»Was meinst du, worin findet mich Jens am sch?nsten?«
JENS?! Carolin ist gar nicht mit Daniel verabredet? Diese schlechte Nachricht haut mich wortw?rtlich von den Pfoten, und mit einem wehleidigen Jaulen rolle ich mich auf die Seite.
»Herkules!«, ruft Carolin. »Kriegst du jetzt etwa wieder so einen Anfall?«
Sie l?sst das Kleid fallen, kniet sich neben mich und streicht mir ?ber den Kopf. Da kommt mir die Idee: Wenn ich krank bin, sagt sie bestimmt die Verabredung mit diesem Jens ab. Also gebe ich noch einmal meine ber?hmte Parkvorstellung - mit allem drum und dran: Ich jaule und zittere, winde mich unter Kr?mpfen. Carolin sieht mich entsetzt an, dann springt sie auf und rennt aus dem Schlafzimmer. Uff, kurze Verschnaufpause. Ganz sch?n anstrengender Beruf, die Schauspielerei. Ich h?re, wie Carolin offenbar mit Nina telefoniert.
»Nina? Hast du die private Telefonnummer von Marc Wagner? Herkules hat schon wieder so einen Anfall, und die Sprechstunde ist ja l?ngst vorbei …« Eine kurze Pause. »Danke, richte ich ihm aus.«
Sie erscheint mit dem Telefon in der Hand im Schlafzimmer. Mittlerweile liege ich auf dem R?cken und zucke nur ab und zu. Ich glaube, ich bin sehr eindrucksvoll.
»Dr. Wagner? Neumann hier, Sie wissen schon, die Freundin von Nina mit dem Dackel. Tut mir leid, dass ich Sie um diese Uhrzeit st?re, aber Herkules hatte gerade so einen Anfall und jetzt liegt er hier ganz apathisch. Ich mache mir solche Sorgen …« Sie kniet sich wieder neben mich. »O ja, w?rden Sie das machen? Das ist sehr, sehr nett. Helvetiastrasse 12, ein grosses Jugendstilhaus. Genau, bis gleich.«
Kaum hat sie das Gespr?ch beendet, w?hlt sie eine neue Nummer. »Jens? Ich bin’s, Carolin. Du, es tut mir leid, und ich weiss, das klingt jetzt saubl?d: Aber mein Dackel hatte gerade wieder einen epileptischen Anfall, und jetzt kommt der Tierarzt noch vorbei. K?nnen wir es nicht auf einen anderen Abend verschieben? Ich f?hle mich nicht so gut dabei, Herkules heute allein zu lassen. Ja? Danke, ich melde mich morgen. Tsch?ss!«
Wenn ich nicht gerade den kranken Hund mimen w?rde, w?re es jetzt an der Zeit f?r Triumphgeheul. Leider w?rde dann meine Deckung auffliegen, also lasse ich es. Stattdessen liege ich einfach wie hingegossen auf dem Bettvorleger und jaule ab und zu. Carolin streichelt mich und summt vor sich hin. Soll mich wahrscheinlich beruhigen. Dann klingelt es: Dr. Wagner. Auch nicht der Mann, den ich hier gerne sehe, aber bevor Jens meine Pl?ne f?r Carolin und Daniel durchkreuzt, lasse ich mich lieber noch ein paar Mal von diesem Tierarzt durchchecken. Ist schliesslich f?r eine gute Sache.
Carolin l?sst ihn herein und f?hrt ihn gleich ins Schlafzimmer. »Danke, dass Sie so schnell gekommen sind. Sehen Sie mal, wie schlecht es ihm immer noch geht!«
Wagner hat eine Tasche dabei, die er neben mir abstellt.»Hm, dann wollen wir mal sehen, was wir da machen k?nnen.«
Er setzt sich neben mich auf den Boden und greift sich eine Art dicken Stift aus seiner Tasche. Mit diesem zielt er direkt auf meine Augen - ein heller Lichtstrahl blendet mich.
»Pupillenreflexe sind normal.« Er richtet sich wieder auf. »Also, es sieht nicht so aus, als h?tte Herkules gerade einen epileptischen Anfall gehabt. Dann m?ssten seine Pupillen n?mlich weitgestellt sein und w?rden sich bei einem Lichteinfall nicht verengen. Gut, Sicherheit h?tten wirnur bei einem EEG, aber ich glaube nicht, dass das n?tig ist. Was auch immer Herkules hatte - es scheint irgendetwas anderes zu sein. Eine Idee habe ich aber noch.«
Er kramt wieder in seiner Tasche, dann holt er ein Metallding mit zwei Strippen und einer Art Zange heraus und setzt sich wieder neben mich. Die Zange st?pselt er sich in die Ohren, das runde Metallding legt er auf meine Brust. Er scheint auf irgendetwas zu lauschen.
»Tja, das Herz klingt aber auch ganz normal. Sein Herzrhythmus scheint v?llig unbeeintr?chtigt.« Er st?pselt das Dings wieder aus seinen Ohren. »Herzrhythmusst?rungen k?nnen n?mlich auch Anf?lle ausl?sen. Das muss man sich so vorstellen, dass die Rhythmusst?rung zu einem Blutdruckabfall im Hirn f?hrt und daraufhin kann es zu einer Ohnmacht mit Zuckungen kommen.« Er streichelt mich. »Gut, der Anfall ist nat?rlich schon vorbei, aber in der Regel dauert es schon eine Weile, bis der Rhythmus wieder komplett in Ordnung ist. Herkules, was machst du nur f?r Sachen?«
Carolin mustert mich besorgt.»Vielleicht hat er ja irgendeine andere schlimme Krankheit?«
Carolins Stimme klingt so nerv?s, dass ich mich entschliesse, jetzt wieder gesund zu sein. Ich will es auch nicht ?bertreiben, also stehe ich wieder auf und sch?ttle mich kurz.
»Frau Neumann, so wie Herkules jetzt aussieht, wirkt er auf mich v?llig gesund. Sicher, wir k?nnen ihn n?chste Woche in meiner Praxis mal von Kopf bis Fuss durchchecken, aber irgendetwas sagt mir, dass es hier kein gesundheitliches Problem gibt. Nennen Sie es meinetwegen Tierarztinstinkt,aber ich glaube, Herkules geht es gar nicht so schlecht, wie wir denken. Vermutlich machen Sie sich gerade v?llig unn?tig Sorgen.«
Grrr, du Verr?ter - h?r bloss auf, in die Richtung weiterzuforschen! Carolin ist bestimmt sauer, wenn sie merkt, dass das alles nur Show ist. Ich beschliesse, die Nummer mit dem Anfall einzumotten. Ich glaube, Wagner ist mir schon zu dicht auf den Fersen.
»Aber sagten Sie nicht, Sie kennen die Zucht, aus der Herkules stammt? Es w?rde mich doch sehr beruhigen, wenn Sie dort noch mal nachfragen.«
»Ja, gut, dass Sie mich erinnern. Ich bin n?chste Woche sowieso da, dann werde ich mich erkundigen. Aber trotzdem sollten Sie jetzt erst mal davon ausgehen, dass Herkules nichts Ernstes hat.« Er steht wieder vom Boden auf und schnappt sich seine Tasche. »So, dann werde ich mal wieder losd?sen. Sie haben heute sicher auch noch etwas vor. Sie sehen n?mlich irgendwie ganz so aus, als h?tten Sie hier gerade eine kleine Kost?mprobe veranstaltet.«
Carolin lacht und steht ebenfalls auf.»Da haben Sie Recht. Aber wenn Sie m?chten, dann bleiben Sie doch noch auf ein Glas Wein. Schliesslich haben Sie Ihren Feierabend f?r uns geopfert, daf?r w?rde ich mich gerne bedanken.«
Wagner z?gert. Los, Junge, zieh ab - Carolin will nur h?flich sein. In Wirklichkeit legt hier niemand auf deine Anwesenheit wert!
»Aber Sie sind doch noch verabredet, da will ich nicht st?ren.«
Messerscharf erkannt, Wagner. Auf Wiedersehen!
»Im Gegenteil! Ich freue mich, wenn Sie noch bleiben. Und meine Abendverabredung hatte ich sowieso schon wegen Herkules abgesagt.«
»Dann freue ich mich, wenn ich einspringen darf.«
Och n?! Kaum sind wir den einen los, haben wir den n?chsten an der Hacke! Nun gut, wenigstens ist Wagner keine Gefahr f?r Daniel, aber das ist auch schon sein einziger Vorteil. Carolin l?chelt ihn an. »Ich heisse ?brigens Carolin.«
»O ja. Danke! Ich bin Marc.«
Carolin nickt.»Ich weiss.«
Sie lachen beide - etwas sch?chtern, wie ich finde.
»Gehen Sie, ?h, gehst du schon vor ins Wohnzimmer? Es ist gleich gegen?ber der Eingangst?r. Ich ziehe mir nur schnell etwas anderes an.«
»Von mir aus nicht n?tig - ich finde, du siehst bezaubernd aus.«
Carolin lacht verlegen.»Na gut, wenn du mich in Jeans und Schlabberpulli ertr?gst, dann bleibe ich so.« »Sehr gerne, kein Problem.«
Und anstatt dass sich Wagner seinen bl?den Koffer schnappt und sich verkr?melt, sitzt er keine zwei Minuten sp?ter auf unserer Wohnzimmercouch. Schlecht gelaunt lege ich mich direkt davor und beobachte, wie Carolin zwei Gl?ser aus dem Schrank holt. Sie ist einfach zu nett. Warum hat sie Wagner nicht fahren lassen? Stattdessen geht jetzt wieder diese »Weintrinken-Geschichte« los. Ich sage es wirklich nur ungern - aber manchmal sind Menschen einfach uferlos langweilig. Zum Beispiel beim Weintrinken: Gleich wird Carolin wieder die eine in die andere Flasche giessen. Dann werden sie das Zeug von der zweiten Flasche in zwei Gl?ser f?llen. Wenn ich Gl?ck habe, trinken sie dann einfach schnell aus, und wir sind Dr. Wagner bald los. Diese Entwicklung ist leider extrem unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist, dass die beiden eine Ewigkeit auf dem Sofa sitzen und ?ber die Dinge schwadronieren, die im Leben angeblich wichtig sind. Stichwort: reden statt machen. W?re Dr. Wagner Nina, ginge es dann fast nur um M?nner. Das w?re f?r mich wenigstens einigermassen interessant, denn vielleicht w?rde ich noch etwas ?ber Daniels Chancen bei Carolin erfahren. Aber mit Wagner redet sie wahrscheinlich eher ?ber das andere Thema, das Menschen so gerne besch?ftigt: die Arbeit. Oder auch beliebt: vergangene Zeiten. G?hn. Oder auch ein Favorit: die Kombination aus beidem. Arbeit und Vergangenheit. Allein die Frage, wer gerne was als Kind geworden w?re und warum das dann nicht geklappt hat, f?llt locker eine Stunde. Es ist mir unbegreiflich, wie man sich so ausgiebig mit Dingen befassen kann, die nicht mehr zu ?ndern sind. Aber darin sind Menschen ohnehin wahre Meister. Was w?re wenn? Eine Frage, die sich kein vern?nftiger Hund jemals stellen w?rde. Anders gesagt:Weintrinkenist offenbar ein Synonym f?r eine besonders ineffiziente Methode, einen Abend totzuschlagen, wenn man, wie die meisten Menschen, einfach zu bequem ist, eine ordentliche Runde durch den n?chsten Park zu rennen.