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»Ssschht! Horchen Sie!«

Ich erstarrte und lauschte. Erst konnte ich nichts hören, aber dann drang ein kratzendesGeräusch an meine Ohren. Es schien von überall zu kommen, aber George Thousand Names hob einen Finger und deutete hoch zur Decke.

»Und was tun wir jetzt?« Meine Stimme klang heiser.

George Thousand Names winkte, dass ich ihm folgen sollte. Wir gingen noch einige Schritte den Treppenabsatz entlang, bis wir unter der Falltür des Dachbodens standen. Eine ausgefranste Schnur hing an der Wand herunter. Ich vermutete, dass man damit eine von diesen zusammenschiebbaren Leitern herabziehen konnte.

»So«, sagte der alte Indianer ruhig, »jetzt haben wir den Dämon in seiner Höhle.«

Ich hustete und schaute angespannt auf die Falltür. Das Kratzen ging weiter, leise und beständig und gruselig, wie der Fingernagel von jemandem, der lebendig begraben ist und hoffnungslos am Deckel seines Sarges kratzt. »George, ich glaube wirklich nicht, dass ich da rauf möchte.«

Er schaute mich missbilligend an. »Wir müssen. Verstehen Sie nicht, wer das ist? Das ist Coyote! Dieser Dämon ist der Moby Dick eines jeden Medizinmannes! Ich könnte seinen Skalp an das Geländer meiner Veranda hängen, zusammen mit den Fellen und den Schneeschuhen! Den Skalp von Coyote, dem Ersten, der Worte zur Gewalt benutzte.«

»George«, sagte ich ängstlich, »ich bin hier nicht auf der Jagd nach einem Skalp. Ich mache hier mit, weil unschuldige Menschen sterben müssen, falls wir nicht etwas unternehmen!«

»Sie sind kein Heiliger, und es ist nicht gut, so zu tun als wäre man einer«, erwiderte er, und in seiner Stimme lag mehr als nur eine Prise Schärfe.

»Das bin ich sicher nicht … Aber ich bin auch kein Kopfjäger.«

»Wir wussten, dass sich dies ereignen würde. Beim letzten Großen Rat der Medizinmänner in Towaoc im Reservat der Ute Mountains haben viele der weisen Männer gesagt, dass sie Warnungen und Vorzeichen gesehen hätten. Die grauen Vögel sind gesichtet worden, und die alten Stimmen wurden auf dem Superstition Mountain gehört, was seit der Bestattung von Red Cloud nicht mehr vorgekommen war. Außerdem waren die Kojoten und die Hunde so ruhelos, als ob sich ein Sturm zusammenbrauen würde.«

»Sie wussten,dass Coyote kommen würde? Warum haben Sie das denn nicht früher gesagt?«

»Wir wussten es nicht. Wir haben es vermutet. Aber für mich wird es eine große Ehre sein, Coyote zu besiegen. Ich werde als einer der größten Magier aller Zeitalter gelten, der vergangenen und der gegenwärtigen. Und dann werde ich etwas tun, was ich mir schon seit Jahren inständig wünsche. Ich werde die Medizinmänner in einem starken und mächtigen Rat wieder vereinigen und der indianischen Magie wieder den Ruhm zukommen lassen, den sie einst besaß, in den lang vergangenen Tagen, als das Gras frei wuchs und die Stämme noch Würde und Stärke besaßen. Die Zeichen sagten, dass Coyote in dem Monat kommen wird, in dem die Gänse ihre Federn abwerfen, und er kam.«

Ich starrte in dem trüben Licht des Treppenabsatzes in George Thousand Names’ Gesicht und ich begriff jetzt, was er meinte. In der heutigen Zeit gab es keine Möglichkeit für einen Medizinmann, seine Macht zu beweisen, keine Prüfung, die seiner Magie würdig gewesen wäre. Was nützte die alte Kunst, Büffel zu hypnotisieren, wenn Büffel nur noch im Zoo existierten? Was nützte die Macht, einen Speer ungewöhnlich gerade fliegen zu lassen in einer Welt voller Gewehre und Tränengas? Deshalb genoss George Thousand Names seinen Kampf mit Coyote so sehr. Es spielte keine Rolle, wie gemein und grausam Coyote war, er war die Herausforderung für Georges eingeschnürte Talente.

»In Ordnung«, sagte ich. »Wir bringen es besser hinter uns.«

Er griff mit seiner alten, dürren Hand nach meiner Schulter. »Falls es der Große Geist für angebracht hält, uns zu sich zu nehmen, mein Freund, dann lassen Sie uns an die guten und nicht an die bösen Worte zurückdenken.«

»Okay, es ist Ihr Auftritt.«

Ich zog an der Schnur, die von der Falltür herabhing. Sie schien zu klemmen, aber als ich fester zog, kam die Tür mit einem rostigen Knarren herab und die unteren Stufen sanken uns automatisch entgegen. Aus der dunklen Leere über uns strömte ein heißer, stinkender Lufthauch, und wir hörten deutlich das ruhelose Kratzen und Scharren, als ob etwas oder jemand ungeduldig auf uns wartete.

»Lassen Sie mich zuerst gehen«, sagte George Thousand Names. »Ich habe die Macht, das Schlimmste von uns abzuhalten.«

»Glauben Sie bloß nicht, dass ich mich vordrängeln wollte.«

Der Medizinmann griff nach der Leiter, die wackelte und knarrte, bis sie schließlich auf dem Boden des Treppenabsatzes zur Ruhe kam. Dann, Stufe für Stufe, stieg er langsam hinauf, doch ab und zu blieb er stehen, lauschte und spähte. Sein Kopf und seine Schultern verschwanden im Dunkeln.

»Himmel, kommen Sie nicht so zurück wie Bryan Corder.«

»Er ist hier. Er ist auf dem Dachboden. Gibt es da unten einen Lichtschalter? Ich spüre ihn. Ich kann ihn riechen. Machen Sie Licht!«

Ich sah mich um; an der entgegengesetzten Wand gab es einen alten Bakelitschalter. Ich drückte ihn herunter und eine schwache, staubige Glühbirne flammte oben im Dachboden auf.

George Thousand Names schrie. Er fiel von der Leiter. Sein alter Körper schlug schwerfällig auf den Boden.

Für einen Augenblick dachte ich, er sei tot, aber dann brüllte er: »Schließ die Tür! Schließ die Tür! Schließen Sie die Tür, bevor es zu spät ist.«

Ich packte das untere Ende der Leiter und schob sie nach oben, aber an einer Seite blieb sie an der Deckenöffnung stecken. Ich kletterte schnell vier oder fünf Stufen rauf und zerrte, so kräftig ich konnte, um sie freizubekommen.

In dem Augenblick sah ich Coyote. Ich sah nicht viel. Er befand sich am äußersten Ende des Speichers, wo das Licht kaum hindrang, aber der gesamte Boden wimmelte von Tausenden und Tausenden kränklicher grauer Vögel, die herumhüpften und flatterten und mit ihren Krallen über den Boden kratzten. Es war fast unmöglich, irgendeinen Umriss, irgendeine Form zu erkennen, aber durch die flatternden Vogelmassen der Grauen Traurigkeit konnte ich etwas Schwarzes und Enormes ausmachen. Dämonische Augen glühten in einem borstigen Gesicht und eine schreckliche, bestienähnliche Präsenz kam mir entgegen, die böser und hässlicher war als alles, was ich mir überhaupt jemals hätte vorstellen können.

Auf dem Boden des Speichers, nicht weit von mir entfernt, stand die Statue der Bärenfrau, aber jetzt war es keine Statue mehr, sondern eine winzige lebende Nachbildung der riesigen Bärenfrau, die hier unten im Haus schlief. Die Figur drehte sich um und grinste mich mit blanken Zähnen an, dann eilte sie wie eine Ratte in den schattigen Schutz ihres Meisters zurück, zu dem Dämon Coyote.

Ich erkannte, warum George Thousand Names geschrien hatte. Coyote, dessen schräge Augen vor Hass glimmten, war dabei, dort in der düsteren Ecke des Dachbodens seinen Körper zu öffnen, und in der halben Sekunde, die ich in der Falltür stand, sah ich, dass sich etwas aus seiner Seite entrollte, fettig und blass und zappelnd wie Millionen von Maden.

Ich kam 50-mal schneller die Leiter herunter, als ich sie hochgestiegen war. Mein Kreislauf war so mit Adrenalin vollgepumpt, dass ich die unterste Sprosse packte und die Falltür mit einem heftigen Knall nach oben schwang. Dann hob ich George Thousand Names vom Boden auf und zog ihn auf dem Treppenabsatz rückwärts fort.

Als wir an die Treppenstufen gelangten, keuchte der Medizinmann: »Warte, warten Sie, er wird uns jetzt noch nicht folgen.«

» Warten?Ich werde so schnell ich kann aus diesem verfluchten Haus verschwinden. Haben Sie das Vieh gesehen? Haben Sie’s gesehen?«

George Thousand Names widersetzte sich meinem Ziehen. »John«, sagte er, »John, Sie dürfen das Haar nicht vergessen. Sie dürfen Big Monsters Haar nicht vergessen.«

»Weshalb denn?«

»John, es ist die einzige Möglichkeit, ihn zu bekämpfen. Wenn wir das Haar zuerst finden, dann haben wir zumindest noch eine Chance.«