„Ich sehe Sie mit eigenen Augen und kann es trotzdem nicht glauben, daß Sie tatsächlich existieren“, sagte sie, während sie Danalta betrachtete. Dann blickte sie nach oben auf Prilicla und fuhr fort: „Insekten mag ich zwar nicht, ob sie nun krabbeln oder fliegen, aber. aber Sie sind einfach wunderschön!“
„Oh, vielen Dank auch, meine Freundin“, entgegnete Prilicla mit einem leichten Wonneschauer. „Sie haben auf den ersten Anblick von Fremdweltlern gut reagiert, und ich spüre, daß Sie selbst keine Angst vor uns haben. Aber wie steht es mit den anderen Erwachsenen und den Kindern?“
Tawsar stieß einen kurzen, unübersetzbaren Laut aus und antwortete: „Die sind über Ihr fremdartiges und grauenvolles, beziehungsweise armseliges und albernes Aussehen aufgeklärt worden. Daß Ihre Freunde sich in unsere Gebräuche und Überzeugungen einmischen wollten und versucht haben, uns zu erzählen, was wir essen und was wir gegen das Licht, das alle Dinge verfaulen läßt, tun sollen, wissen die Kinder schon.
Ihre Freunde haben sogar darum gebeten, einen Blick in unsere lebenden Körper werfen und Dinge tun zu dürfen, die einzig und allein einem Lebensgefährten erlaubt sind. Nein, Prilicla, Sie — vielleicht nicht Sie persönlich, aber auf jeden Fall die Wesen, die ungebeten auf unseren Planeten gekommen sind — erschrecken uns nicht. Diese Fremdweltler haben uns empört und abgestoßen und wütend gemacht. Mehr als alles andere auf der Welt wünschen wir uns, daß die von hier verschwinden, wenngleich wir durchaus wissen, daß Sie uns nicht absichtlich schaden wollen.
Möchten Sie mich, nachdem ich Ihnen gesagt habe, wie wir darüber denken, trotzdem noch als „Freundin“ bezeichnen?“ erkundigte sie sich zum Schluß.
„Ja“, antwortete Prilicla. „Doch müssen Sie mich nicht als Ihren Freund bezeichnen, solange es nicht Ihr eigener Wunsch ist.“
Tawsar gab ein schnaufendes Geräusch von sich. „Ich rechne nicht damit, noch so lange zu leben. Aber wir haben viel zu besichtigen und uns gegenseitig eine Menge zu fragen und zu antworten. Würden Sie lieber mit dem Tal anfangen oder mit der Mine?“
„Die Mine liegt näher, da brauchen Sie nicht so weit zu gehen“, schlug Prilicla vor. „Und wenn Sie in diesen Transporter steigen würden, brauchten Sie sich überhaupt nicht anzustrengen.“
„Der. der berührt ja gar nicht den Boden“, stellte Tawsar verunsichert fest. Ganz offensichtlich rang die Wemarerin mit sich, ob sie sich etwas vollkommen Neuem und möglicherweise Gefährlichem anvertrauen oder lieber die Schmerzen in den durchs Alter steif gewordenen Gliedern ertragen sollte. „Trotzdem macht er den Eindruck, stabil zu sein und sicher in der Luft zu schweben.“
Es dauerte einige Minuten, ehe sich Tawsar selbst überredet hatte, sich auf die mobile Krankentrage zu setzen, und dann winkelte Naydrad die Repulsionsaggregate an, um das Fahrzeug nach vorne in Richtung Mineneingang im Schrittempo des medizinischen Teams in Bewegung zu setzen.
„Ich. ich fliege!“ rief Tawsar.
Und zwar in einer Höhe von einigen Zentimetern, schätzte Gurronsevas in Gedanken.
Über die Kopfhörer hielt Fletcher, der die weit verstreuten Gruppen junger Wemarer im Tal nicht aus den Augen ließ, die Mitglieder des medizinischen Teams ständig über seine Beobachtungen auf dem laufenden. Unter der Leitung eines einzelnen Erwachsenen pflügten mehrere Gruppen die Erde um und rupften Pflanzen aus den unteren Berghängen heraus, bei denen es sich anscheinend um wildwachsendes Unkraut handelte. Doch die Beschäftigung dreier Gruppen von größeren Kindern gab Anlaß zur Besorgnis, denn diese übten mit Schleudern, Armbrüsten und beschwerten Netzen, die sie in Verbindung mit Speeren einsetzten. Die Speere waren grob und primitiv aus Holz gefertigt, besaßen in der Mitte aufgerauhte Griffflächen, verfügten über stumpfe Spitzen, damit sie sowohl zum Werfen als auch zum Stoßen verwendet werden konnten, und fielen für die Hände und Muskeln der jungen DHCGs, die gerade mit ihnen hantierten, ein wenig zu groß aus.
„Die jungen Wemarer spielen da nicht einfach mit Holzschwertern und — speeren, wie es viele andere Kinder tun, denn weder sie selbst noch die Lehrerin betreiben die Übungen wie ein Spiel“, betonte der Captain. „Dazu macht das Ganze einen viel zu ernsthaften Eindruck. Es handelt sich um die ältesten Kinder, und vielleicht haben die da draußen zwischen den landwirtschaftlichen Geräten echte Waffen mit Metallspitzen liegen. Und falls der Kontakt mit Tawsar schiefgeht, könnte man Ihnen den Rückzug zum Schiff abschneiden.“
Prilicla sagte nichts, bis er mit den übrigen nur noch wenige Minuten vom Mineneingang entfernt war, und als er schließlich das Schweigen beendete, hatte Gurronsevas den Eindruck, daß seine Worte nicht nur darauf abzielten, den Captain zu beruhigen, sondern auch das medizinische Team. „In der emotionalen Ausstrahlung der Erwachsenen und Kinder, die sich gestern rings ums Schiff aufgehalten haben, hat keine Spur von Feindseligkeit gelegen, und schon gar nicht die verhohlene Feindseligkeit von Wesen, die vorgeben, Freunde zu sein. Obwohl es sich bei den DHCGs bestimmt nicht um unsere Freunde handelt, sind ihre Empfindungen uns gegenüber nicht feindselig genug, um in ihnen den Wunsch zu erwecken, gewalttätig zu werden. Tawsar bekämpft ihre Abneigung gegen uns oder versucht zumindest, sie zu ignorieren, doch sie verspürt viel mehr als nur bloße Neugier gegenüber Fremden. Genaueres kann ich nicht sagen, aber ich habe den Eindruck, daß sie irgend etwas von uns will, und bis wir herausgefunden haben, wobei es sich darum handelt, sind wir hier ziemlich sicher.
Außerdem sind ja meine Freunde Danalta und Gurronsevas bei uns“, fuhr der Empath fort. „Unser Gestaltwandler kann viele Erscheinungsformen annehmen, die aufsässige Kinder von einem möglichen Angriff abhalten könnten, und der Chefdiätist besitzt eine fast undurchdringliche Haut und verfügt über die Körpermasse und die Muskelkraft, um dasselbe zu tun.“
„Doktor Prilicla“, sagte Fletcher, „soweit es das medizinische Team betrifft, haben wir es hier mit einem Erstkontakt zu tun. Einer von Ihnen könnte leicht etwas sagen oder tun, wodurch sich Tawsars Haltung Ihnen gegenüber mit einem Schlag ins Gegenteil verkehren könnte. Warum sprechen Sie mit den Wemarern nicht lieber im Freien, wo ich Sie im Auge behalten kann, um sie dort bei eventuell auftretenden Konflikten mit Traktorstrahlen herauszuholen? Daß Sie in die Mine gehen wollen, beunruhigt mich.“
In diesem Moment blieb die Gruppe vor der dunklen Öffnung des Eingangsstollens stehen, und der Transporter senkte sich langsam zu Boden. Auf einmal blickte Tawsar zu Prilicla auf und sagte: „Daß Sie in die Mine gehen wollen, beunruhigt mich.“
Danalta schüttelte sich und murmelte: „In einem tiefen Tal wie diesem sind Echos nicht selten.“
Prilicla überhörte die Anmerkung und fragte: „Wieso denn, meine Freundin?“
Die Wemarerin musterte der Reihe nach sämtliche Mitglieder des medizinischen Teams, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Empathen zuwandte. „Ich weiß nicht das Geringste über Sie — ich kenne weder ihre Lebensgewohnheiten noch Ihre Ansichten über seltsame Orte und Lebewesen, nicht einmal Ihre Eßgewohnheiten, einfach nichts. Plötzlich ist mir klargeworden, daß Sie unser Zuhause vielleicht nicht besichtigen sollten. Die Verbindungsgänge sind schmal und niedrig. Hell genug ist es nur an unseren Versammlungsplätzen, und das täglich auch nur für begrenzte Zeit. Selbst unter den Wemarern gibt es welche, denen geschlossene Räume oder der Gedanke an das ungeheure Gewicht des Felsgesteins zu schaffen machen, das über ihnen hängt.