»Können Sie nicht das Thema wechseln?«
Ich sagte entgegenkommend zu Josephine: »Wie ist es mit Zoe Mackintosh?«
»Mit wem? O ja. Die hätte als Mann geboren werden sollen. Sie hat Ken noch nie schöne Augen gemacht, soviel ich weiß.«
»Ich wollte nicht ...« Ich schüttelte den Kopf und ließ es auf sich beruhen. »Ob es irgendwelche hübschen Skandalgeschichten über sie oder ihre Familie gibt, meinte ich.«
»Ihr alter Vater ist am Verkalken, wenn man das skandalös nennen kann. Er war immer ein Lump. Angeblich hat er sich von den Buchmachern Prozente zahlen lassen, wenn er ihnen gesagt hat, daß ein heißer Favorit aus seinem Stall nicht siegen würde.«
»Erzählen Sie doch bitte«, sagte Vicky begeistert.
»Der Jockey-Club konnte es nie nachweisen. Dafür war Mackintosh zu gerissen. Wie es heißt, hat er vor ein paar Monaten sehr viel Geld durch eine Immobilienpleite verloren. Bei den steigenden Wohnungspreisen sollte man nicht meinen, daß jemand mit Immobilien Verluste machen kann, aber so ist es vielen hier ergangen. Nicht, daß sie mir leid tun, sie hätten nicht so habgierig sein sollen.«
»Was ist denn passiert?« fragte ich.
»Ich weiß es nicht genau. Ein Nachbar von mir hat alles verloren. Er sagte, man solle nie eine Bürgschaft übernehmen. Ich weiß noch, wie er das gesagt hat, und ich habe es mir gemerkt. Er mußte sein Haus verkaufen.«
»Der Ärmste«, meinte Vicky.
»Er hätte klüger sein sollen.«
»Auch Millionäre können so einen Fehler begehen«, sagte ich.
Josephine schnaubte.
»Was ist mit der Familie Nagrebb?« fragte ich sie.
»Die haben doch die Springreiterin, nicht? Die hab ich im Fernsehen gesehen. Ken kümmert sich um ihre Pferde.«
»Und - ah - Fitzwalter?«
»Nie von ihm gehört.« Sie aß ihren Teller leer, legte Messer und Gabel ordentlich nebeneinander und wandte sich an Ken.
»Ist dieser Nagrebb nicht der Mann«, fragte sie, »der Scherereien bekommen hat, weil er Springpferde beim Training mißhandelt?«
Ken nickte.
»Was hat er gemacht?« fragte ich.
»Ihnen mit einer Stange gegen die Schienbeine geschlagen, während sie gesprungen sind, damit sie lernen, die Beine höher zu heben«, sagte Ken. »Läßt sich schwer nachweisen. Springpferde schlagen dauernd mit den Beinen an, wie Hürdler. Nagrebbs Pferde hatten immer Beulen und Blutergüsse an den Schienbeinen. Jetzt sehen sie besser aus, da er streng verwarnt worden ist.«
Belinda sagte: »Nagrebbs Tochter hat geschworen, er habe es nicht getan.«
Ken lächelte. »Sie tut alles, was er ihr sagt. Sie hat die Pferde geritten, denen er die Beine bearbeitet hat. Sie möchte siegen, und Papa stellt die nötigen Mittel, da kommt es nicht in Frage, daß sie ihn verpfeift.«
»Eine schlechte Welt«, sagte Vicky traurig.
Ein gewisses Maß an Bösem ist die Norm, hatte mein Vater mir erklärt. Ganz und gar gute Menschen sind die Aberration. Was heißt Aberration, hatte ich gefragt. Sieh es im Lexikon nach, dann merkst du es dir auch. Aberration, eine Abweichung vom Normalen und Üblichen. Sieh die Welt, wie sie ist, hatte er gesagt, und dann schau, was du Nützliches in ihr tun kannst. Lüg im Ausland für dein Heimatland. Die unzusammenhängenden Gedanken endeten mit der Überlegung, daß ich wie Nagrebbs Tochter von der Geistesart meines Vaters geprägt worden war.
Als sich die Mittagstafel auflöste, verließ ich Thetford Cottage und fuhr in das Dorf Riddlescombe, um zu sehen, was ich davon wiedererkennen würde. Ich hatte nur undeutliche Bilder im Kopf gehabt und stellte um so überraschter fest, wie vieles mir noch lebhaft vertraut war, als ich die sich hinziehende Hauptstraße entlangfuhr.
Die Post, die Tankstelle, die Kneipen; alles war noch da. Die Zeit hatte weder die kleinen Katen hinweggefegt noch die Steinhäuser verändert. Der Teich, in den ich Steine geworfen hatte, war in dem Verhältnis geschrumpft, wie ich gewachsen war, und ein Bäumchen, in dessen Rinde ich P. P. geritzt hatte, breitete jetzt Äste aus, die im Sommer Schatten spenden wurden. Ich stellte den Wagen ab und ging zu Fuß, und dabei fiel mir wieder ein, wer wo gewohnt hatte und wer gestorben war und wer abgehauen.
Es war wie die Rückkehr in ein vergessenes Land, das man für zwanzig Jahre eingemottet hatte. Henley’s, der Allzweckladen, verkaufte offenbar immer noch knallbunte Bonbons und Turnschuhe und Horrorcomics. Graffiti schockierten immer noch die braven Leute an der Bushaltestelle. Schilder drohten mit Geldstrafen für liegengelassenen Abfall. Für den Neubau des Sportplatzgebäudes wurden Freiwillige gesucht. Das Dorf war im Gegensatz zum Supermarkt noch bekanntes Terrain, wenn auch das rote Telefonhäuschen verschwunden war und ein nagelneues Ärztezentrum dort prunkte, wo der alte Doktor sein Haus gehabt hatte.
Unberührt von Jahrhunderten, ganz zu schweigen von zwanzig Jahren, stand die winzige alte Kirche, in die ich fast nur an Weihnachten gegangen war. Immer noch von einer niedrigen Steinmauer umgeben, mit einem Rasenstreifen, willkürlich angeordneten Eiben und verwitterten, namenlosen grauen Grabsteinen, stand sie da, Sinnbild der verzweifelten Hoffnung auf das ewige Leben.
Ich nahm an, daß sie in diesen normalbösen Zeiten außerhalb der Gottesdienste verschlossen sein würde, und ging ohne Erwartung den Kiesweg entlang, aber der alte Riegel schnappte mit einem vertrauten hohlen Klicken unter meinem Daumen zurück, und als ich die schwere Holztür aufstieß, empfing mich das muffige Geruchsgemisch von Gesangbüchern, Betkissen und Altarblumen, das ich als kleiner Junge für die Gegenwart Gottes gehalten hatte.
Eine ältere Frau, die gerade den Stapel Gesangbücher zurechtrückte, blickte sich um, als ich eintrat, und sagte: »Sie sind zu früh. Die Abendandacht ist erst in drei Stunden.«
Vielleicht könnte ich mich nur mal umsehen, schlug ich vor, und sie sagte, wenn ich leise sei, gäbe es dagegen nichts einzuwenden. Zehn Minuten, dann werde sie weggehen und das Licht löschen.
Ich setzte mich auf eine Bank und sah zu, wie sie in der kleinen, turmartigen Kanzel herumhantierte und mit einem Staubwedel über das Messinggeländer fuhr, das für mich immer die Rampe der Kasperlebühne gewesen war, weil da von der Brust aufwärts auf einmal der Pfarrer in Sicht kam und klangvolle, unverständliche Verse deklamierte, die herrlich von den Wänden widerhallten.
Eigentlich wäre jetzt wohl ein Gebet angebracht gewesen, aber ich hatte mir das Beten abgewöhnt und empfand selten das Bedürfnis danach. Wenn es innerhalb dieser Mauern geistlichen Beistand gab, dann lag er für mich im Unvergänglichen und in der Stille, doch das war beides in zehn Minuten nicht zu erlangen.
Ich wanderte in den rückwärtigen Teil der Kirche und las die Inschrift auf der kleinen Messingplakette wieder, die unauffällig oben an ihrem Platz hing.
Paul Perry. Geburtsjahr und Todesjahr. Ruhe sanft.
Meine Mutter hatte den Pfarrer überredet, sie dort anbringen zu lassen, obwohl Paul Perry in Lambourn gelebt hatte. An jedem ersten Weihnachtstag hatte meine Mutter der Plakette eine Kußhand zugeworfen, und wenngleich ich das bei meiner Rückkehr jetzt nicht tat, wünschte ich ihm doch alles Gute, dem blutjungen Reiter, der mir das Leben geschenkt hatte.
Ich bedankte mich bei der alten Frau. An der Tür sei ein Klingelbeutel, sagte sie. Ich dankte ihr noch einmal, entrichtete meinen Obolus an die Vergangenheit und ging weiter die Straße hinunter, zu dem Bungalow, in dem wir gewohnt hatten.
Er sah natürlich klein aus und wirkte in dem wohlhabenden Dorf immer noch wie ein armer Verwandter. Der Anstrich war verwittert, der Garten öde, aber sauber, das Eingangstor, auf dem ich geschaukelt hatte, fehlte ganz. Ich blieb draußen stehen und fragte mich, ob ich versuchen sollte hineinzukommen oder nicht, doch im Haus würde alles anders sein, und ich würde Erklärungen abgeben müssen, und so nahm ich meine alten Erinnerungen schließlich unberührt wieder mit und schlenderte zurück zum Wagen.