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Will blickte hinauf in den Baum. Dort hockte Jim  versteckt auf einem Ast. Er schaute zurück. Mr. Dark und  Mr. Cooger kehrten ihnen die Rücken zu und arbeiteten  an ihrem Karussell.

"Rasch, Will!"

"Jim..."

"Sie sehen dich sonst. Rauf!"

Will sprang hoch. Jim zog ihn auf den Ast. Der hohe  Baum bebte. Am Himmel heulte der Wind. Will keuchte,  und Jim hielt ihn zwischen den Zweigen fest.

"Jim, wir haben hier nichts zu suchen."

"Halt den Mund. Schau doch!" flüsterte Jim.

Irgendwo in der Maschinerie des Karussells klapperte  Eisen. Es quietschte leise, dann pfiff der Dampf durch die  Pfeifen der Zirkusorgel.

"Was war auf seinem Arm zu sehen, Jim?"

"Ein Bild."

"Was für ein Bild?"

"Es war..." Jim schloß die Augen. "Ein Bild. Von einer  Schlange. Ja – eine Schlange." Aber als er die Augen  wieder öffnete, konnte er Will nicht ansehen.

"Na schön, wenn du's mir nicht sagen willst."

"Ich hab's dir doch gesagt, Will. Eine Schlange. Ich sag  ihm nachher, er soll's dir auch zeigen, wenn du willst.  Ja?"

Nein, dachte Will. Ich will es nicht.

Er sah hinab auf die Millionen Fußspuren in den  Sägespänen des verlassenen Weges. Plötzlich war  Mitternacht viel näher als Mittag.

"Ich geh nach Hause..."

"Klar, Will, geh nur. Spiegelgewirr, alte Lehrerinnen,  verlorene Blitzableitertaschen, ein Blitzableiterverkäufer  verschwindet – aber du willst nach Hause gehen. Schlangenbilder zucken, die Karussells sind wieder in Ordnung – geh nur, Will, alter Freund. Geh nur!"

"Ich..." Will blickte hinab und erstarrte.

"Alles klar?" rief unten eine Stimme.

"Klar!" rief jemand vom anderen Ende des  Mittelganges zurück.

Mr. Dark trat, keine zwanzig Schritte entfernt, an einen  roten Schaltkasten neben der Kasse des Karussells. Er  sah sich nach allen Seiten um. Er starrte in den Baum  hinauf.

Will machte sich klein, Jim machte sich klein. Sie  verschmolzen fast mit dem Ast.

"Einschalten!"

Das Karussell setzte sich knarrend und klappernd in  Bewegung. Zügel strafften sich, es hob und senkte sich.

Aber – es ist doch kaputt! dachte Will. Es ist doch  außer Betrieb! Er warf Jim einen raschen Blick zu. Der  deutete heftig nach unten. Das Karussell drehte sich –  jawohl... 

Aber es drehte sich rückwärts!

Die kleine Zirkusorgel, die dazu gehörte, klapperte mit  den Trommeln, die nach nervösen Hengsten klangen.  Herbstliche Zymbeln gellten, Kastagnetten klapperten,  dann krächzten heiser, halb erstickt, seufzend die Pfeifen  und Flöten.

Auch die Musik läuft rückwärts, dachte Will.

Mr. Dark fuhr herum und blickte nach oben, als hätte er  Wills Gedanken gehört. Ein Windstoß schüttelte die  schwarz aufragenden Wipfel. Achselzuckend wandte sich  Mr. Dark ab.

Das Karussell drehte sich schneller, kreischend,  holpernd, immer rundherum – rückwärts!

Nun kam Mr. Cooger, der Mann mit dem feuerroten Haar und den leuchtendblauen Augen, den Mittelgang  entlang und schaute sich um. Genau unter ihrem Baum  blieb er stehen. Will hätte ihm leicht auf den Kopf  spucken können. Dann stieß die Zirkusorgel einen  durchdringenden Schrei aus, unheimlich, mörderisch, der  die Hunde in fernen Ländern angstvoll aufheulen ließ.  Mr. Cooger drehte sich um, rannte zurück und sprang auf  das verkehrte Tierleben, zwischen die Kreaturen, die sich  mit dem Schwanz voran in endlosen nächtlichen Kreisen  einer unbekannten, ewig verborgenen Bestimmung  entgegenbewegten. Seine Hand klatschte gegen  metallene Stangen. Er schwang sich auf einen Sitz, dann  blieb er mit seinem roten Stoppelhaar, seinem geröteten  Gesicht und den unglaublich scharfen blauen Augen  regungslos sitzen, rückwärts reitend, immer zurück. Und  die Musik lief verkehrt ab wie lautes Atemholen.

Diese Musik, dachte Will, was ist das nur? Woher weiß  ich, daß sie verkehrt herum abläuft? Er umklammerte den  Ast, suchte nach der Melodie und bemühte sich, sie in  seinem Kopf umzukehren. Doch die Messingbecken, die  Trommeln hämmerten gegen seine Brust, zerrten an  seinem Herzen, bis er spürte, wie sich sein Puls  umkehrte, sein Blut verkehrt herum durch den Körper  strömte. Fast stürzte er vom Baum. Er konnte sich nur  festklammern. Bleich nahm er das Bild in sich auf: Das  rückwärts laufende Karussell und Mr. Dark, der an den  Hebeln und Schaltern arbeitete.

Jim bemerkte die Veränderung zuerst. Er versetzte Will  einen Stoß. Will schaute zu ihm hinüber; da deutete Jim  mit dem Kopf auf den Mann im Karussell, als er das  nächste Mal im Kreis nach vorn kam.

Mr. Coogers Gesicht schmolz dahin wie rosa Wachs.

Seine Hände wurden zu Puppenhänden.

Seine Knochen sanken im Anzug zusammen, und der  Anzug schrumpfte ein, bis er zu dem kleiner gewordenen  Körper paßte.

Sein Gesicht blitzte als heller Fleck auf, und bei jeder  Runde schmolz es mehr zusammen.

Will sah, wie Jims Kopf sich mit dem Karussell drehte.

Das Karussell kreiste, ein riesiger, verkehrtherum  ablaufender Alptraum, die Pferde galoppierten rückwärts,  die Musik war ein Einatmen, während Mr. Cooger –  einfach wie der Schatten, einfach wie das Licht, einfach  wie die Zeit – immer jünger wurde. Immer jünger und  jünger.

Jedesmal wenn er auftauchte, bogen sich seine  Knochen wie warm gewordene Kerzen, schmolzen dahin,  der Jugend entgegen. Er starrte verzückt umher, in den  Baum mit den Jungen, bis er sich wieder von ihnen  entfernte. Seine Nase wurde kleiner, seine Ohren aus rosa  Wachs nahmen die Formen zarter Kinderohren an.

Mr. Cooger hatte seine Rückwärtsfahrt mit vierzig  begonnen. Jetzt war er nur noch neunzehn.

Immer im Kreise lief die verkehrte Parade von Pferd,  Pfosten, Musik. Aus dem Mann wurde ein junger Mann,  aus dem jungen Mann rasch ein Knabe...

Mr. Cooger war siebzehn. Sechzehn...

Noch eine Runde und noch eine unter dem Himmel und  den Bäumen. Will flüsterte, und Jim zählte die Kreise,  die das Karussell zog. Die Nachtluft erwärmte sich zu  sommerlicher Hitze – das kam von der Reibung  sonnengelben Metalls, der leidenschaftlichen  Rückwärtsflucht der Tiere. Die Wachspuppe schmolz  mehr und mehr zusammen, immer seltsamere Musik  umspülte sie, bis alles aufhörte, zu absoluter Stille  erstarb, bis die Orgel verstummte, die eisernen Eingeweide der Maschine zischend stehenblieben, bis das  Karussell mit einem letzten leisen Singen wie von  Wüstensand, der in arabischen Stundengläsern aufstieg,  auf der Dünung von Wasser und Tang schwankte und  schließlich stillstand.

Die Gestalt in dem weißen hölzernen Schlitten war sehr  klein geworden.

Mr. Cooger war zwölf Jahre alt.

Nein. Wills Lippen formten das Wort. Jims Lippen  sagten auch nein.

Die kleine Gestalt verließ die schweigende Welt. Das  Gesicht lag im Schatten, doch die Hände, rosa und  runzelig wie bei einem neugeborenen Baby, streckten  sich dem grellen, bunten Licht der Zirkusbeleuchtung  entgegen.

Der seltsame Mann-Junge warf einen Blick nach oben,  nach unten. Er spürte irgendwo in der Nähe die Gefahr,  den Schrecken. Will krümmte sich zusammen und schloß  ganz fest die Augen. Er fühlte fast, wie die entsetzlichen  Blicke wie Pfeile aus einem Blasrohr durch die Zweige  schossen und dicht an ihm vorbeizischten. Dann sauste  die kleine Gestalt hastig wie ein Hase den  menschenleeren Mittelgang des Zirkus entlang.

Jim schob zuerst die Blätter beiseite.

Auch Mr. Dark war fort, verschwunden in der  Dämmerung.

Der Sprung hinab zur Erde schien Jim eine Ewigkeit zu  dauern. Will sprang ihm nach. Schockiert standen sie  nebeneinander, erschüttert von lautlosen Gesten, hin und  her gerissen von Ereignissen, die nur noch betäubender  waren, weil sie sich in der Nacht, im Unbekannten  verloren. Verwirrt und zitternd hielten sie sich  aneinander fest und sahen den kleinen Schatten davonhuschen. Er wollte sie über die Wiesen locken. Jim  fand zuerst die Sprache wieder.