, widersprach O’Mara in scharfem Ton. „Ich habe keinen Grund, jemandem dankbar zu sein, der lediglich seine Arbeit tut. Gibt es noch etwas, das Sie mir sagen wollen, bevor Sie gehen?“
„Nein.“
Als Gurronsevas aus dem Büro stampfte, konnte er die beweglichen Einrichrungsgegenstände und die Dekorationsstücke auf O’Maras Schreibtisch klappern hören.
„Was ist passiert?“ fragte Cha Thrat, nachdem Gurronsevas die Tür zu O’Maras Büro hinter sich geschlossen hatte. Nach der Art, wie ihn die drei anstarrten, war klar, daß sich die Sommaradvanerin auch im Namen von Lioren und Braithwaite erkundigte.
Durch die Wut und Enttäuschung fiel es dem Tralthaner schwer, die Stimme auf Zimmerlautstärke zu halten, als er antwortete: „Ich muß das Hospital verlassen, nicht sofort, aber bald. Bis dahin habe ich, wie es O’Mara ausdrückt, meine Arbeit zu tun, ohne die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Leider weiß der Major, daß Sie mir behilflich gewesen sind, die Änderungen an den Gerichten vorzunehmen. Zwar ist er damit zufrieden gewesen, aber er ist mir nicht dankbar. Hat jemand von Ihnen wegen dieser Verschwörung eine Bestrafung zu befürchten?“
Braithwaite schüttelte den Kopf. „Wenn uns O’Mara hätte bestrafen wollen, würden wir inzwischen davon wissen. Aber versuchen Sie doch, das Ganze von der positiven Seite zu sehen, Gurronsevas, und machen Sie es so, wie es O’Mara gesagt hat. Schließlich scheint der Major von einigen Sachen, die Sie tun, etwas zu halten und möchte, daß Sie die weiterfuhren. Wäre er unzufrieden gewesen, tja, dann hätten Sie das Hospital nicht bald verlassen müssen, sondern säßen schon längst auf dem erstbesten Schiff nach Nirgendwo. Sie wissen doch gar nicht, was in Zukunft noch geschehen wird.“
„Ich weiß nur, daß mich Colonel Skempton unter allen Umständen loswerden will“, murmelte Gurronsevas in kläglichem Ton.
„Vielleicht könnten Sie dem Colonel heimlich Substanzen ins Essen mischen, die das Problem beseitigen“, schlug Lioren in sanftem Ton vor.
„Padre!“ ermahnte ihn Braithwaite.
„Ich meinte keine giftigen Substanzen, die zum Tode führen“, stellte Lioren klar, „sondern geschmacksverstärkende Zutaten ähnlich denen, die Sie bei Major O’Maras Gerichten verwendet haben. Unter den terrestrischen DBDGs gibt es ein geläufiges Sprichwort, nach dem der Weg zum Herzen eines Wesens direkt über dessen Magen führt.“