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Man hatte entschieden, ein Schiff zu bauen und auszurüsten, das nur auf diejenigen Notsignale reagieren sollte, deren Positionen sich nicht mit den von den Föderationsschiffen eingereichten Flugplänen deckten — ein ganz besonderes Ambulanzschiff, das den Hilferufen von Lebensformen folgte, die der Föderation bislang unbekannt waren.

Als sich Gurronsevas immer stärker auf die Darstellungen auf dem Monitor konzentrierte, schienen sich vor seinem geistigen Auge und auf dem verdunkelten Urif alldeck mehr und mehr Bilder zerstörter Schiffe und durchs All treibender Trümmermassen aufzutürmen und die toten oder kaum noch lebenden Körper anzuhäufen, die sie enthielten. Manchmal mußten die arg mitgenommenen Lebewesen mit größter Vorsicht aus den Trümmern gezogen werden, weil sie einer Spezies angehörten, die der Föderation unbekannt war, und Aliens, die aufgrund ihrer Verletzungen unter starken Schmerzen litten und geistig verwirrt waren, konnten auf die fremden und furchterregenden Ungeheuer, die sie zu retten versuchten, gewalttätig reagieren. Doch es hatte auch andere Fälle gegeben, in denen das in Not geratene Schiff keine Beschädigungen aufwies und es die Besatzung war, die dringend Hilfe benötigte. Dann mußte sich der kommandierende Offizier der Rhabwar, ein Experte für Technik fremder Spezies, einen Weg in das Alienschiff hineinbahnen, um dessen fremdartigen und womöglich lebensgefährlichen technischen Rätseln auf die Spur zu kommen, bevor die verletzten oder kranken Besatzungsmitglieder, die vielleicht ebenfalls gewalttätig auf die Annäherung ihrer Retter reagierten, behandelt werden konnten.

Von derartigen Fällen war das Logbuch voll.

Es stand auch die umfassende Schilderung eines Einsatzes darin, den die Rhabwar auf den Notruf eines Schiffs hin unternommen hatte, in dem sich die blinden Aliens und ihre mit normaler Sehkraft ausgestatteten und ungeheuer gewalttätigen Gehirnpartner, die sogenannten „Beschützer der Ungeborenen“, befunden hatten. Zudem war von dem gewaltigen Gruppenwesen mit unbekanntem Namen und Herkunftsort die Rede, dessen kilometerlanges Kolonisierungsschiff im interstellaren Raum auseinandergefallen war. Um die in alle Richtungen verstreuten Einzelteile wieder zusammenzusetzen und auf den ursprünglichen Zielplaneten zu transportieren, waren sowohl eine großangelegte militärische Operation als auch ein größerer chirurgischer Eingriff erforderlich gewesen. Und dann hatte es noch die Dwerlaner, die laner, die Duwetz und noch viele andere gegeben.

Gurronsevas wußte zu wenig über Medizin, um alle klinischen Einzelheiten zu verstehen, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Von den Informationen und unglaublichen Ereignissen, die sich vor ihm auf dem Bildschirm ausbreiteten, wurde er derart gefangengenommen, daß er sich nicht die Mühe gemacht hätte, etwas zu sich zu nehmen, wenn der Essensspender von der Computerkonsole aus weniger bequem zu erreichen gewesen wäre. Allmählich machte er sich wegen der Gefahren, die ihm beim nächsten Einsatz der Rhabwar womöglich bevorstanden, Sorgen, doch in gewisser Weise bedauerte er es fast, daß ihm die Voraussetzungen fehlten, aktiv daran teilzunehmen, insbesondere als ihm die Besatzungsliste des Schiffs verriet, daß er zwei Mitglieder des medizinischen Teams bereits gut kannte, nämlich Prilicla und Murchison.

Die Bilder von Wrackteilen fremder Raumschiffe und den unbekannten Spezies angehörenden Insassen verschwanden vom Schirm und wurden durch eine schematische Darstellung des Ambulanzschiffs ersetzt. Nun begann die Stimme, die Aufteilung des Schiffsdecks, die Unterkünfte für Besatzung und Unfallopfer und die Hauptsysteme zu beschreiben, wobei die entsprechenden Bereiche graphisch hervorgehoben wurden. Da die Erklärungen, die auf Gurronsevas einstürmten, bald nur noch nichtssagende Lichter und Geräusche waren, machte er ihnen durch einen Tastendruck ein Ende. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, war müde und hungrig, und sein Kopf war zu voll von seltsamen und außergewöhnlichen Informationen, als daß er hätte schlafen können. Vielleicht war es die schiere Erschöpfung, die derart phantastische Vorstellungen in seinem Gehirn aufkommen ließ, doch als er sich einiges von dem ins Gedächtnis zurückrief, was der Chefpsychologe und andere ihm gegenüber gesagt und getan hatten, und insbesondere das, was hätte getan werden müssen und nicht geschehen war, riefen die eigenen Gedanken in ihm Angst, Unsicherheit, noch größere Verwirrung und sogar ein wenig Hoffnung hervor.

Bei der Rhabwar handelte es sich tatsächlich um ein ganz besonderes Ambulanzschiff, und schon bald sollte es zu einem der höchst ungewöhnlichen und wahrscheinlich gefährlichsten Einsätze aufbrechen, für die es gebaut worden war. Doch wozu sonst sollte O’Mara einen in Ungnade gefallenen Chefdiätisten an Bord dieses Schiffes schicken, wenn er nicht vorhatte, ihm eine erneute Chance zu geben?

16. Kapitel

Die nächsten vier Tage vergingen wie im Fluge und ohne die geringsten Anzeichen von Langeweile. Erst wenn er durch die vollständige geistige und körperliche Erschöpfung gezwungen wurde, die Computerkonsole zu verlassen, ging er zu seinem versteckten Ruheplatz hinter einem mehrteiligen Wandschirm, der als Sichtschutz zwischen den Betten für die Verletzten diente, um dort — wenngleich nicht immer mit Erfolg — zu versuchen, ein wenig abzuschalten. Dann, am fünften Tag, wurde er durch die plötzlich aufflammende Beleuchtung und eine Stimme geweckt, die laut rief: „Gurronsevas, hier ist Lioren! Wachen Sie bitte schnell auf! Wo stecken Sie überhaupt?“

Da man ihn so abrupt aus dem Schlaf gerissen hatte, war er noch zu benommen, um etwas zu sagen, doch indem er den Wandschirm, hinter dem er verborgen war, zur Seite schob, beantwortete er die Frage trotzdem und signalisierte auf diese Weise, daß er allmählich wach wurde.

„Sind Sie seit unserem letzten Gespräch noch mal ins Hospital gegangen oder haben Sie mit irgend jemandem auch nur ein paar Worte gewechselt?“ fragte Lioren in ungewohnt scharfem Ton, wie ihn Gurronsevas bisher noch nicht bei ihm gehört hatte.

„Nein“, antwortete er wahrheitsgemäß. „Dann haben Sie also auch keine Ahnung, was in den letzten beiden Tagen geschehen ist?“ erkundigte sich Lioren in einem Tonfall, der die Frage wie eine Beschuldigung klingen ließ. „Überhaupt keine?“ „Nein“, bestätigte Gurronsevas erneut. Lioren schwieg kurz und fuhr dann mit freundlicherer Stimme fort: „Ich glaube Ihnen. Wenn Sie auf der Rhabwar geblieben sind und von nichts wissen, dann besteht ja die Hoffnung, daß Sie vielleicht keine Schuld daran haben.“

Die Andeutung, er könne gelogen haben, gefiel Gurronsevas gar nicht, und er bemühte sich, seinen Ärger im Zaum zu halten, als er sagte: „Ich habe die ganze Zeit damit verbracht, ausnahmsweise mal das zu tun, was man mir gesagt hat, nämlich mich eingehend mit den Informationen über das Ambulanzschiff zu beschäftigen und außerdem über meine mögliche zukünftige Stellung hier am Hospital nachzudenken. Genau darüber würde ich mich gern mit O’Mara unterhalten, wenn er ein paar Minuten Zeit hätte. Wären Sie jetzt so freundlich, mir zu sagen, wovon Sie überhaupt reden?“

Lioren zögerte abermals wie jemand, der versucht, jemandem eine schlechte Nachricht so schonend wie möglich beizubringen, und antwortete dann: „Ich habe Ihnen zwei Mitteilungen zu machen. Die erste ist ein wenig ungenau und könnte sich für Sie als unerfreulich erweisen. Die zweite wird für Sie auf jeden Fall ärgerlich sein, sofern Sie mir nicht versichern können, daß Sie wirklich nichts mit den momentanen Zuständen zu tun haben. Mir ist es lieber, Ihnen zuerst die weniger unerfreuliche Nachricht mitzuteilen.

Dabei geht es um den nächsten Einsatz der Rhabwar“, fuhr Lioren fort. „Wissen Sie, das ist kaum mehr als ein Gerücht, weil der Einsatz momentan auf ganz hoher Ebene von Leuten erörtert wird, die nur selten tratschen. In dieser Angelegenheit sind eine ganze Menge kostspieliger Hyperraümfülnksprüche hin- und hergeschickt worden. Zu dem Einsatz gehört auch der Kontakt mit einer neu entdeckten intelligenten Spezies, doch es bestehen Zweifel, ob das Ambulanzschiff in der Lage ist, mit der Situation fertig zu werden. Das medizinische Team der Rhabwar glaubt, helfen zu können, und die Kontaktspezialisten betonen immer wieder, daß es ihre Aufgabe sei. Ich glaube, die endgültige Entscheidung hat man bereits getroffen, aber die Durchführung ist durch die Epidemie verzögert worden.“