Dr. Wagner lacht.»Also Tollwut ist es bestimmt nicht. In dem Stadium, in dem Kr?mpfe auftreten, ist das Tier schon so gut wie tot. Ausserdem kann ich mich an keinen einzigen Tollwutfall bei Hunden in Deutschland erinnern, seit ich Tierarzt bin. Aber ich gebe Ihnen Recht, seltsam ist das nat?rlich schon.« Er dreht sich wieder zu mir um und krault mich unter dem Kinn. »Hm, anh?nglich und sonderbar bist du also? Hat Herkules in letzter Zeit vielleicht irgendetwas Traumatisches erlebt, das ihn stark verunsichert haben k?nnte? Ich bin kein Tierpsychologe, aber so etwas kann ein Tier schon einmal im Verhalten beeintr?chtigen. Sie sagten ja, er k?me aus dem Tierheim. Vielleicht Verlust?ngste? Haben Sie ihn mal aus Versehen ausgesperrt oder so was?«
Carolin schaut betreten zu Boden.»Ich war vor kurzem ein bisschen krank.« Sie fl?stert mehr, als sie spricht.
»Richtig, ich erinnere mich. Frau Bogner erw?hnte es, als sie mit Herkules zur Nachuntersuchung kam.«
»Oh, hat sie das?« Carolin wird rot.
»Also, Sie meinen, dass Herkules m?glicherweise darauf reagiert?«, will Daniel wissen. »Das ist echt interessant. Vielleicht macht er sich ja Sorgen um dich und will einen Besch?tzer f?r dich finden - immerhin hat er die Nummer bisher nur vor M?nnern abgezogen.«
Ertappt! Ich ziehe schuldbewusst den Schwanz ein.
Carolin funkelt Daniel b?se an. »Ich glaube kaum, dass es da einen Zusammenhang gibt.«
»Mensch, Carolin, das war doch nur ein Scherz.«
Dann bin ich beruhigt! Es w?re mir doch sehr unangenehm, hier so aufzufliegen. Carolin f?nde das bestimmt nicht gut.
»Nun«, mischt sich Dr. Wagner ein, »so abwegig finde ich den Gedanken nicht. Hunde entwickeln f?r ihr soziales Rudel schon einen ziemlichen Besch?tzerinstinkt. Also wenn es einen Verdacht in die Richtung gibt, w?rde ich ihm auf alle F?lle mal nachgehen. Was genau ist denn bei Ihnen passiert?«
»Ich glaube nicht, dass uns das irgendwie weiterbringt«, kanzelt Carolin ihn schnippisch ab. »Bei mir ist alles in Ordnung. Aber fragen Sie mal diesen Z?chter, das scheint mir erfolgversprechender zu sein.«
»Also wirklich, was f?r eine Frechheit, mich so auszufragen! Dieser Wagner ist echt unm?glich. M?chte mal wissen, was Nina an dem so toll findet«, regt sich Carolin auf, als wir wieder auf dem Weg nach Hause sind.
Ich trabe neben ihr und Daniel her und lausche dabei gespannt. Immerhin geht es auch um mich.
»Beruhige dich, er hat es doch nicht b?se gemeint. Er wollte nur eine m?glichst fundierte Diagnose stellen. Er kann ja nicht wissen, dass du so empfindlich in diesem Punkt bist.«
»Ich bin nicht empfindlich!«, ruft Carolin emp?rt.
»Na ja, ein bisschen schon«, widerspricht Daniel.
»Und wenn schon - ist das ein Wunder? Das muss man sich mal vorstellen: Mein Tierarzt vermutet, dass Herkules sich psychopathisch benimmt, weil ich so ein schwerer Fall bin.«
»He, das hat nun wirklich niemand behauptet. Und abgesehen davon, ist es auch v?llig abwegig.«
»Ach ja?« Carolin dreht den Kopf zu Daniel, der grinst.
»Ich hoffe doch sehr, dass Herkules erst einmal mich als deinen Retter in Erw?gung zieht, bevor er irgendwelche wildfremden Kerle anschleppt.«
Nun muss auch Carolin lachen.»Stimmt, das hoffe ich doch auch!«
Aha, so ist das also. Vielleicht ist Daniel doch nicht zu nett f?r Carolin. Ich muss dringend mit Beck sprechen. Unser Plan braucht vielleicht eine grundlegende Korrektur. Ach was - unser Plan ist hoffentlich bald ?berfl?ssig.
VIERZEHN
»Ich glaube, wir brauchen gar nicht mehr zu suchen: Wir haben unseren Mann!«
Mit wichtiger Miene verk?nde ich Herrn Beck am n?chsten Tag meine neue Erkenntnis in Sachen Partnerwahl von Carolin. Wir sitzen unter unserem Baum im Garten und geniessen die warme Nachmittagssonne.
»Wie kommst du denn darauf? Erst wart ihr mit Daniel im Park, dann beim Tierarzt, heute ist Carolin den ganzen Tag ohne dich unterwegs - wie kannst du da einen Prinzen f?r sie gefunden haben?«
»Ganz einfach: Wir hatten den Prinzen die ganze Zeit dabei.«
»H?? Versteh ich nicht.«
»Daniel. Ich glaube, Daniel ist der Richtige.«
»Ach komm, das habe ich dir doch schon erkl?rt: Daniel scheidet aus. Wegen Zu-Nettsein in besonders schwerem Fall, strafsch?rfend kommt noch Gutm?tigkeit hinzu.«
Herr Beck, der Anwalt. Wenn er so ist, mag ich ihn eigentlich nicht besonders.
»Hast du schon mal dar?ber nachgedacht, dass deine Theorie falsch sein k?nnte? Ich habe die beiden genau beobachtet: Erstens liegt so eine Spannung in der Luft, wenn sie zusammen sind. Ich kann es nur schwer beschreiben, aber es ist eindeutig da, auch wenn man es nicht sieht. Wie Strom aufdem Weidezaun.«
Herr Beck guckt unbeeindruckt und r?kelt sich ausgiebig. »Strom auf dem Weidezaun? Du bist echt ein Landei, mein Lieber. Ich weiss ?berhaupt nicht, was du meinst.«
Seinen Einwand ignorierend, z?hle ich meine weiteren Indizien auf: »Und zweitens hat Daniel Carolins Hand gehalten. Auf der Parkbank - sogar ?ber meinen R?cken hinweg.«
»Na und? Die beiden kennen sich eine Ewigkeit. Was heisst das schon?«
»Und drittens hat Carolin selbst gesagt, dass sie Daniel gerne als ihren Retter h?tte.«
So, Kater, und jetzt kommst du!
»Du musst noch viel lernen, mein Hundefreund. Was Menschen sagen und was sie dann tats?chlich denken und folglich auch machen, sind zwei v?llig unterschiedliche Dinge. V?llig. Manchmal denke ich sogar, dass das Sprachverm?gen an den Menschen komplett verschwendet ist, denn er nutzt es so gut wie nie f?r sinnvolle Dinge. Ehrlich, wenn die Menschen sich nicht miteinander unterhalten k?nnten, w?rde sich im Grunde genommen nichts ?ndern. Sie sagen sich ja doch nie die Wahrheit.«
»Das ist Quatsch. Ich glaube, du willst einfach nur Recht behalten.«
»Ich will nicht Recht behalten - ich habe Recht.«
Meine G?te, ist der heute wieder stur. Ich seufze und sage nichts mehr. Es ist schliesslich wurscht, was dieser Kater denkt. Hauptsache, bei Carolin kommt wieder alles ins Lot, und wir sind bald wieder eine gl?ckliche Familie mit Herrchen, Frauchen und Hund. Eine Weile noch schweigen Beck und ich uns an, dann beschliesse ich, wieder in die Werkstatt zu trotten. Carolin ist zwar auf irgendeinem Termin unterwegs, aber vielleicht kann ich bei Daniel ein paar Streicheleinheiten abstauben.
Ich komme gerade rechtzeitig, um einen grossen Auftritt von Aurora mitzuerleben. Mit weit ausholenden Armbewegungen erz?hlt sie ?ber ihr letztes Konzert. Offenbar ein grandioser Erfolg, daran l?sst sie keinen Zweifel. Nach meiner Kenntnis von menschlicher Erziehung ist so viel Eigenlob unfein. Der alte von Eschersbach h?tte Aurora jetzt jedenfalls sehr tadelnd angeschaut.»Man tut nicht gross. Das schickt sich nicht.«,war ein beliebter Ratschlag von ihm an alle Menschen, die im Schloss ein und aus gingen. Allerdings ist von Eschersbach nat?rlich deutlich ?lter als Aurora, es ist also m?glich, dass seine Ansichten schon etwas altmodisch sind. Oder aber die Sache mit dem Eigenlob gilt bei K?nstlern nicht so direkt.
»Begeistert - die Leute waren einfach begeistert, Daniel. Aber ich habe mich an diesem Abend auch wirklich selbst ?bertroffen. Schade ?brigens, dass du nicht da warst.«
»Ja, schade. Das n?chste Mal komme ich - sp?testens, wenn ich deine neue Geige fertig habe, versprochen.«
Aurora zieht die Nase kraus, was sehr interessant aussieht.»Hm, da habe ich doch glatt das Gef?hl, dass du nur wegen der Geige kommst und nicht wegen mir.«
»Also bitte, das ist doch Unsinn, Aurora. Du weisst genau, wie gerne ich dich spielen h?re. Ich bin in letzter Zeit einfach zu besch?ftigt.«
»Und zwar damit, deine Kollegin zu pflegen, oder?«
»Mit Verlaub, das geht dich ?berhaupt nichts an.«
Daniel klingt jetzt fast ein bisschen b?se. Gut so!