George kam durch die Diele, und ich schwöre, dass ich etwas Tageslicht unter seinen Füßen schimmern sah. Sein Kopf war ernst und stolz erhoben, der Kopf eines Indianers, der Zeiten erlebt hatte, in denen das Gras noch sprach und alle Stämme noch eng mit dem Großen Geist in Verbindung standen. Er war weit über die 60 und er hätte Jane auf keinen Fall so tragen können, auf gar keinen Fall. Doch er trug sie die Treppe hinunter und quer durch die Diele, mit geradem Rücken und ruhigem Gesicht. In diesem Augenblick war er das heilige Vehikel von Gitche Manitou, der sich um seine Diener kümmert, sogar um die, die das Flüstern der Präriewinde nicht zu hören vermögen.
Als George Thousand Names aus der Haustür schwebte, brach die Hölle hinter ihm los. Das Haus schien vor Wut zu brüllen. Ich sah, wie Fußbodenplanken durch die Luft flogen und die Mauern mit großem Getöse ineinanderfielen. Die SWAT-Leute standen mittendrin und einer von ihnen wurde wirklich durch eine solide Eichentür geschleudert. Die Menschen auf der Straße schrien und rannten vor Angst davon.
George Thousand Names kniete neben mir und ließ Jane seinen Rücken hinabgleiten. Sie war stark mitgenommen. Ein roter Striemen verlief quer über ihren Magen, aber sie befand sich immer noch in der tiefen Trance und schien unverletzt zu sein.
Es war George, um den ich mir im Augenblick Sorgen machte. Ich sah ihn an: Er zitterte und schwitzte und sein Gesicht war blau angelaufen.
»George, ich hole sofort einen Arzt.«
Er schüttelte den Kopf. »Sie können jetzt nichts mehr tun. Für solche Tricks bin ich zu alt … zu sehr aus der Übung. Man braucht Kraft, wissen Sie, geistige Kraft, und ich habe jetzt gemerkt, wie wenig ich davon hatte. Wir sind weich geworden, John, verstehen Sie. Sogar die Besten von uns. Es gab Zeiten, da konnten Männer wie Adler fliegen. Aber jetzt nicht mehr. Ich bin am Ende, John. Ehrlich, ich bin am Ende.«
»George, hören Sie, Sie werden wieder in Ordnung kommen. Sie ruhen sich jetzt nur etwas aus und sagen mir, was ich tun soll.«
Er atmete hastig und schmerzvoll. »Nehmen Sie die Bärenfrau mit. Bis ich sterbe, wird sie in Trance bleiben. Bringen Sie sie zur Golden Gate. Versuchen Sie zu … Versuchen Sie, ob mit Coyote zu verhandeln ist – aber lassen Sie ihn nicht an das Haar kommen … Lassen Sie das nicht zu …«
Er brach zusammen und fiel in schwerem Koma seitwärts auf die Stufen. Ein Ärzteteam lief schon auf uns zu und ich rief: »Schnell, bitte, er hatte einen Herzanfall.«
Ich zog eine der Decken von der Liege und wickelte Janes nackten Körper unbeholfen darin ein. Dann trug ich sie durch das Gartentor, vorbei an den Polizisten, SWAT-Männern und Zuschauern, zum gelben Pinto, der auf der anderen Straßenseite parkte. Die Schlüssel steckten noch im Zündschloss. Ich legte Jane auf den Rücksitz, stieg ein und startete den Wagen.
Ich warf einen letzten Blick auf das Haus 1551. Es schien jetzt ruhig zu sein, eine zusammengefallene Ruine. Aber die grauen Vögel kreisten immer noch darüber und als ich langsam anfuhr, sah ich ein schwaches rötliches Licht durch die dunklen Staubwolken dringen, die noch immer aus dem zusammengesackten Dach aufstiegen.
Dann, inmitten der finsteren Luft, monströs und erschreckend, sah ich den wölfischen Umriss von Coyote. Sein Gesicht war zu einem erbarmungslosen Grinsen verzogen – es war dasselbe Gesicht, das ich auf dem Türklopfer gesehen hatte, nur jetzt vielfach zu einem Albtraum vergrößert. Der Dämon war eingehüllt in einen Wirbel aus Vögeln und Dunkelheit und der Boden erzitterte und krachte unter seiner bösartigen Macht.
Die Straße hallte plötzlich wider vom Klang rennender Füße. Die Menschen liefen in Richtung Mission Street, fort von der düsteren Erscheinung, die über dem Haus in Pilarcitos zu erkennen war. Sie kreischten und schrien und zogen ihre Kinder mit sich. Sogar die Polizisten und SWAT-Leute rannten davon.
Ich gab Gas und fuhr los, so schnell es ging.
Ich fuhr über die Mission Street in nördlicher Richtung, zur Van Ness und in Richtung Brücke. Ich hatte keine Idee, was ich überhaupt tun konnte, um Coyote davon abzuhalten, Big Monsters Haar an sich zu nehmen, oder wie ich mit ihm verhandeln könnte, aber George Thousand Names hatte gesagt, dass ich das tun sollte, also musste ich es zumindest versuchen. Mein Herz raste und ich atmete heftig wie ein Olympialäufer, und die ganze Zeit zwang ich mich, bloß nicht zurückzuschauen.
Mission Street erschien an diesem Tag völlig normal, sodass ich kaum glauben konnte, dass ein Wesen, schlimmer als der Teufel selbst, hinter mir her war. Leute kauften ein, gingen spazieren, aßen, lachten, und ich fuhr verzweifelt nordwärts zur Golden Gate – ich wusste nicht einmal, ob ich die nächsten Minuten überleben würde.
Die Golden Gate war jetzt noch dichter von Nebel umhüllt. Ihre hohen Umrisse wirkten wie spinnennetzähnliche Schatten. Die Autos, die sie überquerten, hatten die Scheinwerfer eingeschaltet. Als ich näher kam, kurbelte ich die Seitenscheibe etwas herab und roch den leicht pfeffrigen, schweren Nebel. Einige Schiffe, die langsam durch die Bay hinaus aufs Meer fuhren, ließen ihre Hörner warnend aufstöhnen. Dicht vor der Brücke, in der Lombard Street, wurde der Nebel noch dichter, und obwohl ich in Panik war, musste ich abbremsen und hinter einer Autoschlange herkriechen.
Ich schaute Jane kurz an. Sie lag noch immer bewegungslos auf dem Rücksitz. Ich sprach ein weiteres Gebet für George Thousand Names – er durfte nicht sterben; außerdem würde dann die Bärenfrau wieder erwachen. Ich hatte absolut keine Lust, mit einem übernatürlichen Grizzly im Innenraum eines Ford Pinto zu kämpfen.
Plötzlich stoppte der Wagen vor mir. Ich hupte mehrmals, aber er blieb stehen. Ich öffnete die Tür und stieg alarmiert aus und sah, was los war. Zwei Polizisten hatten den Verkehr angehalten. Sie standen auf der Straße und deuteten nach oben. Ich rannte zu ihnen, ließ Jane alleine im Auto zurück.
»Was ist das Problem?«, frage ich. Ich versuchte ganz normal zu klingen, doch ich vermute, dass meine Stimme ziemlich schrill war.
»Da oben gibt es eine Störung. Irgendeine Beschädigung der Konstruktion. Sehen Sie das?«
Ich spähte hinauf in den Nebel. Die Polizisten hatten recht. Die Aufhängeseile der Brücke schwangen alarmierend von einer Seite zur anderen. Und irgendwie schienen sie mit etwas verkrustet zu sein. Als ich genauer hinsah, erkannte ich, was es war. Die Vögel. Die Graue Traurigkeit. Coyote war vor mir hier gewesen und zog jetzt Big Monsters Haar aus den Drahtseilen.
»Das ist wirklich eigenartig«, sagte einer der Cops. »Sehen Sie das? Da oben? Sieht das nicht aus wie etwas Finsteres, oder etwa nicht?«
Er merkte mehr, als ihm klar war. Die Finsternis, die um die Pfeiler der Brücke wallte wie ein Stück Nacht, war die Substanz Coyotes. Er hatte seine schattige, amorphe Form angenommen, die Form, mit der er inmitten von Sandstürmen die Wüste durchquerte und mit den heißen Winden des Südens reiste. Jetzt holte er sich da oben den Gewinn, den er vor vielen Jahrhunderten erzielt hatte, als Mount Taylor noch die Heimat eines Giganten war und Cabezon Peak noch gar nicht existierte. Der dämonische Skalp von Big Monster, die Trophäe, die ihm Unverwundbarkeit und Unsterblichkeit garantierte.
Ein Drahtseil sackte durch und schwang dann nach unten, ausgefranst und zerrissen. Es musste Tonnen wiegen, fiel jetzt seitlich an der Brücke hinab und schwang langsam hin und her.
In diesem Augenblick kümmerte ich mich um keinen Polizisten oder sonst jemanden mehr. Ich wusste, dass Coyote das Haar hatte, konnte es aber niemandem erklären. Ich legte die Hände muschelförmig um meinen Mund und schrie : »Coyote! Coyote! Coyote!«
Die Polizisten glotzten mich an.
»Coyote!«,brüllte ich. »Komm her und stell dich zum Kampf, Coyote!«
Einer der Polizisten schnappte sich meinen Arm. »Hey, Mister, bitte nicht so laut, ja?«
»Coyote!«,kreischte ich. »Ich fordere dich heraus! Du Feigling! Du Bestie! Heimtückischer Mörder!«