Nie den Ball aus den Augen verlieren, hatte Krishan zu Parvati gesagt, als es um Spaten und Aprikosen auf dem Dachgarten ging. Parvati Nandha behält den Ball im Auge, als er den höchsten Punkt seiner Flugbahn erreicht und die Schwerkraft die Geschwindigkeit überwindet, als er wieder zur Erde fällt, auf die Menge zu, ein rotes Bindi, ein rotes Auge, eine rote Sonne. Ein Luftangriff. Ein Flugkörper von Krishan, der das Herz sucht. Der Ball fällt, und die Zuschauer springen auf, aber keiner ist vor Parvati auf den Beinen. Sie reckt sich, und der Ball landet in ihrer erhobenen rechten Hand. Der leichte Schmerz veranlasst sie zu einem Schrei, dann brüllt sie: »Jai Bharat!« Sie ist völlig von diesem Moment berauscht. Die Menge jubelt, und sie ist eine Insel im Lärm. »Jai Bharat!« Das Getöse steigert sich. Dann rafft sie ihren Sari, und wie Krishan es ihr gezeigt hat, wirft sie den Ball über die Boundary. Ein englischer Feldspieler fängt ihn auf, grüßt mit einem Nicken und spielt ihn dem Bowler zu. Aber es ist eine Sechs, eine Sechs, eine ruhmreiche Sechs für Mazumdar und Bharat. Ich habe den Ball nicht aus den Augen gelassen. Ich habe ihn sanft aufgefangen, meine Hand mit ihm bewegt. Sie dreht sich um und zeigt den Ladys ihren Stolz über ihre Leistung, aber ihre Gesichter sind vor Verachtung verhärmt.
Parvati hält erst inne, als sie außerhalb des Stadions ist, doch selbst dann hört sie noch das Raunen und das Brennen der Scham auf ihrem Gesicht. Eine Närrin, ein dummes Landei, das sich vom Mob hat mitreißen lassen, das aufgesprungen ist und sich zur Schau gestellt hat, wie jemand ohne jegliche Manieren, ohne Klasse. Sie hat sie bloßgestellt. Seht euch die Lady aus dem Quartier an, die den Ball wie ein Mann wirft! Jai Bharat!
Ihr Palmer hat immer wieder vibriert, eine Nachricht nach der anderen trifft ein. Aber sie will sie nicht sehen. Sie will sich nicht einmal umschauen, weil sie befürchtet, er könnte ihr gefolgt sein. Sie geht über die begrünte Fläche zur Straße. Taxis. Hier muss es jede Menge Taxis geben, gerade an einem Spieltag. Sie steht am rissigen Straßenrand, den Sonnenschirm erhoben, während sich Phatphats und städtische Taxis vorbeischieben. Wohin fahrt ihr zu dieser Tageszeit? Seht ihr nicht, dass eine Lady euch winkt?
Eine Möchtegern-Lady. Die nie eine Lady war und nie eine Lady sein wird.
Ein Moped-Taxi schert aus und arbeitet sich durch den Verkehr zum Straßenrand vor. Der Fahrer ist ein junger Mann mit vorstehenden Zähnen und einem Flaum als Schnurrbart.
»Parvati!« Die Stimme ist genau hinter ihr. Das ist schlimmer als der Tod. Sie steigt auf den Rücksitz, und der Fahrer beschleunigt, an der verblüfft starrenden Gestalt in der gepressten schwarzen Hose und dem streng gebügelten weißen Hemd vorbei. Parvati kehrt zur leeren Wohnung zurück, sie zittert vor Scham und Todessehnsucht, und zu Hause findet sie die Türen offen vor und ihre Mutter, die sich mit ihrem Reisegepäck in der Küche niedergelassen hat.
22
Shaheen Badoor Khan
Der Damm ist eine lange, niedrige Kurve aus aufgeschütteter Erde, gewaltig wie ein Horizont, das eine Ende vom anderen aus unsichtbar, in den sanften Wölbungen des Ganga-Tals verankert. Der Senkrechtstarter der Bharati Air Force nähert sich Kunda Khadar von Osten. Er fliegt tief über die winkenden Jawans hinweg und wendet über dem See. Die Kaih-Kampfhubschrauber scharen sich näher um ihn, als es für Shaheen Badoor Khan angenehm ist. Sie fliegen wie Vögel, mit waghalsigen Manövern, die sich kein menschlicher Pilot trauen würde, weil Instinkte und körperliche Gegebenheiten sie verbieten. Der Senkrechtstarter schwenkt ein, die Kaih-Flieger schießen heran, um ihm Deckung zu geben, und Shaheen Badoor Khan blickt hinunter auf eine weite, seichte Mulde voll algengrünem Wasser, das von schmutzigem, sandigem Schotter begrenzt wird, so weit das Auge reicht, weiß und toxisch wie Salz. Eine schlickige Brühe, von der nicht einmal eine Kuh trinken würde. Auf dem Sitz gegenüber schüttelt Sajida Rana den Kopf und flüstert: »Großartig.«
Hätten sie doch nur zugehört, wären sie nicht überstürzt mit den Soldaten einmarschiert, in den Köpfen nichts anderes als Jai Bharat!, denkt Shaheen Badoor Khan. Das Volk will einen Krieg, hatte Sajida Rana bei der Kabinettssitzung gesagt. Jetzt bekommt das Volk, was es will.
Der Premierministerjet landet auf einem hastig geräumten Feld am Rand eines Dorfes zehn Kilometer von der Bharati-Seite des Damms entfernt. Die Kaih-Flieger kreisen darüber wie Milane über einem Turm des Schweigens. Die Besatzungstruppen haben hier ihr Feldlager errichtet. Mechanische Einheiten graben im Osten, Roboter säen ein Minenfeld. Shaheen Badoor Khan in seinem Stadtanzug blinzelt hinter der Marken-Sonnenbrille im grellen Licht und bemerkt, dass die Dorfbewohner am Rand ihrer konfiszierten und ruinierten Felder stehen. Sajida Rana schreitet bereits in ihrem maßgeschneiderten Kampfanzug auf das Empfangskomitee zu, das aus Offizieren und Wachen und V. S. Chowdhury besteht. Sie will das Nummer-eins-Pin-up an den Wänden der Zimmer in den Baracken sein, Mama Bharat, gleich neben Nina Chandra. Die Offiziere namastieren und eskortieren die Premierministerin und ihren Berater durch den Staub zu den Hummers. Sajida Rana geht mit zielstrebigen Schritten, und Minister Chowdhury trottet neben ihr her, während er versucht, sie zu briefen. Wie ein kleiner kläffender Hund, denkt Shaheen Badoor Khan. Als er in den Schwitzkasten des Passagierabteils des Hummers steigt, blickt er auf den Senkrechtstarter zurück, der auf den Rädern und Triebwerken hockt, als hätte er Angst vor einer Kontamination. Der Pilot ist eine Zecke mit schwarzem Visier, die sich im Kopf der Maschine festgebissen hat. Unter der mit Sensoren gespickten Nase wirkt der lange Lauf eines Automatikgeschützes wie der Rüssel eines Insekts, das anderen Lebewesen den Saft aussaugt. Ein anmutiger Killer.
Shaheen Badoor Khan sieht den Banana Club, das blinde Lächeln der alten Frau, die ihre Gäste anhand der Pheromone identifizierte, die dunklen Nischen, in denen sich die lachenden Stimmen vermischten, die Körper, die sich entspannt aneinanderschmiegten. Das fremdartige, wunderschöne Geschöpf, das aus der Dunkelheit und den Dhol-Beats herangeschwommen kam wie eine Nautch-Tänzerin.
Im Hummer riecht es nach Magic-Pine-Raumspray. Shaheen Badoor Khan steigt aus und blinzelt im Licht, das von der Betondecke der Straße widerstrahlt. Sie befinden sich auf der Dammkrone. In der Luft hängt der üble Geruch von toter Erde und abgestandenem Wasser. Selbst Magic Pine wäre ihm jetzt lieber. Ein dünner Pissstrahl aus gelbem Wasser rieselt durch die Überlaufrinne. Das ist Mutter Ganga.
Jawans sammeln sich hastig zu einer Ehrengarde. Shaheen Badoor Khan bemerkt die SAM-Roboter und die nervösen Blicke, die die Unteroffiziere wechseln. Noch vor zehn Stunden war dies die Republik Awadh, und die Soldaten trugen dreifache Yin-Yangs in Grün-Weiß-Orange auf den ansonsten identischen Chamäleon-Tarnanzügen. Sie befinden sich in Mörserreichweite der Geisterdörfer, die durch den sinkenden Wasserstand in ihrer architektonischen Nacktheit entblößt sind. Sogar ein einzelner Heckenschütze würde genügen. Sajida Rana schreitet weiter, ihre handgefertigten Stiefel klacken auf dem Straßenbelag. Die Soldaten stehen aufgereiht hinter dem Podest. Jemand testet die Lautsprecher mit einer Reihe von kreischenden Rückkopplungen. Die Kameraleute der Nachrichtensender erspähen die Premierministerin im Kampfanzug und stürmen zu ihr. Die Militärpolizei zückt Lathis und drängt sie zurück. Shaheen Badoor Khan wartet am Fuß der Treppe; die Premierministerin, der Verteidigungsminister und der Divisionskommandeur besteigen das Podest. Er weiß, was Sajida Rana sagen wird. Er selbst hat der Rede den letzten Schliff gegeben, während er am Morgen mit der Limousine zum Militärflugplatz gefahren ist. Das allgemeine Raunen der Männer, die sich unter der heißen Sonne versammelt haben, verebbt, als sie sehen, wie ihr Oberbefehlshaber ans Mikrofon tritt. Shaheen Badoor Khan nickt in stiller Zufriedenheit, wie sie für Stille sorgt.