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„Zweifellos ein fragwürdiger und sehr riskanter operativer Eingriff“, warf Cha Thrat ein.

„Ich werde Ihnen den Sinn dieses Sprichworts später erklären, Cha Thrat“, mischte sich Braithwaite lächelnd ein. „Lioren, psychologisch gesehen ist das zwar ein vernünftiger Ratschlag, aber es ist unwahrscheinlich, daß Skempton durch Gurronsevas’ Kochkunst derart leicht zu beeinflussen ist. Nach seiner psychologischen Akte handelt es sich bei Skempton um einen Vegetarier, und das bedeutet, er ist.“

„Also, das verstehe ich jetzt nicht“, mischte sich Cha Thrat erneut ein. „Weshalb sollte sich ein Mitglied der Klassifikation DBDG, die zu den Allesfressern gehört, entschließen, Pflanzenfresser zu werden? Insbesondere, wo die Grundstoffe der Nahrung hier doch sowieso synthetisch sind. Handelt es sich dabei um eine Art religiöses Bedürfnis?“

„Vielleicht hat Skempton ähnliche Überzeugungen wie der Ull, der sagt, daß derjenige, der das Fleisch eines anderen Lebewesens ißt, sei es vernunftbegabt oder nicht, dessen Seele im eigenen Leib bewahrt“, gab Lioren zu bedenken. „Doch der Colonel hat mich in religiösen Angelegenheiten nie um Rat gefragt, deshalb kann ich diesbezüglich nichts mit Sicherheit sagen.“

„Für Pflanzenfresser zu kochen ist für mich nie ein Problem gewesen“, meinte Gurronsevas beiläufig.

Braithwaite nickte, und Cha Thrat blieb stumm. Beide blickten den Padre an, der sämtliche Augen unverwandt auf Gurronsevas gerichtet hatte.

„Darf ich Sie zudem daran erinnern, daß es sich beim Orbit Hospital um eine äußerst große Einrichtung handelt, die viele tausend Lebewesen beherbergt, die aufgrund der Natur der Arbeit, die sie verrichten, und der Gefühle und Motivationen, die diese Arbeit in ihnen hervorruft, gewöhnlich ein äußerst kurzes Gedächtnis haben, was gelegentliche persönliche Auseinandersetzungen betrifft?“ fragte Lioren leise. „Wenn man an einem Ort wie diesem nachtragend wäre, würde der allgemeine psychische Gesundheitszustand äußerst schlecht aussehen, und die Sorte von Leuten, die nachtragend sind, werden schon bei der Bewerbung durch die psychologische Durchleuchtung ausgesondert.

Vielleicht ereignen sich andere Vorfälle — wenn auch hoffentlich nicht mit einem so großen Katastrophenpotential wie Ihr jüngstes Abenteuer—, die Colonel Skemptons Aufmerksamkeit in eine andere Richtung lenken und seine momentane Feindseligkeit Ihnen gegenüber verringern“, fuhr der Tarlaner fort. „Sie sagen, Sie müßten das Hospital bald verlassen, doch als Zeitmaß betrachtet, ist diese Frist unbestimmt, und vielleicht steht der Beschluß, daß Sie abreisen müssen, noch gar nicht dauerhaft fest. Für Gott oder das Schicksal oder irgendwelche willkürlichen Wirkungsweisen der Gesetze des Zufalls, an die Sie vielleicht glauben oder auch nicht, ist alles möglich.“

Lioren hielt kurz inne und fügte dann hinzu: „Mein Rat an Sie lautet: Befolgen Sie den Rat des Majors, und konzentrieren Sie sich auf die Arbeit, die zu leisten Sie allein in der Lage sind, und geben Sie die Hoffnung nicht auf.“

Dieser Ratschlag klang zwar vernünftig, war aber nach Gurronsevas Dafürhalten in geradezu lachhafter Weise übertrieben optimistisch. Doch als er die drei Mitarbeiter des Chefpsychologen verließ, setzte er die Füße leise auf und hatte keine Ahnung, weshalb er sich plötzlich ein ganzes Stück besser fühlte.

13. Kapitel

Gurronsevas’ Optimismus hielt nur wenige Stunden an, und im Laufe der ersten drei Tage, in denen er sich zurückhielt, fühlte er sich immer niedergeschlagener, unsicherer und einsamer. Nur noch selten stattete er seinen Mitarbeitern beim Nahrungssynthesizer und der Pathologie einen kurzen Besuch ab, weil ihn die Beschäftigten an beiden Orten andauernd merkwürdig anstarrten, wenn sie seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gerichtet glaubten; doch ob diesen Blicken Mitleid oder krankhafte Neugier zugrunde lag, wußte er nicht. Abgesehen von diesen wenigen Stippvisiten blieb er in seiner Unterkunft, ging nicht an den Kommunikator und nahm ausschließlich Nahrung aus dem Essensspender zu sich, und dieses freiwillige Abkapseln trug kein bißchen dazu bei, seine gedrückte Stimmung zu heben.

Am vierten Tag klopfte mittags jemand höflich, aber mit außerordentlicher Hartnäckigkeit an die Tür. Es war Padre Lioren.

„Wir haben Sie in letzter Zeit nicht mehr in der Kantine gesehen“, begann er, bevor Gurronsevas etwas sagen konnte. „Sie könnten es mit der Zurückhaltung auch übertreiben, Gurronsevas, denn sich vollkommen zurückzuziehen erregt oft mehr Aufmerksamkeit, als sich wie gewöhnlich zu zeigen. Außerdem haben die meisten Spezies — mich selbst nicht ausgeschlossen — sowieso SchwierigkeitenATralthaner ohne einen Blick auf die Armbinden auseinanderzuhalten. Ich bin gerade auf dem Weg zur Kantine. Hätten Sie Lust, mich zu begleiten?“

„Meine Unterkunft liegt weitab von Ihrem üblichen Weg von der psychologischen Abteilung zur Kantine“, entgegnete Gurronsevas, den seine Verlegenheit innerlich wütend machte.

„Stimmt“, bestätigte Lioren. „Vielleicht habe ich noch bei jemand anderem auf dieser Ebene vorbeigeschaut, ich könnte Ihnen aber auch aus therapeutischen Gründen eine Unwahrheit aufgetischt haben. Was von beidem zutrifft, werden Sie allerdings nie erfahren.“

Ohne zu wissen, warum, antwortete Gurronsevas: „Na gut, ich komme mit.“

Falls ihn tatsächlich mehr Kantinenbesucher beobachteten als sonst, dann wußte Gurronsevas jedenfalls nichts davon, weil er seine vier Augen auch nicht eine Sekunde lang von Lioren, Braithwaite, Cha Thrat und dem eigenen Teller abwandte — und von den Gesprächen, die an den Nachbartischen geführt wurden, drehte sich keins um ihn. Als er sich zu den anderen gesetzt hatte, hatte er sich laut gefragt, wie es den dreien gelungen war, von O’Mara die Erlaubnis zu erhalten, das Vorzimmer unbeaufsichtigt zu lassen. Daraufhin hatte ihm Braithwaite erklärt, es sei ein ungeschriebenes Gesetz des Orbit Hospitals, daß niemand geistesgestört werde, solange die Mitarbeiter der psychologischen Abteilung beim Essen seien. Bei dieser Äußerung hatte sich Gurronsevas der Verdacht aufgedrängt, es handle sich um eine weitere Unwahrheit aus therapeutischen Gründen, und war zu dem Schluß gekommen, daß man versuchte, ihn aufzuheitern.

Doch dann wurde das Gespräch sehr schnell ernsthaft.

„Wie uns zu Ohren gekommen ist, haben Sie in den letzten Tagen nicht gerade viel Zeit bei den Nahrungssynthesizern verbracht, und Abwandlungen bei der Kost hat es in jüngster Zeit auch nicht mehr gegeben“, kam Lieutenant Braithwaite auf den Punkt. „Ist das Ihre freie Entscheidung gewesen, oder wird Ihre Arbeit von anderen behindert? O’Mara würde das gerne wissen.“

Da Gurronsevas von drei Psychologen eingekreist war, kam er zu der Überzeugung, daß es sinnlos wäre, nicht die Wahrheit zu sagen.

„Sowohl als auch“, antwortete er deshalb. „Ich hatte überhaupt keine Lust, jemandem zu begegnen, und meine Arbeit ist auch behindert worden, allerdings nicht von anderen, sondern durch das Fehlen notwendiger Zutaten. Eigentlich hatte ich vorgehabt, Skempton zu bitten, mir bei der Beschaffung zu helfen, weil diese Zutaten nicht auf der normalen Versorgungsliste stehen und vielleicht nur unter hohen Kosten hierher transportiert werden können, doch man hat mir verboten, mit dem Colonel zu sprechen.“

„Ich verstehe“, sagte Braithwaite. Nach kurzem Nachdenken fuhr er fort: „In diesem medizinischen Tollhaus bestellen wir derart viele seltsame und ungewöhnliche Sachen, Geräte und Medikamente und dergleichen, daß die Beschaffung im allgemeinen für keinen Abteilungsleiter ein Problem darstellt. Haben Sie zu Thornnastor ein freundschaftliches Verhältnis?“

„Thornnastor ist immer freundlich zu mir gewesen“, antwortete Gurronsevas. „Aber was der leitende Diagnostiker der Pathologie mit dieser Angelegenheit zu tun hat, ist mir völlig schleierhaft.“