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»Ms. Askarzadah?«

»Oh, tut mir leid. Ich dachte, es wäre jemand anders.«

Sie hört nur noch luftiges Rauschen.

»Hallo? Hallo?«

Dann: »Ms. Askarzadah. Kommen Sie zum Lagerhaus von Deodar Electrical, Industrial Road, in einer halben Stunde.« Eine gebildete Stimme mit leichtem Akzent.

»Hallo? Wer sind Sie? Hören Sie, es tut mir leid wegen ...«

»Das Lagerhaus von Deodar Electrical, Industrial Road.«

Und weg ist er. Najia Askarzadah blickt auf den Palmer, als hätte sie einen Skorpion in der Hand. Keine Rückrufnummer, keine Erklärung, keine Identifizierung. Sie tippt die Adresse ein, die die Stimme ihr genannt hat, und der Palmer zeigt eine Streckenkarte an. Eine Minute später fährt sie mit ihrem Moped durch das Tor. Deodar Electric ist Teil des alten Studiogeländes von Stadt und Land, das in kleinere Betriebe aufgeteilt wurde, als die Serie auf virtuell umgestellt und in die Zentrale von Indiapendent in Ranapur verlegt wurde. Die Straßenkarte führt sie zum riesigen Tor des Hauptstudios, wo ein Teenager in langer Kurta und Weste an einem Tisch sitzt und sich die Radioreportage eines Cricketspiels anhört. Najia bemerkt, dass er einen Dreizack-Anhänger der Shivaji trägt, ähnlich wie der, den sie an der Kette um Satnams Hals gesehen hat.

»Jemand hat mich angerufen, dass ich hierherkommen soll. Ich bin Najia Askarzadah.«

Der Junge mustert sie von oben bis unten. Er hat den Ansatz eines Schnurrbarts.

»Aha. Ja, man hat uns gesagt, dass wir mit Ihnen rechnen sollen.«

»Wer hat das gesagt?«

»Bitte folgen Sie mir.«

Er öffnet eine kleine Durchgangstür in einem Flügel des Tors. Sie gehen geduckt hindurch.

»Oh, wow!«, sagt Najia Askarzadah.

Die Rath Yatra ragt fünfzehn Meter hoch unter den Flutlichtern des Studios auf, eine rot-goldene Pyramide aus verschiedenen Ebenen und Brüstungen, mit einer wilden Ansammlung von Göttern und Adityas. Es ist ein mobiler Tempel. An der Spitze, die fast die Dachträger des Studios berührt, befindet sich eine Plexiglas-Kuppel mit einer Ganesha-Statue. Der Gott des Volkes, den die Shivajis für sich beanspruchen, sitzt auf einem Thron. Der Sockel, der auf zwei Tiefladern ruht, bildet einen weitläufigen Balkon für Parteifunktionäre und die Presse.

»Die Laster sind aneinandergekoppelt«, erklärt ihr Führer enthusiastisch. »Sie können sich nur gemeinsam bewegen, sehen Sie? Wir werden Seile anbringen, wenn die Leute möchten, dass sie beim Ziehen gesehen werden, aber bei der Shivaji geht es nicht darum, irgendjemanden auszunutzen.«

Najia hat noch nie einen Raketenstartplatz gesehen, aber sie stellt sich vor, dass in den Montagehallen für Weltraumtechnik eine ähnliche Betriebsamkeit herrscht. Überall Kräne und Gerüste, Arbeiter in Anzügen und Schutzmasken, die an den goldenen Flanken hinauf- und hinunterkriechen, leichte Bauroboter, die ihre Klebepistolenrüssel in Ritzen und Winkel stecken. Die Luft ist von den Dämpfen der Farben und Glasfasern erfüllt, die Stahlbaracke hallt von Hochleistungsheftmaschinen, Bohrern und Kreissägen wider. Najia beobachtet, wie ein Vasu an einem Flaschenzug emporgehoben wird. Zwei Arbeiter mit Shivaji-Stickern an den Overalls kleben ihn im Zentrum einer Rosette aus tanzenden Begleitern rund um einen thronenden Vishnu fest. Und genau in der Mitte ragt die goldene Zikkurat des heiligen Fahrzeugs auf. Der eigentliche Triumphwagen des Jagannath.

»Es ist kein Problem, wenn Sie Fotos machen möchten«, sagt der jugendliche Führer. »Wir verlangen keine Gebühr.« Najias Hände zittern, als sie die Kamera ihres Palmers aufruft. Sie geht zwischen die Arbeiter und Maschinen und knipst, bis ihr Speicher voll ist.

»Kann ich auch ... ich meine ... für die Presse?«, stammelt sie an den Shivaji gewandt, der im Studio die einzige Person zu sein scheint, die irgendeine Autorität darstellt.

»Aber ja«, sagt er. »Ich vermute, dass Sie deswegen hierhergebracht wurden.«

Der Palmer meldet sich leise. Wieder ein anonymer Anrufer. Naija antwortet vorsichtig.

»Ja?«

Es ist nicht die Collegestimme. Es ist eine Frau.

»Hallo. Ich stelle einen Anruf von N. K. Jivanjee zu Ihnen durch.«

»Wen? Was? Hallo?«, stottert Naija.

»Hallo, Ms. Najia Askarzadah.« Er ist es. Er ist es wirklich. »Nun, was meinen Sie?«

Ihr fehlen die Worte. Sie schluckt mühsam. »Es ist, ähm, beeindruckend.«

»Gut. Das soll es auch sein. Schließlich hat es einen verdammten Haufen Geld gekostet. Aber ich glaube wirklich, dass die Leute außerordentlich gute Arbeit geleistet haben, meinen Sie nicht auch? Viele von ihnen haben früher Studiosets entworfen. Aber es freut mich, dass es Ihnen gefällt. Ich glaube, viele Leute werden genauso beeindruckt sein. Natürlich sind die Ranas die Einzigen, auf die es letztlich ankommt.« N. K. Jivanjees Lachen ist ein tiefes, schokoladiges Gurgeln. »Nun zu Ihnen, Ms. Askarzadah. Ihnen ist bewusst, dass Sie die Gelegenheit zu einer höchst privilegierten Vorschau erhalten haben, für die Sie von der Presse eine beachtliche Summe Geld verlangen können? Zweifellos fragen Sie sich, worum es eigentlich geht. Es geht ganz einfach darum, dass die Partei, die ich zu führen die Ehre habe, gelegentlich Informationen hat, die sie nicht über die konventionellen Kanäle verbreiten möchte. Sie werden unser unkonventioneller Kanal sein. Es versteht sich von selbst, dass wir Ihnen dieses Privileg jederzeit wieder entziehen können. Meine Sekretärin wird eine kurze, von mir vorbereitete Erklärung an Ihren Palmer schicken. Darin spreche ich über die Pilgerfahrt, meine Loyalität zu Bharat, meine Absicht, diese Pilgerfahrt zum Brennpunkt der nationalen Einheit im Angesicht eines gemeinsamen Feindes zu machen. Alle Aussagen sind über mein Pressebüro nachprüfbar. Kann ich mich darauf verlassen, etwas von Ihnen in den Abendausgaben zu lesen? Wunderbar. Vielen Dank, Ms. Askarzadah, und alles Gute!«

Die Presseerklärung trifft mit einem dezenten Glockenton ein. Najia überfliegt sie. Es ist, wie N. K. Jivanjee gesagt hat. Sie hat das Gefühl, als hätte man ihr mit einem großen, weichen, schweren Schläger einen Hieb auf den Kopf verpasst. Sie hört kaum, wie der Shivaji-Junge fragt: »War er das? War er es wirklich? Ich konnte nicht alles verstehen. Was hat er gesagt?«

N. K. Jivanjee. Jeder kommt an Sajida Rana heran. Aber N. K. Jivanjee! Vor Freude umarmt Najia Askarzadah sich selbst. Exklusiv! Fotos Copyright Najia Askarzadah. Man wird sie rund um den Globus weiterverkaufen, bevor die Tinte auf dem Vertrag getrocknet ist. Sie sitzt wieder auf dem Moped, mit Kurs auf das Büro der Bharat Times. Sie fährt im Bogen durch das Gittertor auf einen entgegenkommenden Schulbus zu, bevor der Gedanke ihre erstaunte Benommenheit durchdringt.

Warum sie?

Mumtaz Haq, die Ghazal-Sängerin, wird um zehn auftreten. Shaheen Baddor Khan beabsichtigt, zu diesem Zeitpunkt bereits weit fort zu sein. Das heißt keineswegs, dass er Mumtaz Haq nicht mag. Sie ist in verschiedenen Zusammenstellungen auf seiner Autoanlage vertreten, auch wenn ihre Stimme nicht so klar ist wie die von R. A. Vora. Aber er mag solche Partys nicht. Er umklammert sein Glas Granatapfelsaft mit beiden Händen und hält sich in den Schatten, von wo aus er beobachten kann, ohne selbst gesehen zu werden.

Der Garten der Dawars ist eine kühle, feuchte Oase aus Pavillons und Baldachinen zwischen süß duftenden Bäumen und präzise gestutzten Sträuchern. Es riecht nach Geld und Bestechung des Wasserwerks. Laternen mit Kerzen und Ölfackeln sorgen für barbarische Illumination. Kellner in Rajput-Kostümen bewegen sich mit silbernen Tabletts voller Häppchen und Alkohol zwischen den Gästen. Auf einem Pandal unter einem Harsingarbaum sägen und dudeln Musiker zu einem elektrischen Bass. Hier wird Mumtaz Haq auftreten, und anschließend gibt es ein Feuerwerk. Das hat Neelam Dawar all ihren Gästen erzählt. Ghazal und Feuerwerk. Freut euch!