Jim pfiff laut aus. »Das war erstaunlich. So etwas habe ich noch nie gesehen. Mr. Thousand Names, Sie sollten sich einen Job in der Branche für tiefgekühlte Lebensmittel suchen.«
Ich nahm einen Arm von George Thousand Names. »Sie haben eine Schlacht gewonnen. Sie haben sich mit Coyote angelegt und gewonnen.«
Er schüttelte den Kopf. »Wir sind noch längst nicht fertig und meine Kräfte sind nicht groß. Dr. Jarvis, Sie haben in Ihrem Wagen doch noch Platz für die Bilder vom Mount Taylor und Cabezon Peak?«
»Wie? Klar. Aber ich dachte, Sie wollen das Haus mit einigen Bannsprüchen versiegeln.«
George Thousand Names wischte sich die Stirn mit seinem Taschentuch trocken. »Ich wünschte, ich könnte es, Dr. Jarvis. Aber der Kampf mit dem Abbild Coyotes hat mir gezeigt, dass ich die Kraft dazu nicht habe. Ich bin zu alt, zu schwach. Wir müssen es irgendwie anders versuchen.«
Ich drückte die schwere Vordertür auf und wir traten vorsichtig ins Innere. Die Bilder hingen noch da. Ich sagte: »Gut. Lasst uns so viele wie möglich mitnehmen und sie in den Kofferraum legen. Dann verschwinden wir.«
Schnell und nahezu lautlos nahmen wir die Bilder und Zeichnungen von den Wänden und brachten sie hinaus zum Kofferraum von Jims Auto. Es waren etwa 50 oder 60 Bilder und als wir endlich fertig waren, wurde der hintere Teil des Wagens vom Gewicht der schweren Bilderrahmen heruntergedrückt.
Jane, die noch immer auf dem Rücksitz saß, schaute auf. »Ist alles in Ordnung? Ich fühle mich so seltsam.«
»Keine Angst«, sagte Jim. »Wir nehmen Sie mit zum Krankenhaus und werden Sie untersuchen.«
»Oh, nein, nein«, antwortete sie. »Es geht mir gut, ehrlich. Ich schätze, ich leide nur unter einem Schock.«
»Wie auch immer, eine gründliche Untersuchung kann doch nicht schaden.«
Jim stieg in den Wagen und startete den Motor. George Thousand Names sagte: »Wir müssen einen sicheren Platz für die Bilder finden. Einen kleinen Ort, den ich mit einem magischen Bann leicht schützen kann.«
»Wie wäre es mit meiner Wohnung?«, schlug ich vor. »Ich habe ein wirklich kleines Apartment – wenn man sich mit einem Baseballschläger hinter die Eingangstür stellt, dann kann man Horden von Barbaren eine Woche lang auf Distanz halten.«
»Das klingt gut. Können Sie uns den Weg weisen?«
Wir fuhren zu meinem Apartmenthaus. Sam, der Portier, sah uns mit unverhohlenem Misstrauen zu, als wir die ganzen Bilder in den Aufzug stopften und mit rauf nahmen. Ich schloss die Tür meines Apartments auf und wir stapelten all die Bilder in meiner kleinen Diele unter dem Poster von Dolly Parton.
Ich trat zurück und rieb mir den Staub von den Händen. »Okay. Was ist jetzt mit dem magischen Schutz?«
George Thousand Names sagte: »Ich würde gern zuerst etwas trinken.«
Wir gingen in mein winziges Wohnzimmer. Dort öffnete ich meinen schwarzen Cocktail-Schrank mit den goldenen Verzierungen und goss uns vier Hiram Walkers ein. Eigentlich mag ich diesen Whisky kanadischen Typs gar nicht so gerne, hatte aber gerade nichts anderes anzubieten. Wir vier standen müde und erregt da und tranken ihn wie Medizin.
»Ich werde das hier an Ihre Tür hängen«, sagte George Thousand Names zu mir. Er holte ein kleines Halsband aus Knochen aus der Tasche seiner Windjacke und hielt es hoch. Es sah nach nichts Besonderem aus. Die Knochen waren alt und trocken und farblos. Offensichtlich waren sie einmal rot und grün bemalt gewesen, doch davon war das meiste verschwunden.
»Dies ist das Halsband, das unser alter Held Broken Shield getragen hat, als er den Leech Lake Mountain hinaufstieg und den Donnergott herausforderte. Historisch ist es unbezahlbar. Es wird um die 3.000 Jahre alt sein. Aber es wurde gemacht, um benutzt zu werden. Deshalb möchte ich, dass Sie es heute Nacht behalten, denn Coyote von Big Monsters Skalp fernzuhalten ist weit wichtiger als irgendeine Reliquie, egal, wie wertvoll sie für uns ist. Coyote wird es nicht wagen, sie anzufassen. Falls er es tut, wird er den Zorn von Gitche Manitou heraufbeschwören, dem Großen Geist persönlich.«
»Ich dachte, Coyote sei ein Dämon, der vor nichts und niemandem Angst hat und sich mit allen anlegt«, sagte Dr. Jarvis.
»Das ist richtig«, bestätigte George Thousand Names. »Aber wie alle überheblichen und bequemen Dämonen bevorzugt er ein ruhiges Dasein – der Zorn von Gitche Manitou würde ihm seine Freuden für die nächsten 5.000 Jahre sicherlich verdrießen.«
»Freuden?« Jim schüttelte ungläubig den Kopf.
»Dr. Jarvis«, erwiderte George Thousand Names. »Bitte denken Sie daran, dass für einige der wilden Dämonen das Verschlingen eines Menschen nicht weniger vergnüglich ist wie für uns das Essen eines Tütchens mit gerösteten Erdnüssen.«
George Thousand Names hängte das Halsband um den Griff meiner Wohnungstür und murmelte einige Beschwörungsworte darüber. Dann sagte er: »Ich nehme an, dass wir alle müde sind, aber für morgen müssen wir alle ausgeruht sein. Ich schlage vor, dass wir uns etwas Schlaf gönnen. Ich habe mir von meiner Bekannten ein Zimmer im Mark Hopkins reservieren lassen. Könnten Sie mich bitte dorthin fahren, Doktor?«
»Aber sicher«, entgegnete Jim. »Wie ist das mit dir, Jane? Kann ich dich irgendwo absetzen?«
Jane hatte die ganze Zeit in sich gekehrt auf meinem Lieblingssessel gehockt. Sie sagte mit flacher Stimme: »Nein, schon gut. Falls John nichts dagegen hat, dann möchte ich hierbleiben.«
»Etwas dagegen haben? Du willst mich wohl auf den Arm nehmen.«
George Thousand Names trat auf mich zu und schüttelte mir die Hand. Leise sagte er: »Ich möchte Ihnen danken, dass Sie genug Vorstellungsvermögen hatten, zu sehen, was hier wirklich vor sich ging. Dadurch haben wir zumindest eine kleine Chance.«
Sie wollten gerade gehen, als mein Telefon läutete. Ich winkte sie wieder ins Zimmer und nahm den Hörer ab.
»John Hyatt.«
Es war Lieutenant Stroud. »Sie sind also wieder zu Hause, hmm? Ich habe Sie gesucht. Ist dieser Indianer bei Ihnen?«
»George Thousand Names? Ja.«
Der Polizist hüstelte: »Wir hatten eine kleine Schwierigkeit auf dem Bayshore Freeway, kurz hinter Millbrae. Der Krankenwagen mit Dr. Crane und dem Körper von Seymour Wallis wurde gewissermaßen überfallen.«
»Überfallen? Sie meinen von Coyote?«
Der Lieutenant stieß laut den Atem aus. »Gut, wenn Sie es so nennen wollen. Der Fahrer des Krankenwagens berichtete, dass er ganz normal über den Freeway fuhr, als sich plötzlich ein gewaltiger Koloss auf der Fahrbahn vor ihm aufrichtete. Er konnte als Einziger lebend entkommen. Dr. Crane, es tut mir leid, dass ich das sagen muss, ist tot. Verbrannt, ebenso meine beiden Mitarbeiter.«
Ich legte meine Hand über die Sprechmuschel und sagte zu Dr. Jarvis: »Jim. Dr. Crane ist tot. Es tut mir leid. Coyote hat den Krankenwagen kurz hinter dem Flughafen überfallen.«
George Thousand Names sah todernst aus. »Das Blut«, wollte er wissen. »Hat er das Blut bekommen?«
»Mr. Thousand Names möchte wissen, ob Coyote das Blut bekommen hat«, gab ich Lieutenant Stroud durch.
Er räusperte sich: »Sagen Sie ihm, dass man Seymour Wallis eine halbe Stunde später in der Bucht gefunden hat. Er war so ausgesaugt, dass der Mann, der ihn entdeckt hat, zuerst dachte, er hätte einen toten Haifisch gefunden.«
Ich vermochte nur noch zu sagen: »Das war’s dann also. Was können wir noch tun? Haben Sie irgendeine Ahnung, wo Coyote jetzt steckt?«
»Die APB und die SWAT-Mannschaft sind draußen und überprüfen jedes mögliche Versteck. Aber wenn Sie mich fragen, ich schätze, es ist hoffnungslos.«
»Danke, Lieutenant«, sagte ich und legte den Hörer auf.
In dem ersten Morgenschimmer, der in mein Zimmer drang, sah George Thousand Names müde und erschöpft aus. Er strich sich mit den knorrigen Fingern durch sein weißes Haar. »Hoffen wir nur, dass wir diesen Kampf nicht verlieren, Freunde. Falls Coyote seine gesamten Kräfte erlangen wird, dann kann ich euch nicht beschreiben, welch ein Gemetzel er veranstalten wird.«