»Ken sagte, dieser Hengst sei nicht versichert gewesen. Wissen Sie, ob es die beiden anderen waren?«
»Davon habe ich nichts gehört.« Sie nahm den Telefonhörer ab, sah eine Nummer nach, tippte sie in die Tasten und fragte den Besitzer des an den Luftwegen operierten Pferdes selbst, ob er es versichert hatte. Das Gespräch wirkte freundlich und ruhig, und offenbar war das Pferd nicht versichert. Sie wiederholte die Anfrage bei dem Röhrbein-Besitzer, mit dem gleichen Ergebnis.
»Drei Tage lagen zwischen dem Röhrbeinbruch und der Operation«, sagte sie. »Es war eine Belastungsfraktur infolge eines Rennens. Zuerst schien das Pferd in Ordnung zu sein, aber am nächsten Tag lahmte es schwer. Ken kam mit einem tragbaren Röntgengerät vorbei und teilte uns die schlechte Nachricht mit. Mein Vater besprach das mit Ken und Carey, und die meinten beide, das Bein könne zusammengeschraubt und das Pferd gerettet werden. Der Besitzer willigte ein, die Kosten dafür zu tragen, weil das Pferd nicht kastriert war und in die Zucht genommen werden konnte, wenn es nicht wieder in Form kam. Diese beiden Pferde sind also einfach im Spital hopsgegangen. Sie waren nicht versichert. Mein Vater und alle anderen nehmen an, daß Ken zumindest nachlässig, wenn nicht regelrecht fahrlässig gewesen ist.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe ihm bei einer schwierigen und sehr kritischen Operation an einer Stute zugesehen und weiß, daß er nicht schludern oder fahrlässig sein könnte. Er ist bei jedem Handgriff ausgesprochen sorgfältig.«
Sie dachte eine Weile darüber nach.
»Wollen Sie ernstlich behaupten«, fragte sie, »daß jemand diese beiden Todesfälle geplant und arrangiert hat?«
»Ich versuche das herauszufinden.«
»Und Ken hat keine Ahnung, wie?«
»Noch nicht.«
»Aber zu welchem Zweck denn, wenn es nicht wegen der Versicherung war?«
Ich seufzte. »Vielleicht, um Ken in Mißkredit zu bringen.«
»Und warum?«
»Das weiß er nicht.«
Sie sah mich grübelnd an. Ich fand, sie hatte eine Menge Glückspilze gekannt, wenn die Gerüchte stimmten.
»Natürlich«, sagte sie schließlich, »könnte auch jemand anders als der Besitzer die Pferde versichert haben.«
»Wie das?« fragte ich.
»Wir hatten mal einen Besitzer, der seine Rechnungen nicht zahlte. Schließlich nahmen seine Schulden bei uns überhand. Seine Geschäfte liefen nicht gut, er konnte das Geld nicht auftreiben. Sein wertvollstes Stück war das Pferd, das wir für ihn trainierten, und es kam so weit, daß wir das Pferd zum Ausgleich für unsere Rechnungen hätten einfordern können, aber um an das Geld zu kommen, hätten wir es verkaufen müssen, und mein Vater, der ihm den Sieg in der Grand National zutraute, wollte sich nicht von ihm trennen. Können Sie mir folgen?«
»Ja«, sagte ich.
»Nun, es sollte in ein Vorbereitungsrennen gehen, und bekanntlich sind Pferde nicht gegen Unfälle gefeit, und ich hatte so ein ungutes Gefühl, deshalb versicherte ich es am Tag vor dem Rennen so hoch, daß der Betrag, den uns der Besitzer schuldete, locker abgedeckt war - und entscheidend ist, ich hatte dem Besitzer nichts davon gesagt.«
»Und ist das Pferd umgekommen?«
»Nicht bei dem Rennen. Das hat es gewonnen. Es kam auf der Rückfahrt durch einen Unfall auf der Autobahn ums Leben.«
Ich gab einen mitfühlenden Ton von mir.
Sie nickte. »Das Pferd konnte uns niemand zurückgeben. Der Besitzer war platt, als ich ihm von der Versicherung erzählte. Ich hatte sie in seinem Namen abgeschlossen, und von Rechts wegen hätte er wahrscheinlich das ganze Geld kassieren und uns leer ausgehen lassen können, doch er war ehrlich, nur eben pleite, und hat gezahlt, was er uns schuldete. Aber ich hätte das Pferd auch versichern können, ohne ihm je ein Wort davon zu sagen, und den ganzen Zaster selbst einstecken können.«
Ich holte langsam und tief Atem. »Danke«, sagte ich.
»Es könnte sein«, sagte sie, »daß die Versicherungsgesellschaft prüft, ob der Name auf der Police mit dem Namen des eingetragenen Besitzers übereinstimmt, und selbst das ist nicht sicher, aber sie würde niemals jeden einzelnen Besitzer anrufen, um sich zu vergewissern, daß er von der Versicherung weiß und sie auch wirklich wünscht.«
»Es sei denn«, sagte ich, »sie wäre mißtrauisch geworden.«
»Bei uns hat sich noch nie eine Versicherungsgesellschaft nach einem Besitzanspruch erkundigt.« »Also«, sagte ich und wollte mich erheben, »ich kann Ihnen gar nicht genug danken .«
»Möchten Sie was trinken?«
Ich horchte sorgfältig auf Beiklänge, auf Untertöne, aber da waren keine.
»Herzlich gern«, sagte ich.
»Scotch oder Wein?«
»Beides gut.«
Ihre Bewegungen waren geschmeidig, fließend. Sie stand auf, ging zu einem Tablett mit Flaschen auf einem Tisch und kam mit zwei Gläsern voll dunklem, gerbstoffreichem Bordeaux zurück. Ein Wein wie die Frau, dachte ich. Beständig, erdig, reif, voller Körper.
»Wie lange sind Sie mit Ken bekannt?« fragte sie, als sie sich wieder hinsetzte.
Ich dachte, »vier Tage« wäre vielleicht unangebracht, deshalb sagte ich bloß: »Die Mutter seiner Verlobten kenne ich schon länger«, was ja zutreffend, wenn auch nicht ehrlich war.
»Belinda!« sagte meine Gastgeberin verwundert. »Diese herrische Krankenschwester. Sie wäre die letzte, die ich für ihn ausgesucht hätte.«
»Sie ist gar nicht so übel.«
Sie zuckte die Achseln. »Na ja, wenn sie glücklich sind.«
Ich trank einen Schluck Wein. »Die haben etwas von einem Jungen gesagt, der vor langer Zeit hier gewohnt hat. Jimmy, nicht wahr?«
Ihr Gesicht wurde weicher, und sie sagte traurig: »Ja, mein kleiner Bruder. Ein ziemlich wildes Kerlchen war das.«
Ich hoffte im stillen, sie würde weiterreden, und nach einem Augenblick tat sie es auch. »Er hat immer mit einem Jungen aus dem Dorf Blödsinn gemacht. Sie kriegten Ärger, weil sie die Eisenbahn mit Steinen beworfen hatten, und ein Polizist in Uniform kam, um Jimmy die Meinung zu sagen, und am nächsten Tag ist er von einem Lastwagen überfahren worden und bald darauf gestorben, ohne noch mal das Bewußtsein wiederzuerlangen.« Sie lächelte zärtlich. »Seltsam, aber manche Sachen kommen einem immer so vor, als wären sie erst gestern passiert.«
»Mhm.«
»Ich war zehn Jahre älter als Jimmy. Mein Vater hatte sich immer einen Sohn gewünscht, und er ist nie darüber hinweggekommen.« Sie schüttelte sich plötzlich. »Ich weiß nicht, warum ich Sie damit belaste.«
»Ich hatte gefragt.«
»Stimmt.«
Ich war versucht, ihr zu sagen, daß ich der Junge aus dem Dorf war, doch da ich immer noch glaubte, die Anonymität von Peter Darwin, Diplomat, könnte mir bei der Entwirrung von Kens Schwierigkeiten förderlich sein, ließ ich den Augenblick verstreichen. Sie fragte mich schließlich, wovon ich lebte, und ich sagte es ihr, und sie erkundigte sich nach Japan und seinen Eigenarten.
»Alles Mögliche wird aus Papier und Holz gemacht«, sagte ich, »weil Bäume ja wieder nachwachsen. Sie sind ein sparsames, ordentliches Volk, das ständig Gefühle unterdrückt, weil ihnen der Platz zum Herumtoben fehlt. Ihre Häuser sind winzig. Sie arbeiten unermüdlich. Es ist eine von Männern beherrschte Gesellschaft, und Golf kommt als praktizierte Religion gleich hinter Shinto.«
»Aber Sie sagen das mit Respekt.«
»O ja. Und mit Zuneigung. Ich habe viele Freunde dort zurückgelassen.« »Gehen Sie denn noch mal rüber?«
»Wenn man mich schickt.«
Sie sagte mit weltläufiger Belustigung: »Gehen Sie immer brav dahin, wohin man Sie schickt?«
»Das gehört zum Dienstverhältnis und ist für mich normal, deshalb ist die Antwort ja.«
»Fände ich grauenhaft. Ich schlage schon nach einer Nacht in einem Hotelzimmer Wurzeln.«