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»Nein«, sagt Lisa langsam. »Damit wollen Sie mich auf den Arm nehmen. Oder es sind die Drogen. In Wirklichkeit bin ich immer noch im Shuttle, nicht wahr? Das bilde ich mir nur ein, nicht wahr? Na los, sagen Sie mir die Wahrheit.«

»Lisa, ich kann Ihnen versichern, dass Sie nicht unter Halluzinationen oder sonstigen Folgeerscheinungen des Fluges leiden. Ich zeige Ihnen hier keine Fälschungen. Warum sollte ich das tun? Warum sollten wir Sie den weiten Weg hierherbringen, um Ihnen gefälschte Fotos zu zeigen?«

Dieser beruhigende Tonfall. Diese typische Agenten- und MBA-Sprechweise. Frieden. Beruhigen Sie sich. Wir haben alles unter Kontrolle. Bleiben Sie rational, selbst wenn Sie es hier mit einer extrem irrationalen Sache zu tun haben. Lisa Durnau umklammert mit einer Hand ein Gurtband an der gepolsterten Wand der ISS-Nabe und begreift, dass die Abfolge der Ereignisse immer irrationaler geworden ist, seit die Leute in den Anzügen in ihrem Büro aufgetaucht sind. Schon vorher, in dem Moment, als ihr Gesicht im Gewimmel der Zellen auftauchte, war sie ohne ihr Wissen, ohne ihre Erlaubnis vom Tabernakel auserwählt worden. Alles war von diesem Ding im Himmel vorherbestimmt worden.

»Ich weiß es nicht!«, ruft Lisa Durnau. »Ich weiß nicht, warum ... es zuerst gar nichts hervorbringt und dann mein Gesicht zeigt. Ich weiß es nicht, okay? Ich habe es nicht darum gebeten, ich wollte es nicht, es hat nichts mit mir zu tun, verstehen Sie?«

»Lisa.« Wieder der besänftigende Tonfall.

Sie ist es, aber in einer Version, die sie noch nie zuvor gesehen hat. Sie hat ihr Haar noch nie so getragen. Lull hat niemals so ausgesehen. Älter, freier, schuldbewusster. Nicht weiser. Und dieses Mädchen — Lisa ist ihr nie begegnet, aber sie weiß, dass es geschehen wird. Es ist ein Schnappschuss aus ihrer Zukunft, der vor sieben Milliarden Jahren aufgenommen wurde.

»Lisa«, sagt Daley Suarez-Martin ein drittes Mal. Petrus erwachte beim dritten Hahnenschrei, nach der dritten Verleugnung. »Ich werde Ihnen sagen, was wir von Ihnen erwarten.«

Lisa Durnau nimmt einen tiefen Atemzug. »Ich weiß, was Sie von mir erwarten«, sagt sie. »Ich werde ihn suchen. Etwas anderes kann ich doch gar nicht tun, oder?«

Die Erde hat den kleinen Lightbody fest im Griff. Es ist drei Minuten her — Lisa hat die Sekunden mitgezählt —, seit die Manöverdüsen zuletzt gefeuert haben. Die Kaih hat sich entschieden. Jetzt liegt alles in den Händen der Geschwindigkeit und Schwerkraft. Mit dem Rücken voran schrammt Lisa Durnau am Rand der Atmosphäre entlang, in einem Ding, das immer noch wie eine überdimensionierte Orangenpresse aussieht, nur dass es jetzt, bei einer Rumpftemperatur, die sich der Dreitausend-C-Marke nähert, nicht mehr so spaßig ist wie unten in Canaveral. Eine falsche Ziffer hinter dem Komma, und aus dünner Luft wird eine solide Wand, die einen in den Weltraum katapultiert, wo niemand da ist, der einen auffangen könnte, bevor einem die Luft ausgeht oder man zum Feuerball wird und als Wolke aus Titanionen endet, die mit einem Hauch Kohlenstoff gewürzt ist.

Als Teenager hat sich Lisa Durnau in ihrem Zimmer im College-Wohnheim der größten Angst ihres Lebens hingegeben. Allein in der Dunkelheit zwischen den lärmenden Rohrleitungen hatte sie sich vorgestellt, wie es sein wird, wenn sie stirbt. Die Atmung versagt. Panik steigt auf, während ihr Herz nach Blut ringt. Von allen Seiten rückt die Schwärze näher. Das Wissen um das, was geschehen wird, dass man nichts dagegen tun kann und dass nach diesem kümmerlichen, unwürdigen letzten Moment der Bewusstheit nichts mehr sein wird. All dies wird mit Lisa Durnau geschehen. Kein Entkommen. Kein Ausweg. Das Todesurteil ist unwiderruflich. Sie hatte sich selbst geweckt, mit Eiseskälte im Bauch und schmerzender Gewissheit im Herzen. Sie hatte das Licht eingeschaltet und versucht, sich mit guten Gedanken abzulenken, hellen Gedanken, an Jungs und Laufen und was sie noch für diese Seminararbeit tun könnte und wo die Mädchen am Freitag ihren Mittagsclub abhalten könnten, aber ihr Bewusstsein kehrte immer wieder zu dieser schrecklichen, köstlichen Angst zurück wie eine Katze zum Ausgekotzten.

Genauso ist der Wiedereintritt. Sie versucht, an gute Dinge zu denken, helle Dinge, aber sie kann nur zwischen verschiedenen Übeln wählen, und das allerschlimmste Übel ist da draußen und erhitzt den Rumpf hinter der gepolsterten Wand auf Krematoriumstemperatur. Es brennt sich durch die Drogen. Es brennt sich durch alles. Du bist die Frau, die zur Erde fiel. Der Lightbody ruckelt. Lisa stößt einen leisen Schrei aus.

»Alles in Ordnung, reine Routine, nur eine Asymmetrie im Plasmaschild.« Sam Rainey ist auf der Beschleunigungsliege Nummer zwei angeschnallt. Er ist ein alter Hase, ist schon ein Dutzend Mal rauf und runter geflogen, aber Lisa Durnau riecht es, wenn man ihr Blödsinn erzählt. Ihre Finger haben sich um die Armlehne verkrampft, sie streckt sie, berührt kurz ihr Herz, um sich zu beruhigen. In der Tasche spürt sie das flache rechteckige Objekt, auf dem ihr Name geschrieben steht.

Wenn sie Thomas Lull findet, wird sie ihm den Inhalt ihrer rechten Brusttasche zeigen. Es ist ein Speicherblock, der alles enthält, was man über das Tabernakel herausgefunden oder gemutmaßt hat. Dann muss sie ihn nur noch überzeugen, beim Forschungsprojekt mitzumachen. Thomas Lull war der prominenteste, eklektizistischste, visionärste und einflussreichste wissenschaftliche Denker seiner Zeit. Regierungsmitglieder und Chatshow-Moderatoren waren gleichermaßen an seinen Meinungen interessiert. Wenn jemand eine Idee, einen Traum oder eine Vision hat, was dieses Ding sein könnte, das in seinem steinernen Kokon rotiert, wenn irgendjemand seine Botschaft und Bedeutung entschlüsseln kann, dann Thomas Lull.

Der Speicherblock ist nahezu allmächtig. Seine besondere Fähigkeit besteht darin, dass er jedes Überwachungskamerasystem auf erkannte Gesichter scannen kann. Außerdem ist er so konfiguriert, dass er sich, wenn er Lisas persönlichen Körpergeruch nicht mehr wahrnimmt, nach einer Stunde zu einem Klecks aus Proteinchips zersetzen wird. Seien Sie vorsichtig beim Duschen oder Schwimmen, und halten Sie das Gerät in der Nähe, wenn Sie zu Bett gehen, lauten die Anweisungen. Ihre einzige Spur ist eine unzureichend bestätigte Sichtung von Thomas Lull vor dreieinhalb Jahren in Kerala, Südindien. Die Offenbarung des Tabernakels hängt von einer einzigen unzuverlässigen alten Backpacker-Geschichte ab. Die Botschaften und Konsulate sind alarmiert, jegliche Form von Unterstützung zu leisten. Für die Spesen wurde eine Karte autorisiert. Der Kredit ist unbegrenzt, aber Daley Suarez-Martin, die weiterhin Lisa Durnaus Betreuerin sein wird, ob im Orbit oder auf der Erde, hätte gern irgendwelche Belege für die Ausgaben.

Der kleine Lightbody kracht auf die Luft, eine Schwerkraftfaust drückt Lisa Durnau tief in ihre Gelliege, und alles ruckelt, rattert und wackelt. Sie hat größere Angst als je zuvor, und es gibt nichts, absolut nichts, woran sie sich festhalten könnte. Sie streckt eine Hand aus. Sam Rainey nimmt sie. Sein Handschuh wirkt riesig, wie aus einem Zeichentrickfilm, ein winziger Punkt der Stabilität in einem fallenden, bebenden Universum.

»Irgendwann!«, ruft Sam mit zitternder Stimme. »Irgendwann! Wenn wir! Unten sind! Wollen wir uns! Zum Abendessen verabreden! Irgendwann?«

»Ja! Alles was! Sie möchten!«, heult Lisa Durnau, während sie kennedywärts dahinrast und eine lange, wunderschöne Plasmaspur über dem hohen Gras der Prärie von Kansas an den Himmel zeichnet.

18

Lull

Woran Thomas Lull merkt, dass er unamerikanisch ist: Er hasst Autos und liebt Züge, indische Züge, riesige Züge, als wäre eine ganze Nation unterwegs. Er fühlt sich wohl mit dem Widerspruch, dass sie gleichzeitig hierarchisch und demokratisch sind, die Passagiere bilden eine Gemeinschaft, die sich zeitweilig zusammenfindet. Sie ist lebenswichtig, so lange die Fahrt dauert, und verflüchtigt sich wie Morgennebel, wenn der Endbahnhof erreicht ist. Jede Reise ist eine Pilgerfahrt, und Indien ist eine Pilgernation. Flüsse, große Fernstraßen, Eisenbahnen — das sind die heiligen Dinge in sämtlichen Nationen Indiens. Seit Jahrtausenden sind Menschen über diese riesige Raute Land geströmt. Alles fließt wie Flüsse, die ineinandermünden, eine Weile gemeinsam unterwegs sind und sich schließlich wieder auflösen.