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Langsam ging sie zu dem Spiegel an der gegenüberliegenden Wand und glättete ihre Haare. Die Dunklen Schwestern — wie sie genannt zu werden wünschten — schätzten es nicht, wenn Tessa unordentlich wirkte. Darüber hinaus schienen sie sich aber nicht weiter für das Äußere des Mädchens zu interessieren ... ein Glück, denn der Anblick ihres Spiegelbilds ließ Tessa nun zusammenzucken. Graue, tiefliegende Augen starrten ihr aus dem blassen, ovalen Gesicht entgegen — ein erschöpftes, überschattetes Gesicht, ohne Farbe in den Wangen oder den Hauch einer Hoffnung in den Zügen.

Tessa trug das unvorteilhafte schwarze, gouvernantenhafte Kleid, das die Schwestern ihr nach der Ankunft in London gegeben hatten. Trotz der Versprechungen der beiden war Tessas Koffer nicht eingetroffen und dies war nun das einzige Kleidungsstück, das sie besaß. Rasch wandte Tessa den Kopf ab.

Ihr eigenes Spiegelbild hatte sie nicht immer zusammenzucken lassen. Zwar galt Nate mit seinem attraktiven Äußeren in der Familie als derjenige, der die Schönheit ihrer Mutter geerbt hatte, aber Tessa war mit ihren glatten braunen Haaren und den ruhigen grauen Augen auch recht zufrieden gewesen. Jane Eyre hatte braunes Haar gehabt und viele andere Romanheldinnen ebenfalls. Und es war auch gar nicht so schlimm, groß zu sein. Jedenfalls größer als die meisten Jungen ihres Alters ... das konnte man nicht abstreiten. Aber Tante Harriet hatte ihr stets eingeschärft, solange eine groß gewachsene Frau sich gerade hielt, würde sie immer hoheitsvoll wirken. Allerdings wirkte sie im Moment alles andere als hoheitsvoll, überlegte Tessa. Sie sah verhärmt und ungepflegt aus, wie eine verängstigte Vogelscheuche. Und sie fragte sich, ob Nate sie überhaupt erkennen würde, wenn er sie jetzt zu Gesicht bekäme.

Dieser Gedanke versetzte ihr einen Stich. Nate. Er war derjenige, für den sie das alles hier auf sich nahm, aber manchmal vermisste sie ihn so sehr, dass ihre Brust schmerzte, als hätte sie zerbrochenes Glas geschluckt. Ohne ihn war sie vollkommen allein auf der Welt. Es gab sonst niemanden, der für sie da war. Niemanden auf der ganzen Welt, den es kümmerte, ob sie noch lebte. Diese grauenvolle Vorstellung drohte sie manchmal zu überwältigen und in eine bodenlose Dunkelheit zu stoßen, aus der es kein Entrinnen gab. Wenn sich auf der ganzen Welt niemand für einen interessierte, existierte man dann überhaupt noch? Das Klicken des Türschlosses riss Tessa aus ihren Gedanken. Die Tür schwang auf und Miranda erschien auf der Schwelle.

»Es wird jetzt Zeit, dass Sie mitkommen«, sagte sie.

»Mrs Black und Mrs Dark warten bereits.«

Tessa musterte das Dienstmädchen widerwillig. Sie konnte einfach nicht abschätzen, wie alt Miranda war. Neunzehn? Fünfundzwanzig? Ihr glattes, rundes Gesicht hatte etwas Altersloses an sich und ihre Haare — übrigens von einer undefinierbaren Farbe — waren streng hinter die Ohren gekämmt. Genau wie der Kutscher der Dunklen Schwestern besaß auch Miranda hervorstehende Augen, sodass sie aussah, als wäre sie ständig überrascht. Die beiden mussten irgendwie verwandt sein, überlegte Tessa.

Als sie gemeinsam die Treppe hinunterstiegen —

Miranda mit ihrem hölzernen, schwerfälligen Gang zwei Schritte vor Tessa —, berührte Tessa rasch die Kette, an dem der Klockwerk-Engel hing. Die kurze Berührung war ihr inzwischen zur Gewohnheit geworden, eine Geste, die sie vor jedem erzwungenen Besuch bei den Dunklen Schwestern machte. Sie hielt den Engel fest umklammert, während sie nun Treppe für Treppe hinabstiegen und endlos lange Korridore passierten. Das Dunkle Haus besaß mehrere Etagen, aber außer dem Raum der Dunklen Schwestern, den Fluren und Treppenhäusern und ihrem eigenen Kämmerchen hatte Tessa noch keinen anderen Bereich zu Gesicht bekommen. Schließlich erreichten sie das dämmrige Kellergeschoss. Hier unten war die Luft muffig. Feuchtigkeit glitzerte an den klammen Wänden, was die Schwestern jedoch nicht zu stören schien. Ihr Büro lag in der Nähe der Treppe, geschützt hinter einer breiten Flügeltür, während ein schmaler Gang in die andere Richtung führte und sich in der Dunkelheit verlor. Tessa hatte keine Ahnung, was sich am Ende dieses Flurs befinden mochte, aber irgendetwas an der undurchdringlichen Finsternis der Schatten ließ sie nicht bedauern, dass sie es noch nicht herausgefunden hatte.

Die Tür zum Büro der Schwestern stand weit auf. Miranda stapfte, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, in den Raum, wohingegen Tessa ihr nur widerstrebend folgte. Sie hasste dieses Zimmer mehr als jeden anderen Ort auf der Welt.

Zunächst einmal war es darin immer heiß und feucht, wie in einem Sumpfgebiet, selbst wenn der Himmel vor Tessas Fenster grau und regnerisch wirkte. Die Wände schienen Schwitzwasser abzugeben und die Polsterung der Sessel und Sofas war klamm und stockfleckig. Außerdem roch es in diesem Raum seltsam, wie am Ufer des Hudson an einem heißen Tag: nach Wasser und Unrat und Schlick.

Wie üblich erwarteten die Schwestern sie bereits hinter ihrem riesigen, erhöhten Schreibtisch und wie üblich waren sie in bunt schillernde Farben gekleidet. Mrs Black hatte sich in ein leuchtend lachsrosa Kleid gezwängt, während Mrs Dark in einem pfauenblauen Gewand auf ihrem Platz thronte. Doch gegenüber den farbenprächtigen Satinstoffen wirkten ihre Gesichter wie graue, halb leere Ballons. Beide Frauen trugen wie immer Handschuhe — ganz gleich, wie stickig der Raum auch sein mochte.

»Du kannst gehen, Miranda«, sagte Mrs Black und setzte den schweren Messingglobus auf dem Schreibtisch mit einer trägen Bewegung ihres molligen, weiß behandschuhten Zeigefingers in Bewegung. Tessa hatte bereits mehrfach versucht, einen näheren Blick auf die Weltkugel zu werfen — irgendetwas an der Anordnung der Kontinente erschien ihr merkwürdig, vor allem der Bereich im Zentrum Europas —, doch die Schwestern hielten ihn sorgfältig von ihr fern. »Und schließ die Tür hinter dir.«

Mit ausdrucksloser Miene tat Miranda, wie ihr geheißen. Tessa bemühte sich, nicht zusammenzuzucken, als die Tür hinter dem Dienstmädchen ins Schloss fiel und damit auch den letzten Hauch einer Brise in diesem stickigen Raum ausschloss.

Mrs Dark neigte den Kopf zur Seite. »Komm her, Theresa.« Von den beiden Frauen war sie die freundlichere — sie versuchte eher, zu umschmeicheln und zu überreden, während ihre Schwester durch Schläge und böse gezischte Drohungen zu überzeugen gedachte. »Und nimm das hier«, fügte sie hinzu und hielt Tessa etwas entgegen.

Eine Schleife, wie Tessa sofort erkannte. Ein schäbiges Stück rosa Stoff, das vielleicht als Haarband eines jungen Mädchens gedient hatte.

Inzwischen war Tessa daran gewöhnt, dass die Dunklen Schwestern ihr irgendwelche Gegenstände reichten. Gegenstände, die einst anderen Leuten gehört hatten: Krawattennadeln und Taschenuhren, Trauerschmuck und Kinderspielzeug. Einmal ein Schnürsenkel, dann ein einzelner Ohrring, beide blutverschmiert.

»Nun nimm schon«, forderte Mrs Dark sie erneut auf, mit einem Hauch Ungeduld in der Stimme. »Und verwandle dich.«

Tessa nahm die Schleife. Sie lag leicht in ihrer Hand, leicht wie ein Schmetterlingsflügel, und die Dunklen Schwestern starrten sie ungeduldig an. Tessa erinnerte sich an einige Bücher, die sie gelesen hatte — Romane, in denen die Hauptfiguren vor Gericht standen, zitternd und betend, dass der Urteilsspruch der Richter im Old Bailey »nicht schuldig« lautete. Und wie oft hatte sie sich in diesem Raum selbst auf der Anklagebank gefühlt, ohne genau zu wissen, welches Verbrechen man ihr vorwarf.