Am nächsten Tag waren sie gezwungen, eine felsige Stromschnelle zu umgehen, ein bitteres Unterfangen ohne Packtiere. Die Boote wurden an Land gehievt und die Route ausgekundschaftet; zum Glück blieb der steinige Uferstreifen breit genug und auch Treibholz war reichlich vorhanden — trockene, hohle Flötenstämme, von Hochwasser an die Steilhänge getragen — bestens geeignet, um als Gleitrollen zu dienen. Trotzdem war die Portage eine einzige Strapaze und nahm einen ganzen Tag in Anspruch; gegen Sonnenuntergang war Guilford nur noch imstande, seine schmerzenden Knochen unter das Moskitonetz zu schleppen und einzuschlafen.
Am Morgen belud Guilford die Perspicacity und half dabei, sie zu Wasser zu lassen; mit von der Partie waren Sullivan, Gillvany und Tom Compton. Die anderen Boote warteten bereits; bis die Perspicacity die Flussmitte erreicht hatte, war das Leitboot, die Ararat mit Finch, bereits hinter der nächsten Biegung verschwunden. Der Fluss war schnell und flach und Guilford saß ganz vorne und hielt nach Felsblöcken Ausschau, immer bereit, das Boot mit dem Ruder von einem Hindernis abzulenken.
Eben noch beharrlich gegen die Strömung arbeitend, begann der Motor plötzlich zu stottern und gab auf.
Die jähe Stille erschreckte Guilford. Er hörte die Camille brummen, vielleicht hundert Yards weiter vorne, das Wasser plätscherte, Sullivan fluchte leise in sich hinein, während er die Abdeckung aus Segeltuch aufschlug und das Motorgehäuse öffnete.
Ohne Antrieb wurde die Perspicacity sofort langsamer, die Strömung zehrte den Schwung auf. Die Rheinschlucht stand mit einem Mal still. Nur das Wasser war in Bewegung. Niemand sagte ein Wort.
Dann sagte Tom Compton: »Die anderen Ruder, Mr. Gillvany. Wir müssen zurück und ans Ufer.«
»Nur ein bisschen Wasser im Gehäuse«, sagte Sullivan. »Ich kann den Motor wieder starten. Na ja.«
Doch Tom Gillvany, dem die Flussreise ohnehin nicht geheuer war, nickte nervös und schnallte die Ruder los.
Guilford benutzte sein Ruder, um das Boot zu drehen.
Er nahm sich einen Augenblick Zeit, um der Camille zu winken, das Problem zu signalisieren, und Keck winkte zur Bestätigung und wendete. Aber die Camille war schon alarmierend weit weg. Und jetzt nahm das Ufer Fahrt auf. Die Perspicacity gehörte dem Rhein.
Das Steinufer, von dem sie abgelegt hatten, flog vorbei. »Oh, Jesus«, stöhnte Gillvany hektisch paddelnd. Sullivan, weiß im Gesicht, ließ den Motor Motor sein und schnappte sich ein Ruder. »Schön regelmäßig rudern«, sagte Tom Compton, die tiefe Stimme klang fast wie das Tosen des Wassers. »Wenn wir nahe genug sind, fang ich uns ab. Her mit der Bugleine!«
Guilford dachte an die Stromschnellen. Vermutlich dachten allmählich alle daran. Er konnte sie jetzt sehen, eine weiße Linie, die den Fluss verschlang. Das Ufer schien kein bisschen näher zu sein.
»Regelmäßig!«, schrie der Grenzer. »Verdammt, Gillvany, Sie sind keine Nähmaschine! Schaufeln sollen Sie!«
Gillvany war ein kleiner Mann und die harschen Worte taten ihre Wirkung. Er biss sich auf die Lippe und stieß das Ruder in den Fluss. Guilford ruderte wortlos, die Arme schmerzten. Schweiß rann ihm von der Stirn, er schmeckte Salz. Der Tag war jetzt nicht mehr kühl. Darwinische Ufervögel, die aussahen wie kohlschwarze Spatzen, flogen Kapriolen über dem Boot.
Der Flussgrund war jetzt zerklüftet, Felsen wie Haifischflossen hinterließen eine weiße Gichtspur, während sich die Perspicacity dem Ufer näherte. Achtern tat es einen raschen, hohlen Schlag. »Das war ein Schwert«, sagte Sullivan atemlos. »Rudern!«
Der nächste Schlag schickte ein knirschendes Zittern durchs Boot — die Schraube, vermutete Guilford. Gillvany riss den Mund auf, aber niemand sagte ein Wort. Das Wasser donnerte immer lauter.
Das Ufer wurde zu einem Wirrwarr aus Felsblöcken, die näher kamen und gefährlich schnell vorüberflogen.
Tom Compton stieß Verwünschungen aus und grapschte nach dem Bugseil, stand auf und sprang aus dem Boot. Er landete verteufelt hart auf einem glitschigen, abgeflachten Felsen, das Seil neben Guilford entrollte sich wie eine wütende Schlange, während er vergeblich gegen die Strömung paddelte. Der Grenzer richtete sich hastig auf und schlang das Seil um einen Granitvorsprung, gerade als die Perspicacity es straff zog. Das Seil schnurrte und peitschte aus dem Wasser. Guilford verankerte sich, als das Boot bockte und wie wild auf die Felsen zukreiselte. Sullivan fiel gegen den Motorblock. Gillvany wusste nicht, wie ihm geschah, als er über Steuerbord ging.
Guilford warf eine Seilschlinge ins Wasser, wo Gillvany verschwunden war, aber der Entomologe war nicht mehr da — auf und davon im schnellen, grünen Wasser, keine Gischtspur, kein Strudel markierte seinen Weg.
Dann schlug die Perspicacity an die Felsen und bäumte sich auf unter dem wütenden Ansturm des Rheins, Guilford klammerte sich mit letzter Kraft an eine Riemendolle.
Oberhalb der namenlosen Stromschnellen gestrandet, zwei Tage inzwischen. Die Perspicacity wird repariert. Für Schwert und Schraube haben wir Ersatz.
Nicht für Gillvany.
PS. Ich kannte Gillvany nicht gut. Er war ein stiller, gelehriger Mensch. Laut Dr. Sullivan ein angesehener Wissenschaftler auf seinem Gebiet. Ertrunken im Fluss. Wir haben flussab gesucht, konnten ihn aber nicht finden. Ich werde mich an sein scheues Lächeln erinnern, seine Ernsthaftigkeit und seine unverhohlene Faszination für den Neuen Kontinent.
Wir trauern alle um ihn. Die Stimmung ist gedrückt.
Ein Hohlraum, wo die Rheinschlucht felsig und steil ist, so etwas wie eine natürliche Höhle, nicht tief aber hoch wie ein Kirche: ›Cathedral Cavern‹ hat Preston Finch sie getauft. Ein Kegel aus Steinen zu Ehren von Dr. Gillvany. Eine Tafel aus Treibholz, in die Keck mit dem Steinhammer eine Inschrift geschlagen hat: ›In Memory of Dr. Thomas Markland Gillvany‹ und das Datum.
PS. So schweigsam, wie wir sind, gibt es nicht viel zu hören: der Fluss, der Wind (es regnet schon wieder), Diggs summt ›Rock of Ages‹, während er das Feuer schürt.
Das Land hat uns zur Ader gelassen.
Morgen, wenn alles gut geht, lassen wir das Boot wieder zu Wasser. Und weiter geht’s. Ich vermisse Frau und Kind.
Weil er nicht schlafen konnte, verließ Guilford nach Mitternacht sein Zelt und ging an der Glut des Feuers vorbei zum Eingang der Höhle, den das Mondlicht aus dem Felsen meißelte. Dort saß Sullivan und spähte mit einem kleinen Messingteleskop in den Nachthimmel. Es hatte aufgehört zu regnen. Der Mond schmückte sich mit Zirruswolken. Der Himmel über der Rheinschlucht war zum größten Teil sternenklar. Guilford räusperte sich, suchte sich ein Plätzchen zwischen Sand und Steinen und ließ sich nieder.
Der Ältere blickte ihn kurz an. »Hallo Guilford. Nehmen Sie sich in Acht. Billyfliegen mögen zwar keinen Wind, aber ein paar sind immer unterwegs.«
»Sind Sie auch Astronom, Dr. Sullivan? Astronom und Botaniker?«