Die Wände begannen zu knirschen und zu erzittern. Eine der Schlafzimmertüren wurde aus den Angeln gehoben und krachte mit einem Getöse auf den Boden, das mich vor Angst in die Luft springen ließ.
»Los«, drängte er. »Wir bringen den Arzt zuerst hinaus.«
Gebückt, um uns vor den herunterstürzenden Deckenteilen zu schützen, hoben wir Jim hoch und trugen ihn die Treppe hinab. George Thousand Names keuchte jetzt und seine Augen in dem staubigen weißen Gesicht waren rot unterlaufen. Ich wusste nicht, wie alt er war, aber er musste schon weit über die 60 sein, und vor zerstörerischen Dämonen davonzulaufen war nicht gerade gut fürs Herz. Während das Haus krachte und bebte, stolperten wir die letzten Stufen hinunter, durch die Diele, aus der Haustür hinaus.
Auf der Straße fuhr gerade der Krankenwagen vor, die Sirene heulte und die roten Lichter blinkten. Ich sah Polizeiwagen herankommen und auf dem Bürgersteig stand auch schon eine neugierige Menschenmenge.
Zwei Ärzte liefen auf uns zu und nahmen uns Jim ab. Zwei weitere brachten eine fahrbare Liege und hoben ihn vorsichtig darauf.
»Was ist hier los?«, fragte einer der Ärzte, ein kleiner Italiener mit dicken Brillengläsern. »Reißt ihr zwei das Haus hier ab?«
»Der Mann ist gebissen worden«, bemerkte ein anderer Arzt. Er klang verwirrt. »Etwas hat ihn in den Nacken gebissen.«
Hinter uns krachte es jetzt sehr laut. Wir schauten uns um und sahen ein Teil des Daches in sich zusammenfallen. Der gemauerte Schornstein polterte langsam hinterher, Glas zerplatzte, Holz krachte. Durch die verdreckten Fenster des zweiten Stockwerkes konnten wir das dunkle, böse Glimmen des Dämons sehen, das brandigen Hass verströmte.
George Thousand Names griff meinen Arm. »Wir müssen zurück, John, die Bärenfrau.«
»Die was?«, fragte der italienische Arzt. »Die Bärenfrau?«
Wir wollten gerade wieder durch die Haustür laufen, als wir eine harte, bekannte Stimme hörten. »Bleiben Sie stehen! Mr. Hyatt, Mr. Thousand Names! Bleiben Sie doch stehen!«
Durch die gaffende Menge kam Lieutenant Stroud auf uns zu, zwei Polizisten folgten ihm. Sein Gesicht war so ernst wie das eines Leichenbestatters. »Was ist hier los? Ich habe den Notruf mitbekommen.«
George Thousand Names bürstete sich etwas Staub vom Ärmel seiner Jacke. »Wir haben den Dämon für Sie aufgespürt, Lieutenant. Er ist da oben und er wütet wie irre, und je eher wir hineinkommen und die Bärenfrau retten, desto besser. Es ist fast schon zu spät.«
»Bärenfrau? Wovon zum Teufel reden Sie? Ihr beiden bleibt hier. Das SWAT-Team ist unterwegs.«
»Lieutenant«, sagte ich, »wir müssen da hinein. Die Bärenfrau ist Coyotes Helferin. Sie ist gemein und grausam und am Tage ist sie Auge und Ohr für Coyote. Die meiste Zeit über ist sie eine Frau, aber sie kann sich in eine Art Werwolf verwandeln, wann immer sie es will.«
Lieutenant Stroud starrte mich an, als ob er den Mund voller Zitrone und Salz hätte, ihm aber der Tequila dazu fehlen würde.
»Ein Werwolf?«,fragte er nahezu tonlos.
Eine weitere Sirene heulte auf. Es war der graue Lkw der SWAT, der die Straße runter auf uns zugesaust kam. Drei Mann in Kampfuniform kletterten aus dem Wagen und kamen in athletischem Laufschritt die Stufen hoch.
Der Anführer, ein kleiner, erfahrener Mann mit kurzem silbernem Haar und braunen Haselnussaugen, grüßte militärisch und fragte: »Sie haben den Flüchtenden gestellt, Lieutenant? Was treibt er da oben?«
Lieutenant Stroud starrte mich immer noch an, sagte aber aus dem Mundwinkel heraus: »Er scheint das Haus in Stücke zu reißen. Diese Herren sagen, dass er eine Komplizin hat.«
George Thousand Names sagte mit zaghafter Stimme: »Werden Sie uns hineingehen lassen oder nicht? Ich warne Sie, Lieutenant, ich bin der Einzige, der die Bärenfrau bändigen kann.«
»Die was-Frau?«, fragte der SWAT-Mann.
Hinter uns erklang ein scheußliches Gebrüll, als Coyote die Decke des zweiten Stockwerkes herunterriss. Fenster zerbrachen und Staub drang in dicken Wolken aus der Diele zum Ausgang heraus. Das gesamte Haus schien zu pulsieren und zu pochen, als wäre es ein gefoltertes Tier, und durch die Dunkelheit und die Zerstörung sahen wir das bösartige Leuchten der Augen des Dämons. Sogar der Himmel über dem Haus schien sich zu verdichten und finsterer zu werden; die grauen Vögel flatterten und kreisten über allem, ruhig und drohend wie zuvor.
Der Leiter der SWAT-Mannschaft wartete nicht ab, um zu erfahren, um was für eine Frau es sich handelte. Er drehte sich zu seinem Team, das gerade mehrere Tränengaswerfer fertig machte, und brüllte: »Drei und fünf zur Rückfront, los! Jackson, Sie kommen mit mir!«
George Thousand Names sagte: »Lieutenant, bitte, lassen Sie sie nicht da hinein! Ich muss allein reingehen. Es ist unsere einzige Chance.«
Der Teamleiter zog seine Automatik. »Bitte treten Sie zur Seite, Sir! Wir müssen dort hinein und kurzen Prozess mit diesem Verrückten machen.«
George Thousand Names hob die Arme und blockierte die Eingangstür. »Sie begreifen nicht, Sie werden sterben!Bitte, lassen Sie mich hinein! Ich bitte Sie!«
»Treten Sie zur Seite!«,befahl der Beamte.
Aber als er einen Schritt nach vorne trat, um George Thousand Names aus dem Weg zu stoßen, holte der alte Indianer sein goldenes Amulett aus dem offenen Hemd. Ich sah es einen Moment aufblitzen, und dann schien ich nichts mehr zu sehen. Als Nächstes wusste ich wieder, dass wir noch alle auf unserem Platz standen, George Thousand Names aber verschwunden war.
Der SWAT-Officer drehte sich zu Lieutenant Stroud um und blinzelte, dann wandten sich beide mir zu und schauten mich an.
»Wo ist er hin? Er ist einfach weg!«
Vom Bürgersteig rief einer vom SWAT-Team: »Er ist gerade hineingegangen, Sir. Sie haben ihn durchgelassen.«
»Ich habe ihn durchgelassen?«
»Ja, Sir. Sie haben Ihre Pistole gesenkt und ihn gehen lassen.«
Der Anführer der SWAT sah Lieutenant Stroud argwöhnisch an, aber da hörte man ein weiteres Bersten aus dem Haus und plötzlich wehte ein heißer Windstoß aus der Eingangstür heraus, heulend und kreischend, voller Staub und Dreck. Wir wichen alle zurück, bis auf den SWAT-Officer, der niederkniete, um Schutz hinter einer der Treppenstufen zu finden.
»Jetzt!«, schrie er. »Wir gehen rein!«
Es gab noch eine Explosion, noch ein ohrenbetäubendes Krachen. Ich war sicher, dass George Thousand Names verletzt worden war. Aber ich konnte nichts weiter tun, als zusammengeduckt am Eingang zu warten und zu beten.
Jane war da drin, und ob nun Bärenfrau oder nicht, sie war die Frau, die ich geliebt hatte. Ich schaute am Haus hoch; die grauen Vögel flogen aufgeregt hin und her, als ob sie ein Fest des Todes erwarteten.
Das SWAT-Team stolperte durch den stöhnenden Wind in die Diele. Sie hielten ihre Waffen hoch auf die Treppe gerichtet. Noch mehr Glassplitter flogen auf sie zu und einer der Männer schrie auf, als ihm die Hand aufgeschnitten wurde.
Der führende Officer hob den Arm, um den Sturm auf die Treppe freizugeben, aber in diesem Augenblick erschien George Thousand Names – inmitten der herumfliegenden Trümmerteile trug er etwas auf dem Rücken.
»Nicht schießen!«, schrie der SWAT-Officer, obwohl keiner seiner Leute danach aussah, als ob er überhaupt schießen wollte.
Vom Gartentor aus konnte ich nicht genau erkennen, was eigentlich passierte: Vielleicht sahen die SWAT-Leute es besser, obwohl sie es nie zugegeben haben. Aber ich bin sicher, dass George Thousand Names die Treppen nicht herunterlief.Um ihn herum flimmerte ein eigenartiges Strahlen. Er schwebte.Er trug Jane, aber nicht als Bär, sondern als Frau hing sie nackt und bleich über seiner Schulter.
»Ahh, die Bärenfrau …«, murmelte der kleine italienische Arzt mit den dicken Brillengläsern.