»Mit allem Respekt, Premierministerin, aber Präsident McAuley ist kein Muslim.«
»Scheiß drauf, Khan, Sie sind kein Bin Laden. Was sind Sie? Sufi oder so etwas?«
»Ich habe einen sufistischen Hintergrund, das ist richtig.«
»Genau darauf will ich hinaus. Um ganz offen zu sein: Sie haben diesmal eine gute Chukka-Partie gespielt, und ich brauche Ihre Fähigkeiten in der Öffentlichkeit. Sie müssten vorher noch Ihre Lehrlingszeit auf den Hinterbänken beenden, aber ich würde Ihren Weg ins Ministeramt auf jeden Fall beschleunigen.«
»Premierministerin, ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.«
»Sie könnten es vielleicht mit einem Dankeschön probieren, Sie verdammter knauseriger Sufi. Das bleibt natürlich streng geheim.«
»Natürlich, Premierministerin.«
Er wehrt ab, verbeugt sich, willigt ein wie ein bloßer Beamter, aber Shaheen Badoor Khans Herz macht einen Sprung. Es gab eine Zeit in Harvard nach den Freshman-Zeugnissen, als sich die Spannung entlud und sich der Sommer öffnete und weitete und er sowohl die Tugenden der Wirtschaftsschule als auch die Disziplin seiner islamischen Schule vergaß. Unter der ausführlichen Anleitung des Inhabers eines Spirituosengeschäfts hatte er sich eine Flasche importierten Speyside Single Malt Whisky gekauft und in den staubigen Lichtstrahlen, die durch sein Zimmerfenster fielen, auf seinen Erfolg angestoßen. Zwischen dem Knirschen des Korkens im Flaschenhals und dem trockenen Würgen im rötlichen Zwielicht hatte er eine ferne Phase erlebt, in der er sich in Freude und Glanz und Selbstvertrauen eingebettet gefühlt hatte, in der die Welt ohne Grenzen oder Einschränkungen ihm gehörte. Er war zu seinem Fenster gegangen, mit der Flasche in der Hand, und hatte den ganzen Planeten angebrüllt. Der Kater, das schlechte religiöse Gewissen waren diesen Moment der explosiv zündenden Epiphanie wert gewesen. Nun sitzt er angeschnallt neben seiner Premierministerin in einem Senkrechtstarter des Militärs und erinnert sich wieder daran. Minister des Kabinetts. Er. Er versucht sich selbst zu sehen, sich auf einem anderen Platz am Tisch im wunderschön leuchtenden Beratungszimmer vorzustellen, wie er sich unter der Kuppel der Sabha erhebt. Der Ehrenwerte Abgeordnete, der den Platz von Deedarganj übernimmt. Und es wird richtig sein. Es ist seine angemessene Belohnung, nicht für seine fleißigen, unermüdlichen Dienste, sondern für seine Befähigung. Er hat es verdient. Er wird die Belohnung bekommen.
»Wie lange haben wir schon zusammengearbeitet?«, fragt Sajida Rana.
»Sieben Jahre«, antwortet Shaheen Badoor Khan. Und drei Monate und zweiundzwanzig Tage, denkt er.
Sajida Rana nickt. Dann macht sie wieder das mit der Lippe. »Shaheen.«
»Ja, Premierministerin?«
»Ist alles in Ordnung?«
»Ich fürchte, ich verstehe nicht, was Sie meinen, Premierministerin.«
»Es ist nur ... Sie wirken in letzter Zeit ein wenig abgelenkt. Ich habe ein Gerücht gehört.«
Shaheen Badoor Khan spürt, wie sein Herz stehen bleibt, wie ihm der Atem stockt, sein Gehirn gefriert. Tot. Er ist tot. Nein. Sie hätte ihm nicht alles angeboten, was sie ihm an diesem hohen, abgeschiedenen Ort geben kann, nur um es ihm wegen einer belanglosen Verrücktheit wieder zu entreißen. Aber es ist keine Verrücktheit, Shaheen Badoor Khan. Es ist das, was du bist. Zu denken, du könntest es leugnen und verbergen, ist verrückt. Er befeuchtet die Lippen mit der Zunge. Es darf kein Stocken und kein Versagen in den Worten geben, die er zu sagen hat.
»Regierungskreise sind das Reich der Gerüchte, Premierministerin.«
»Ich habe gehört, dass Sie eine Feier im Quartier vorzeitig verlassen haben.«
»Ich war müde, Premierministerin. Es war am Tag ...« Er ist noch nicht in Sicherheit.
»... der Besprechung, ich weiß. Wie ich hörte, was zweifellos krass übertrieben ist, hat es eine gewisse ... Spannung zwischen Ihnen und Begum Bilquis gegeben. Ich weiß, dass es eine verdammte Frechheit ist, so etwas zu fragen, aber ist bei Ihnen zu Hause alles in Ordnung?«
Sag es ihr, schreit Shaheen Badoor Khan sich selbst an. Besser, sie erfährt es jetzt als von irgendeiner Partei-Petze oder, wovor uns Gott bewahre, von N. K. Jivanjee. Falls sie es nicht längst weiß, falls dies nicht nur ein Test seiner Aufrichtigkeit und Loyalität ist. Sag ihr, wohin du gegangen bist, wen du getroffen hast, was du beinahe mit ihm gemacht hättest. Mit ys. Sag es ihr. Leg es in die Hände der Mutter der Nation, lass sie damit umgehen, es von allen Seiten betrachten und für die Kameras zurechtstutzen, all die Dinge, die er schon so lange mit so großer Loyalität für Sajida Rana getan hat.
Er kann es nicht. Seine Feinde innerhalb und außerhalb der Partei hassen ihn schon genug dafür, dass er Muslim ist. Als Perverser, als Frauenverlasser, als Liebhaber von Dingen, die für die meisten von ihnen nicht einmal menschlich sind, wäre seine Karriere vorbei. Die Rana-Regierung würde es nicht überleben. In erster Linie ist Shaheen Badoor Khan ein Staatsdiener. Die Verwaltung muss intakt bleiben.
»Darf ich offen sprechen, Premierministerin?«
Sajida Rana beugt sich über den schmalen Mittelgang. »Das ist schon das zweite Mal während dieser Unterhaltung, Shaheen.«
»Meine Frau ... Bilquis ... nun ja, in letzter Zeit hat es sich zwischen uns etwas abgekühlt. Als die Jungen an die Universität gegangen sind ... abgesehen von ihnen hatten wir schon vorher nicht mehr viel, worüber wir geredet haben. Wir beide führen ein eigenständiges Leben — Bilquis hat ihre Kolumne und das Frauenforum. Aber Sie können sich darauf verlassen, dass wir uns dadurch nicht von unseren beruflichen Pflichten abbringen lassen. Wir werden Sie nicht noch einmal auf solche Weise in Verlegenheit bringen.«
»Es ist keine Verlegenheit«, murmelt Sajida Rana. Dann macht der Militärpilot eine knappe Ansage, dass sie in zehn Minuten auf der Nabha Sparasham Air Force Base landen werden, und Shaheen Badoor Khan nutzt die Ablenkung, um aus dem Fenster auf den großen braunen Fleck der monströsen Bastis von Varanasi zu blicken. Er gestattet sich das leichte Zucken eines Lächelns. In Sicherheit. Sie weiß es nicht. Er hat es hingekriegt. Aber jetzt gibt es ein paar Dinge, die er erledigen muss. Und dort, am südlichsten Rand des Horizonts, ist das etwa eine dunkle Wolkenlinie?
Erst nach dem Tod seines Vaters hat Shaheen Badoor Khan verstanden, wie sehr er das Haus am Fluss verabscheut hat. Nicht dass das Haveli hässlich oder erdrückend wäre — ganz im Gegenteil. Aber die luftigen Säulengänge und Veranden und die geräumigen Zimmer mit den hohen Decken sind mit Geschichte, Tradition und Pflicht getränkt. Shaheen Badoor Khan kann nicht die Treppe hinaufsteigen und unter der großen Messinglaterne unter dem Vordach hindurchgehen und das Foyer mit den doppelten Wendeltreppen betreten, eine für die Männer und eine für die Frauen, ohne sich daran zu erinnern, wie er hier als kleiner Junge gelebt und sich hinter einer Säule versteckt hat, als sein Großvater Sayid Raiz Khan hinausgetragen wurde, zum Verbrennungsplatz am alten Jagdhaus im Sumpfland, und dann noch einmal, als er seinem Vater gefolgt war, der die gleiche Reise durch die Teaktüren antrat. Er selbst wird die gleiche Reise antreten, durch die schönen Türen aus Teakholz nach draußen. Seine eigenen Söhne und Enkelkinder werden ihn begleiten. Im Haveli wimmelt es von Leben. Keine Ritze ist vor Verwandten und Freunden und Dienern sicher. Jedes Wort, jede Tat, jeder Vorsatz ist sichtbar und transparent. Die Vorstellung, allein zu wohnen, ist etwas, woran er sich mit innigem Vergnügen aus Harvard erinnert. Die Vorstellung von Privatsphäre, von Zurückgezogenheit ist etwas, das er nur aus New England kennt, etwas, das er beiseitegelegt hat, um es ein andermal zu verwenden.