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„Was für eine Epidemie?“

Lioren zögerte und antwortete dann: „Wenn Sie die ganze Zeit über keinen Fuß ins Hospital gesetzt und mit niemandem dort gesprochen haben, können Sie natürlich nichts davon wissen. Zudem vergrößert sich dadurch die Wahrscheinlichkeit, daß Sie nicht für die Zustände verantwortlich sind.“

„Was für Zustände?“ verlangte Gurronsevas vor Verzweiflung so laut zu wissen, daß seine Stimme bis zum anderen Ende des Bordtunnels zu hören sein mußte. „Was für eine Epidemie? Und was habe ich damit zu tun?“

„Ich hoffe, nichts“, bekräftigte Lioren erneut. „Hören Sie auf zu schreien, dann kläre ich Sie darüber auf.“

Laut Lioren hatte sich vor drei Tagen unter dem Personal und den Patienten des Hospitals eine unbekannte Epidemie ausgebreitet. Nur die warmblütigen Sauerstoffarmer waren betroffen, wenn auch nicht alle. Hudlarer, Nallajimer und einige andere Lebensformen waren von der Seuche verschont geblieben, wie auch — aus unbekanntem Grund — mehrere Mitglieder der ansonsten von ihr befallenen Spezies; diese Einzelfälle waren offenbar immun oder hatten das Glück gehabt, nicht mit den Erregern in Berührung gekommen zu sein. Ein Symptom der Krankheit war Übelkeit, die im Laufe der ersten beiden Tage immer stärker wurde. Danach waren die Erkrankten nicht mehr in der Lage, Nahrung normal durch den Mund zu sich zu nehmen, und mußten intravenös ernährt werden. Schwerwiegender war jedoch der Umstand, daß im gleichen Zeitraum ein allmählicher Verlust der Fähigkeit auftrat, ein logisch zusammenhängendes Gespräch zu führen oder die Bewegungen von Fingern und Gliedmaßen zu koordinieren. Da zu viele Mitarbeiter des Hospitals so krank waren, daß sie weder den eigenen medizinischen Zustand noch den ihrer Patienten richtig untersuchen konnten, war es noch zu früh, um zu sagen, ob die intravenöse Ernährung in allen Fällen erfolgreich war, doch gab es erste Anzeichen, daß die beiden Krankheitssymptome Übelkeit und Gehirnfunktionsstörungen bei denen, die intravenös ernährt wurden, allmählich abklangen.

„Aber wir können nicht jeden erkrankten warmblütigen Sauerstoffatmer — insgesamt sind es annähernd vierhundert — auf unbestimmte Zeit intravenös ernähren“, setzte Lioren seine Ausführungen fort. „Selbst wenn alle rund um die Uhr arbeiten, verfügen wir nicht über genügend medizinische Mitarbeiter von anderen Spezies, um solch eine Aufgabe zu bewältigen. Todesfälle hat es bislang nicht gegeben, aber weil wir auch noch normale Patienten im Hospital haben, die trotz allem behandelt oder operiert werden müssen, sind wir gezwungen, Auszubildende und Assistenzärzte einzusetzen, deren Fähigkeiten für derartige Tätigkeiten nicht ausreichen — da sind Tote nur eine Frage der Zeit. Für eine ordentliche Untersuchung stehen uns nicht genügend Kräfte zur Verfügung, weil die dafür Zuständigen trotz der Vorsichtsmaßnahme, die Kranken und die medizinischen Mitarbeiter derselben Spezies voneinander zu isolieren, ebenfalls erkrankt sind.

Verschont geblieben sind einige Angehörige des höheren medizinischen Personals“, berichtete Lioren weiter. „Diagnostiker Conway hat mir erzählt, in seinem Fall könne das daran gelegen haben, daß er zum fraglichen Zeitpunkt gerade mit einem auf Nallajimer bezogenen Projekt beschäftigt gewesen und es ihm wegen des Schulungsbands schwergefallen sei, etwas zu essen, das nicht wie Vogelfutter ausgesehen habe. Doch wenn das einen Einfluß darauf gehabt hat, daß er nicht krank geworden ist, und wenn ein Zusammenhang zwischen dem Verzehr der Gerichte für warmblütige Sauerstoffatmer und dem Auftreten der Symptome besteht, dann.“

„Spielen Sie etwa auf eine Lebensmittelvergiftung an?“ fiel ihm Gurronsevas ins Wort, wobei er sich bemühte, seine Wut zu zügeln. „Das ist nicht nur beleidigend, sondern auch unerhört und. und ganz unmöglich!“

„… dann dürfte die Diagnose in Anbetracht der weitverbreiteten und überall gleichzeitig ausbrechenden Übelkeit auf Lebensmittelvergiftung lauten“, fuhr Lioren fort, wobei er den Einwurf nicht beachtete, die Frage aber trotzdem beantwortete. „Die Rohmasse, die man zur synthetischen Herstellung der Nahrung verwendet, wird vor dem Verschiffen gründlich auf Qualität und Reinheit überprüft und für den Transport so versiegelt, daß eine Vergiftung durch Chemikalien oder Strahlung praktisch ausgeschlossen werden kann. Nach denselben strengen Sicherheitsvorschriften werden zwar auch die zahlreichen neuen geschmacksverstärkenden Zutaten behandelt, die Sie vor kurzem eingeführt haben, doch weil es so viele verschiedene sind, ist es wahrscheinlicher, daß Giftstoffe oder Krankheitserreger über diesen Weg ins Essen gelangt sind. Und ich stimme Ihnen durchaus zu: daß irgendeine giftige Substanz ins Nahrungsversorgungssystem des Hospitals geraten sein soll, ist äußerst unwahrscheinlich, aber keineswegs unmöglich.“

„Nichts ist unmöglich“, reagierte Gurronsevas verärgert. „Doch Ihre Vermutung kommt dem so nah, daß man.“

„Also, ich will nicht gefühllos klingen“, fiel ihm Lioren ins Wort, „aber wenn der Ausbruch der Epidemie auf vergiftetes Essen zurückzuführen ist, dann werden Sie beruflich in Mißkredit geraten. Noch größer wäre allerdings die Erleichterung der medizinischen Mitarbeiter, weil eine solche Krankheitsursache bedeuten würde, daß sie vor einem medizinischen Problem stünden, das relativ einfach zu beheben wäre. Sollte jedoch nicht eine Lebensmittelvergiftung der Auslöser sein und es sich bei der Übelkeit um das sekundäre Symptom einer Krankheit handeln, die das Gehirn mehrerer verschiedener Spezies angreift, dann haben wir es mit einem sehr viel ernsthafteren Problem zu tun. Das würde nämlich bedeuten, im Hospital fliegt ein bislang unbekannter Erreger herum, der imstande ist, die Barriere zwischen den Spezies zu überwinden. Daß das nach allem, was wir wissen, ebenfalls unmöglich ist, weiß sogar ein medizinischer Laie wie Sie. Doch auf Cromsag habe ich die bittere Erfahrung gemacht, daß man keine Möglichkeit ausschließen sollte.“

Das mit den Krankheitserregern wußte Gurronsevas bereits. Seit dem Moment, als er von Traltha zu seinem ersten Raumflug aufgebrochen war, hatte man ihm immer wieder gesagt, daß für ihn keine Gefahr bestünde, sich die Krankheiten oder Infektionen anderer Spezies zuzuziehen. Doch wie er hatte munkeln hören, waren die medizinischen Kapazitäten auf der ständigen Suche nach der berühmten Ausnahme, die die Regel bestätigte. Was dem Padre auf Cromsag widerfahren war, davon hatte Gurronsevas keine Ahnung, und er war sich sicher, daß jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt war, ihn danach zu fragen.

„Es ist äußerst dringend, die Möglichkeit einer Lebensmittelvergiftung so schnell wie möglich zu bestätigen oder auszuschließen“, fuhr Lioren fort. „Die normalen pathologischen Untersuchungs- und Analyseverfahren sind im Moment zu langsam und unzuverlässig. Obendrein sind die für die Untersuchung Zuständigen entweder zu sehr mit der Behandlung von Patienten beschäftigt oder zählen inzwischen selbst zu den Patienten, oder sie haben die Theorie über die Lebensmittelvergiftung als Krankheitsursache bereits ausgeschlossen, weil sie ihnen zu unwahrscheinlich vorkommt, um damit kostbare Zeit zu vergeuden. Doch Sie, Gurronsevas, wissen, wo und wonach Sie zu suchen haben.

Schließlich sind Lebensmittel Ihr Fachgebiet, Herr Chef diätist.“

„Aber. aber das ist ja eine unverzeihliche Frechheit!“ empörte sich Gurronsevas. „Das ist eine persönliche Beleidigung! In meinem ganzen Leben habe ich es noch nicht mit einer Einrichtung oder einem Nahrungsversorgungsbetrieb zu tun gehabt, der im Umgang mit Lebensmitteln eine derart nachlässige Haltung gegenüber den hygienischen Anforderungen an den Tag gelegt hat, daß er seine Stammgäste gleich massenweise vergiftet!“