»Jai Bharat!«
Etwas, das nicht im Drehbuch steht. Shaheen Badoor Khan erstarrt für einen Moment. Auch den Männern ist das klar. Das Schweigen hält an, dann bricht der Jubel aus. Zweitausend Stimmen antworten donnernd. Jai Bharat! Sajida Rana wiederholt Ruf und Gegenruf dreimal. Dann trägt sie die Botschaft ihrer Rede vor. Sie ist nicht für die Soldaten bestimmt, die entspannt auf der Dammstraße stehen oder sich in den Truppentransportern auf ihre Waffen stützen. Sie spricht für die Kameras und Mikros und die Nachrichtenredakteure. Haben uns um eine friedliche Lösung bemüht. Bharat keine Nation, die sich einen Krieg wünscht. Tigerin geweckt. Krallen stutzen. Hoffnung auf eine diplomatische Lösung. Weiterhin die Möglichkeit eines ehrenhaften Friedens auf dem Verhandlungsweg. Großzügiges Angebot an unsere Feinde. Wasser hätte immer ein gemeinsames Gut sein sollen. Nicht nur für eine Nation. Ganga unsere gemeinsame Lebensader.
Die Soldaten rühren sich nicht. Sie scharren nicht mit den Füßen. Sie stehen in voller Kampfmontur in der drückenden Hitze, hören die Worte und jubeln, wo Jubel angemessen ist, und verstummen, wenn Sajida Rana sie mit Augen und Händen zum Schweigen bringt. Den Knüller hebt sie sich bis zuletzt auf: »Und schließlich überbringe ich Ihnen noch die Nachricht von einem weiteren Triumph. Meine Herren, Bharat dreihundertsiebenundachtzig für sieben!« Die Männer toben und stimmen einen Sprechgesang an. Jai Bharat! Jai Bharat! Sajida Rana nimmt den Applaus entgegen und marschiert davon, während er noch in der Luft hängt.
»Nicht schlecht, was, Khan?«
»Mazumdar hat soeben einhundertsiebzehn gemacht«, sagt Shaheen Badoor Khan, als er sich seiner Vorgesetzten anschließt. Der Hummer-Konvoi bringt sie schnell zur Kommandozentrale zurück. Diese Sache war von Anfang an als Rein-und-Raus-Aktion geplant. Der Generalstab hat dringend davon abgeraten, aber Sajida Rana hat sich nicht umstimmen lassen. Das Versöhnungsangebot muss aus einer Position der Macht heraus erfolgen, ohne dass sich die Ranas erniedrigen. Die Analysten haben die Satellitendaten und die Informationen der Cyberkrieg-Spionage studiert und eine realistische Einschätzung von einer Stunde Sicherheit eingeräumt, bevor die Awadhis einen Vergeltungsschlag in die Wege leiten können. Die Hummer und Truppentransporter rasen über die holprigen Schotterstraßen zurück. Ihre Staubwolken sind bestimmt aus dem Orbit erkennbar. Die Kaih-Flieger folgen ihnen wie ein Rudel Raubtiere. Wachposten blicken nervös in den Himmel, während sie Premierministerin Rana und ihren Hauptberater eilig zum Senkrechtstarter bringen, der bereits warmläuft. Die Luke wird versiegelt, Shaheen Badoor Khan schnallt sich an, und das Flugzeug springt in die Luft, lässt seinen Magen unten auf den plattgedrückten Pflanzen der Ackerbauflächen zurück. Der Pilot steigt mit Vollschub auf, kurz davor, die Maschine zu überziehen. Shaheen Badoor Khan ist nicht zum Fliegen geboren. Er spürt jedes Schlingern und Absacken wie einen kleinen Tod. Seine weißen Fäuste umklammern die Armlehnen. Dann neigt sich der Senkrechtstarter in den Horizontalflug.
»Das war ein bisschen dramatisch, nicht wahr?«, sagt Sajida Rana und löst ihren Sitzgurt. »Die verdammte Armee vergisst niemals, wer hier die Frau ist. Jai Bharat! Trotzdem ist es gut gelaufen. Ich glaube, das Cricket-Ergebnis hat einen netten Schlusspunkt gesetzt.«
»Wenn Sie es sagen, Ma’am.«
»Ich sage es.« Sajida Rana windet sich in ihrem engen Kampfanzug. »Verdammt unbequem, diese Sachen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie jemand es schaffen soll, darin ernsthaft zu kämpfen. Ihre Analyse?«
»Ich will ganz offen sein.«
»Sind Sie jemals anders?«
»Ich halte die Besetzung des Damms für vermessen. Der Plan sah vor ...«
»Der Plan war so weit ganz gut, aber er hatte keinen Mumm.«
»Premierminsterin, mit allem Respekt ...«
»Es geht um Diplomatie, ich weiß. Aber scheiß drauf, ich werde nicht zulassen, dass N. K. Jivanjee den Hindu-Märtyrer spielt. Verdammt, wir sind Ranas!« Sie wartet, bis ihre theatralische Einlage verklungen ist, und fragt dann: »Lässt sich unsere Position noch retten?«
»Schon, aber der internationale Druck wird eine wesentliche Rolle spielen, wenn die Aktion über die Nachrichtenkanäle verbreitet wird. Das könnte den Briten einen Vorwand geben, ihren Ruf nach einer internationalen Konferenz zu erneuern.«
»Hoffentlich nicht in London. Dort kann man nicht mehr anständig shoppen gehen. Aber die Amerikaner ...«
»Wir haben den gleichen Gedanken, Premierministerin. Die ›besonderen Beziehungen‹ ...«
»Sind nicht annähernd so wechselseitig, wie die Briten gern glauben. Ich werde Ihnen sagen, was mir an diesem Schlamassel Spaß macht, Khan. Wir haben es diesem Chuutya Jivanjee so richtig gezeigt. Er hat sich für unglaublich schlau gehalten, als er die Fotos von seinem Heiligen Einkaufswagen hat durchsickern lassen. Aber nun ist er derjenige, der mit eingeklemmtem Schwanz nach Hause rennt.«
»Trotzdem, Premierministerin, Sie wissen, dass er nicht aus der Welt ist. Ich glaube, wir werden wieder von Mr. Jivanjee hören, wenn wir unsere Friedenskonferenz anberaumen.«
»Falls wir das tun, Khan.«
Shaheen Badoor Khan neigt zustimmend den Kopf. Aber er weiß, dass es für solche Dinge keine wissenschaftliche Basis gibt. Er, seine Regierung und seine Nation haben bis jetzt einfach nur Glück gehabt.
Sajida Rana zupft an einer schlecht verarbeiteten Naht ihrer Kampfhose, sackt auf ihrem Sitz zusammen und fragt: »Gibt es schon etwas über mich?«
Shaheen Badoor Khan klappt seinen Palmer auf und klickt sich durch die Nachrichtenkanäle und Agenturen. Phantomseiten erscheinen in seinem Gesichtsfeld. Schlagzeilen umschwirren ihn in sanften, farbigen Explosionen.
»CNN, BBC und News International bringen es als Sondermeldung. Reuters schickt es soeben an die US-Presse.«
»Wie ist der allgemeine Tenor des Großen Satans?«
Shaheen Badoor Khan überfliegt die Leitartikel von Boston bis San Diego. »Es reicht von leiser Skepsis bis zu kategorischer Ablehnung. Die Konservativen verlangen unseren Rückzug, dem vielleicht Verhandlungen folgen sollten.«
Sajida Rana zerrt an ihrer Unterlippe, eine private Geste, die nur engsten Vertrauten bekannt ist, genauso wie ihr legendäres schmutziges Mundwerk.
»Wenigstens schicken sie keine Marines. Aber es geht ja auch nur um Wasser und nicht um Öl. Trotzdem befinden wir uns nicht mit Washington im Krieg. Irgendwas aus Delhi?«
»Nichts auf den Online-Kanälen.«
Premierministerin Rana zieht ihre Lippe ein Stück herunter. »Das gefällt mir nicht. Sie haben schon ganz andere Schlagzeilen gebracht.«
»Unsere Satellitendaten zeigen, dass die Awadhi-Truppen ihre Stellung halten.«
Sajida Rana lässt die Lippe los und richtet sich auf dem Sitz auf. »Ich scheiß auf sie. Heute ist ein großer Tag! Wir sollten jubeln! Shaheen.« Sein Vorname. »Mal ganz im Vertrauen: Was halten Sie von Chowdhury?«
»Minister Chowdhury ist ein sehr fähiges Mitglied des Abgeordnetenhauses ...«
»Minister Chowdhury ist ein Hijra. Shaheen, es gibt da eine Idee, die ich seit einiger Zeit in meinem Hinterkopf wälze. Deedarganj muss irgendwann nächstes Jahr zur Nachwahl antreten. Ajuja spielt den Optimisten, aber er hat diesen Tumor, der ihn langsam zerfrisst, der arme Kerl. Es ist ein guter, sicherer Wahlkreis, aber sie würden James F. McAuley wählen, verdammt, wenn er nur ein bisschen mit einem Räucherstäbchen vor Ganesha herumwedelt.«