»Man kann einen Krieg nicht mit Luftstreitkräften gewinnen. Wie steht es um die Armee?«
»Wenn wir die Verschwörung zu weit verfolgen, gehen wir das Risiko ein, die gesamte Kommandostruktur zu zerreißen. Ashok, wenn die Awadhis Allahabad besetzen wollen, können wir nur sehr wenig dagegen tun.«
»Sind unsere nuklearen und chemischen Abschreckungswaffen verfügbar?«
»Premierminister, Sie denken doch nicht ernsthaft über einen Erstschlag nach!«, wirft Sekretär Narvekar ein.
Doch Ashok Rana lässt nicht locker. »Unser Land erlebt eine Invasion, unsere Städte sind völlig ungeschützt, und meine Schwester wurde von ihren eigenen Soldaten einem ... einem Mob hingeworfen. Wissen Sie, was sie mit dem Trishul gemacht haben? Wissen Sie es? Was soll ich tun, um uns zu verteidigen? Was kann ich für unsere Sicherheit tun?«
Die Gesichter nehmen eine vorsichtige, höfliche Ausdruckslosigkeit an, reagieren leidenschaftslos auf Ashok Ranas laute Stimme. Er hört selbst, dass er kurz vor einem hysterischen Ausbruch steht. Er lässt die Worte verklingen. Die Wand zwischen dem Konferenzraum und dem Medienzentrum ist mit einer modernen Interpretation des Tandava Nataraja dekoriert, des kosmischen Tanzes von Shiva — der Gott in eine Chakra aus Flammen gehüllt, einen Fuß erhoben. Ashok Rana hat all seine vierundvierzig Jahre im Schatten des herabsinkenden Fußes gelebt, der das Universum vernichten und neu erschaffen wird.
»Verzeihen Sie mir«, sagt er knapp. »Es sind schwierige Zeiten.«
Die Politiker murmeln zustimmend.
»Unsere nukleare und chemische Abschreckung ist verfügbar«, sagt Chowdhury.
»Mehr muss ich nicht wissen«, sagt Ashok Rana. »Nun zu dieser Rede ...«
Ein untergeordneter Assistent, der zwei Finger an die Schläfe gelegt hat, unterbricht ihn. »Premierminister, ein Anruf für Sie.«
»Ich hatte unmissverständlich klargestellt, dass ich keine Anrufe entgegennehme.« Ashok Rana würzt seinen Tonfall mit etwas Eisen.
»Sahb, es handelt sich um N. K. Jivanjee.«
Rund um den ovalen Tisch werden Blicke ausgetauscht. Ashok Rana nickt seinem Assistenten zu.
»Hierher.« Er tippt auf den Bildschirm in seiner Armlehne. In der Presseabteilung haben sich seine Frau und seine Kinder beruhigt und aneinandergelehnt und scheinen sogar Schlaf gefunden zu haben. Der Kopf und die Schultern des Shivaji-Anführers nehmen ihre Stelle ein. Er sitzt im sanften Licht einer Lampe auf seinem Schreibtisch. Hinter ihm deuten geometrische Muster ein Bücherregal an.
»Jivanjee. Sie trauen sich was.«
N. K. Jivanjee verneigt den Kopf. »Ich verstehe, warum Sie auf eine solche Idee kommen, Premierminister.« Die Anrede lässt Ashok Rana leicht zusammenzucken. »Zuallererst möchte ich Ihrer Familie mein aufrichtiges Beileid wegen Ihres tragischen Verlusts aussprechen, gleichermaßen dem Ehemann und den Kindern Ihrer verstorbenen Schwester. Es gibt niemanden in Bharat, der von den Ereignissen am Sarkhand Roundabout nicht tief erschüttert wurde. Ich bin empört über diesen brutalen Mord — dabei bezeichnen wir uns selbst als die Mutter aller Zivilisationen. Ich verurteile uneingeschänkt den Verrat, den die Leibwache der Premierministerin und die gesetzlosen Elemente des Mobs begangen haben. Ich bitte Sie, meine Versicherung anzunehmen, dass kein Teil der Shivaji diese grausame Tat gutheißt. Es war ein rasender Mob, der durch Verräter und Abtrünnige aufgewiegelt wurde.«
»Ich könnte Sie verhaften lassen«, sagt Ashok Rana. Seine Minister und Berater blicken ihn an. N. K. Jivanjee befeuchtet sich nervös mit einer winzigen Zungenspitze die Lippen.
»Und wie wäre Bharat damit gedient? Nein, nein, ich möchte Ihnen einen anderen Vorschlag unterbreiten. Unser Feind steht vor den Toren, unsere Steitkräfte desertieren, unsere Städte randalieren, und unser Staatsoberhaupt wurde brutal ermordet. Jetzt geht es nicht mehr um Parteipolitik. Ich schlage die Bildung einer Regierung der nationalen Rettung vor. Wie ich sagte, hat sich die Partei Lord Shivas keiner Beteiligung oder Unterstützung dieser Gräueltaten schuldig gemacht. Dennoch haben wir weiterhin einen gewissen Einfluss auf die Hindutva und die gemäßigteren Karsevaks.«
»Sie könnten wieder für Ruhe auf den Straßen sorgen.«
N. K. Jivanjee schaukelt den Kopf hin und her. »Das kann kein Politiker versprechen. Aber wenn sich in einer solchen Situation opponierende Parteien zu einer Regierung der nationalen Rettung zusammentun, würde das ein mächtiges Zeichen setzen, nicht nur für die aufwieglerischen Elemente, sondern für alle Bharatis — und auch für Awadh. Eine geeinte Nation ist nicht leicht zu besiegen.«
»Vielen Dank, Mr. Jivanjee. Das ist ein interessantes Angebot. Ich werde Sie zurückrufen. Und danke für Ihre Anteilnahme, die ich meiner Familie ausrichten werde.« Ashok Rana lässt N. K. Jivanjee mit einem Daumendruck in der Armlehne verschwinden. Er wendet sich an sein restliches Kabinett. »Ihre Einschätzungen, meine Herren?«
»Nun, es wäre ein Geschäft mit Dämonen«, sagt V. K. Chowdhury. »Aber ...«
»Er hat Sie in die Enge getrieben«, sagt der Oberste Staatsrichter Laxman. »Er ist ein sehr kluger Mann.«
»Ich sehe keine andere praktikable Lösung, als seinen Vorschlag anzunehmen«, sagt Trivul Narvekar. »Mit zwei Zusatzklauseln. Erstens: Dieser Vorschlag kommt von uns. Wir strecken unseren politischen Feinden die Hand des Friedens entgegen. Zweitens: Wir schließen bestimmte Kabinettsposten aus der Verhandlungsmasse aus.«
»Er wird Kabinettsposten verlangen?«, fragt Ashok Rana.
Narvekars Erstaunen ist ungeheuchelt. »Welchen anderen Grund könnte er für diesen Vorschlag haben? Ich plädiere dafür, dass wir die Finanzen, die Verteidigung und das Außenministerium für unverhandelbar erklären. Tut mir leid, Staatsrichter.«
»Was würden wir dann unserem neuen Freund Jivanjee anbieten?«, fragt Laxman und drückt den Rufknopf, um sich vom Steward einen Bells bringen zu lassen, für den er eine inzwischen legendäre Vorliebe hat.
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich mit weniger als dem Innenministerium zufriedengibt«, sagt Narvekar.
»Chuutya«, brummt Laxman in seinen Scotch.
»Das wird keine muslimische Ehe auf Zeit sein«, sagt Narvekar.
Ashok Rana schaltet den Bildschirm um und sieht, wie seine Frau und die Kinder gegeneinandergelehnt auf den billigen Sitzen schlafen. Die Uhr zeigt vier Uhr fünfzehn. Ashok Rana hat Kopfschmerzen, seine Füße und Nebenhöhlen fühlen sich angeschwollen an, seine Augen staubig und erschöpft. Jedes Gefühl für Zeit, Raum und Perspektive hat sich verflüchtigt. In diesem migräneauslösenden Licht könnte er genauso gut im Weltraum schweben.
Chowdhury bezieht die Bemerkung auf Shaheen Badoor Khan: »Es gibt da eine Begum, die sich wünscht, diese Scheidungssache würde andersherum laufen.«
Die Männer lachen leise im grellen gebündelten Licht der Halogenlampen an der Decke.
»Sie müssen zugeben, dass er sich recht schnell in den Hintergrund zurückgezogen hat«, sagt Narvekar. »In der Politik sind vierundzwanzig Stunden eine lange Zeit.«
»Ich habe dem Kerl noch nie getraut«, sagt Chowdhury. »Ich hatte schon immer das Gefühl, dass er etwas Aalglattes hat, etwas allzu Gebildetes, zu Höfliches ...«
»Etwas zu Muslimisches?«, fragt Narvekar.
»Sie sagen es. Etwas nicht ganz ... Männliches. Und ich bin mir gar nicht so sicher mit dem, was Sie über seinen Rückzug in den Hintergrund sagen. Vierundzwanzig Stunden sind eine lange Zeit, sagen Sie, ich aber sage, dass in der Politik alles zusammenhängt. Ein rollendes Steinchen kann einen Erdrutsch auslösen. Wegen eines Hufeisennagels wurde eine Schlacht verloren. Ein Schmetterling in Beijing und so weiter. Khan ist die Wurzel des Ganzen, und ich hoffe für ihn, dass er Bharat verlassen hat.«
»Hijra«, bemerkt Laxman. Das Eis klirrt in seinem Glas.