»Das war doch der Brandstifter«, protestierte er.
»Mag sein. Aber weshalb hat er das Feuer gelegt?«
»Ich habe keine Ahnung. Das weiß niemand.«
»Mir kommt es vor, als hätte der Brandstifter bis zum letzten Moment selbst nicht gewußt, daß er Feuer legen wollte.«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Reinigungsmittel. Farbe. Das war zufällig da. Wenn Sie vorhätten, ein Gebäude in Brand zu stecken, würden Sie dann einbrechen und sich darauf verlassen, daß da feuergefährliche Flüssigkeiten herumstehen?«
Er sagte langsam: »Nein.«
»Also seien Sie vorsichtig.«
»Sie machen mir angst, wissen Sie das?«
»Gut.«
Er musterte mein Gesicht. »Ich hätte nicht gedacht, daß Sie so sind.«
»Wie denn?«
»Daß Sie so scharf kombinieren ... die Fäden verknüpfen.«
Ich lächelte schief. »Wie eine Teppichnadel! Aber niemand denkt immer an alles. Niemand erkennt die ganze Bedeutung einer Sache auf einmal. Das Verständnis für etwas, was man gesehen hat, kommt schrittweise, ruckweise und manchmal ganz unerwartet. Sollte Ihnen also zu den toten Pferden noch etwas einfallen, was Sie mir noch nicht gesagt haben, dann lassen Sie es mich wissen.«
»Ja«, sagte er nüchtern, »das werde ich tun.«
Vicky gab sich alle Mühe, Kens Mutter, Josephine, zu bezaubern, doch in Wahrheit waren sie unvereinbare Geister. Spontan, großzügig, rundlich, im Innern jung trotz der weißen Haare, mußte Vicky gegen die Abwehr einer bieder gekleideten, eckigen Frau anrennen, der Mißbilligung zur Gewohnheit geworden war.
Belinda suchte Zuflucht in der Küche, kippte eine große Bloody Mary hinunter (zur Beruhigung und damit sie nicht losschrie, meinte Ken, der ihr den Drink mischte) und wirkte als Folge davon gleich menschlicher.
Greg und ich trieben ein wenig Konversation, ohne etwas Denkwürdiges zu sagen, und schließlich setzten wir uns alle nieder zu Lammbraten mit Kartoffeln, Erbsen, Mohren und Soße, einem Gericht, von dem ich schon beinah vergessen hatte, daß es das gab.
Als sich erst einmal alle bedient hatten und zufrieden speisten, war es nicht weiter schwierig, die Sprache auf Kens brillante Arbeit an der kolikgeplagten Stute zu bringen und auf das Mißtrauen, den Undank ihres Besitzers.
»Ein äußerst sonderbarer Mann«, sagte ich. »Wynn Lees heißt er. Er gefiel mir gar nicht.«
Josephine McClure, die neben mir saß, senkte die Gabel, die sie gerade zum Mund führte, und spitzte die Ohren.
»Er hat keine Zuneigung zu seiner Stute erkennen lassen«, fuhr ich fort. »Sie schien ihm egal zu sein. Es sah fast so aus, als wollte er, daß sie stirbt.«
»So herzlos kann doch keiner sein«, rief Vicky aus.
Josephine McClure aß weiter.
»Manche Menschen werden ohne Herz geboren«, sagte ich.
Ken erzählte noch einmal, wie er von Wynn Lees’ Frau die Erlaubnis zur Operation bekommen hatte. Dabei lachte er leise in sich hinein. »Er meinte, sie könne nicht mitten in der Nacht mit mir gesprochen haben, da sie immer Schlaftabletten nehme.«
Josephine McClure sagte bissig: »Wenn man mit Wynn Lees verheiratet ist, schluckt man selbstverständlich Schlaftabletten.«
Gott segne Sie, liebe Frau, dachte ich und bat sie amüsiert im Chor mit den anderen, das zu erläutern.
»Ken«, sagte sie streng, »du hattest mir nicht erzählt, daß du für Wynn Lees gearbeitet hast. Dieser Name! Unvergeßlich. Ich dachte, er wäre ins Ausland gegangen. Halte dich von ihm fern.«
Ken sagte verwundert: »Ich wußte gar nicht, daß du ihn kennst.«
»Ich kenne ihn auch nicht. Ich bin über ihn informiert. Das ist nicht dasselbe.«
»Was wissen Sie denn über ihn?« fragte ich in meinem unwiderstehlichsten Tonfall. »Bitte erzählen Sie’s uns.«
Sie schnaubte. »Er hat Pferde gequält und dafür im Gefängnis gesessen.«
Vicky tat einen entsetzten Ausruf, und ich fragte: »Wann?« »Vor Jahren. Wahrscheinlich ist es vierzig Jahre her. Es war ein furchtbarer Skandal, weil sein Vater Friedensrichter war.«
Ken sah sie mit offenem Mund an. »Davon hast du mir nie was erzählt.«
»Es bestand ja auch kein Anlaß dazu. Ich habe jahrelang nicht einmal mehr seinen Namen gehört. Ich habe nie an ihn gedacht. Er war fortgegangen. Aber wenn euer Mann herzlos gegen seine Stute war, dann dürfte es der gleiche sein, und er ist wiedergekommen. Es kann ja nicht Hunderte von Leuten geben, die Wynn Lees heißen.«
»Sie haben ein gutes Gedächtnis«, sagte ich.
»Ich bin stolz darauf.«
»Ken hat auch ein bißchen Ärger mit Ronnie Upjohn bekommen«, sagte ich. »Wissen Sie über den irgendwelche Geschichten?«
»Ronnie Upjohn?« Sie runzelte leicht die Stirn. »Der hat meinen Mann gekannt. Es ist reichlich blöd von ihm, sich auf einmal zu beklagen, daß Ken mit diesem Pferd gewinnt. Ken hat mir davon erzählt.«
Ich sagte zögernd: »Ist er Geschäftsmann? Hat er einen Partner?«
»Ach, Sie meinen den alten Mr. Travers? Nein, das war der Partner von Ronnies Vater.«
Ich hielt den Atem an.
Josephine schnitt Braten und nahm einen Bissen.
»Da komme ich nicht mit«, sagte Ken. »Wovon redest du?«
»Der alte Mr. Travers«, sagte seine Mutter grimmig, »war ein fürchterlicher Lüstling.«
Vicky schien hingerissen von dem Gegensatz zwischen Josephines tadelnder Miene und ihren markigen Worten. Vicky hätte »Lüstling« mit einem Lachen gesagt, Josephine war es ernst damit. Greg, der lächelte, dachte vielleicht, daß die vertrocknete alte Josephine keine Angst vor den Aufmerksamkeiten irgendwelcher Lüstlinge zu haben brauchte - und doch war sie einmal glücklich verheiratet gewesen, und es gab noch Spuren von dieser jungen Frau, auch wenn ihr Mund jetzt verkniffen und verbittert war.
»Upjohn und Travers«, sagte ich.
»Ganz recht.« Sie aß gleichgültig weiter.
»Was für ein Geschäft war das?« fragte ich.
»Weiß ich nicht. Hatte irgendwas mit Finanzierungen zu tun.«
Ihr Tonfall besagte, daß Finanzierungen für sie ein Buch mit sieben Siegeln waren. »Ronnie Upjohn hat sein Lebtag nicht gearbeitet, soviel ich weiß. Sein Vater und der alte Mr. Travers schwammen im Geld.«
»Sie wissen eine Menge über all diese Leute«, sagte ich bewundernd. »Wie ist es mit den Eaglewoods?«
»O nein, nicht die Eaglewoods«, sagte Belinda.
Josephine warf ihrer Schwiegertochter in spe einen scharfen Blick zu und traf eine beachtenswerte Feststellung: »Gegenüber dieser Izzy sind Sie, glaube ich, ein Fortschritt.«
Belinda sah erstaunt drein, obwohl sie ganz derselben Meinung war. So zweifelhaft es sein mochte, sie hatte eben ein Kompliment bekommen.
»Was gab es an Izzy Eaglewood denn auszusetzen?« fragte ich Josephine.
»Ihre Mutter.«
Vicky verschluckte sich an ein paar Erbsen, und wir mußten ihr auf den Rücken klopfen.
Als die Ordnung wiederhergestellt war, fragte ich: »Was gibt es an der Mutter von Izzy Eaglewood denn auszusetzen?«
Josephine kniff die Lippen zusammen, konnte sich aber nicht enthalten, ihr Wissen preiszugeben. Einmal aufgezogen, schnurrte sie ab wie ein Uhrwerk.
Sie sagte: »Izzys Mutter war und ist ein Flittchen.«
Vicky hatte glücklicherweise keine Erbsen im Mund. Sie lachte entzückt und versicherte Josephine, so ein vergnügliches Essen habe sie schon ewig nicht mehr erlebt. Josephines blasse Wangen röteten sich leicht.
»Jetzt aber mal langsam«, protestierte Ken. »Was ihre Mutter ist, kann man Izzy doch nicht anlasten.«
»Vererbung«, meinte Josephine dunkel.
»Wer ist Izzys Mutter?« fragte ich neutral.
»Russet Eaglewood«, sagte Josephine. »Ein selten blöder Name. Izzy ist natürlich unehelich.«
»Hör doch auf«, bat Ken sie. Er blickte mich etwas verstört an.