Will wollte gerade aus dem Bett steigen, um sich zu vergewissern. Doch in diesem Augenblick hörte er, wie drüben Jims Fenster aufging. Jim war noch gar nicht auf dem Holzsteig gewesen! Die Melodie entstand nur in Wills gereizter Phantasie. Will wollte etwas flüstern, dann hielt er inne.
Jim rutschte nämlich ohne ein Wort die Regenrinne hinunter.
Jim, dachte Will.
Unten auf dem Rasen blieb Jim stocksteif stehen, als er seinen Namen hörte. Du gehst doch nicht ohne mich, Jim?
Jim blickte rasch nach oben. Wenn er Will wirklich sah, ließ er es sich nicht anmerken. Jim, dachte Will, wir sind doch immer noch Freunde, riechen Dinge, die kein anderer riecht, hören Dinge, die kein anderer hört, haben dasselbe Blut, laufen denselben Weg. Und nun schleichst du dich zum ersten Mal davon! Ohne mich!
Aber die Einfahrt war leer. Lautlos wie ein Salamander in der Hecke glitt Jim davon.
Will war schon aus dem Fenster, sauste die Dachrinne hinab, sprang über die Hecke, dann fiel ihm ein: Ich bin allein! Wenn ich Jim nicht finde, dann ist es auch das erstemal, daß ich nachts allein draußen bin. Und wo soll ich hin? Jim nach.
Jim glitt durch die Nacht wie eine dunkle Eule, die hinter der Maus her ist. Will stolperte dahin wie ein unbewaffneter Jäger, der die Eule jagen will. Ihre Schatten segelten über die Oktoberwiesen.
Und als sie innehielten...
Da standen sie vor Miss Foleys Haus.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Jim blickte zurück.
Will wurde zu einem Busch hinter dem Busch, einem Schatten zwischen den Schatten, mit zwei sternhellen, runden Glasstücken von Augen, in denen sich Jims Abbild spiegelte. Der flüsterte zum Fenster im Obergeschoß hinauf.
"He, heda!"
Großer Gott, dachte Will, er will aufgeschlitzt und mit zerbrochenem Spiegelglas ausgestopft werden.
"He!" rief Jim leise. "He, du..."
Ein Schatten tauchte auf dem schwachbeleuchteten Vorhang auf, ein kleiner Schatten. Der Neffe hatte Miss Foley wieder nach Hause gebracht. Sie waren in ihren Zimmern, oder... Herr im Himmel, dachte Will, hoffentlich ist sie nur wieder heil nach Hause gekommen! Vielleicht ist sie wie der Blitzableiterverkäufer...
"He..."
Jim blickte mit jenem seltsamen, warmen Blick atemloser Erwartung hoch, wie er ihn manchmal bei den Schattenspielen vor dem Fenstertheater ein paar Straßen weiter zeigte. Liebevoll, hingebungsvoll starrte Jim hinauf, wie eine Katze, die auf eine ganz besonders schöne Maus lauert. Erst duckte er sich, dann wuchs er langsam empor, als würden seine Knochen von dem Ding da oben im Fenster, das plötzlich verschwand, langgezogen.
Will knirschte mit den Zähnen.
Er spürte, wie der Schatten gleich einem kalten Atem sich durch das Haus nach unten bewegte. Da sprang er vor.
"Jim!" Er packte Jim beim Arm.
"Will, was machst du denn hier?"
"Jim, sprich nicht mit ihm! Verschwinde von hier.
Herrgott, er wird dich fressen und deine Knochen ausspucken!"
Jim riß sich los.
"Will, geh nach Hause! Du verdirbst mir alles."
"Er macht mir angst, Jim, was willst du nur von ihm?
Heute nachmittag – im Spiegelkabinett, hast du da etwas gesehen?"
"Ja..."
"Herr im Himmel, was denn?" Will packte Jim am Hemd und spürte den Herzschlag darunter. "Jim..."
"Laß los!" Jim war furchtbar ruhig. "Wenn er merkt, daß du hier bist, wird er nicht herauskommen. Will, wenn du nicht losläßt, werde ich daran denken, wenn..."
"Wenn was?"
"Wenn ich einmal älter bin, verdammt noch mal, älter!"
Jim spuckte aus.
Wie vom Blitz getroffen, sprang Will zurück.
Er betrachtete seine leeren Hände, dann wischte er sich die Spucke von der Backe.
"Ach, Jim!" ächzte er.
Und er hörte das Locken des Karussells, wie es auf nachtschwarzen Wogen dahinglitt, im Kreise, immer im Kreise unter den Schatten der Bäume. Und er wollte schreien: Achtung! Das Karussell! Du willst doch, daß es vorwärts läuft, Jim, nicht wahr? Vorwärts und nicht rückwärts. Vorwärts mit dir, Jim. Einmal herum, und du bist fünfzehn, noch eine Runde, und du bist sechzehn, dreimal herum, du bist neunzehn! Musik! Und du bist zwanzig und erwachsen, groß, nicht mehr Jim, dreizehn Jahre alt, fast vierzehn, klein und verängstigt, wie du da auf der Straße neben mir stehst!
Will holte aus und schlug Jim mit voller Kraft die Faust auf die Nase.
Dann sprang er Jim an, ließ nicht mehr locker, riß ihn zu Boden, wälzte sich schreiend mit ihm ins Gebüsch. Er preßte Jim die Hand auf den Mund, schob seine Finger hinein, ließ sich beißen und erstickte die zornigen Schreie, das Knurren.
Die Haustür ging auf.
Will preßte Jim die Luft aus den Lungen, lag schwer auf ihm, verschloß ihm mit der Faust den Mund.
Etwas stand auf der Veranda. Ein kleiner Schatten schaute sich nach Jim um, fand ihn aber nicht.
Aber es war nur Robert, der junge, freundliche Neffe, der beinahe lässig aus dem Haus trat, die Hände in den Hosentaschen, leise vor sich hin pfeifend. Er atmete die Nachtluft ein, wie Jungen das tun, begierig auf Abenteuer, die sie selbst machen mußten, die sich nicht von allein ereignen. Alle Muskeln gespannt, in tödlicher Umklammerung mit Jim, sah Will ihn so dastehen und war vom Anblick des ganz normalen Jungen um so betroffener, wie er sich beiläufig umschaute, in ganz normaler Haltung, an der nichts von einem Erwachsenen war, klein im Licht der Straßenlampen.
Im nächsten Augenblick konnte Robert schreiend hinzuspringen, um mit ihnen zu spielen, mit ihnen zu raufen, die Arme auf den Rücken zu drehen wie Puppen im Mai. Das Ganze würde dann so enden, daß sie sich alle mit Lachtränen in den Augen auf dem Rasen wälzten. Dann war der Schrecken überwunden, die Angst im Tau dahingeschmolzen, der Traum vom Nichts schnell vorbei, wie das stets mit solchen Träumen geht, wenn man die Augen aufmacht. Da stand nun der Neffe mit seinem runden, frischen Jungengesicht, glatt wie ein Pfirsich. Lächelnd blickte er auf die beiden raufenden Jungen herab, die er im Gras entdeckt hatte.
Dann verschwand er blitzschnell im Haus. Er rannte nach oben, kramte herum, kam wieder nach unten; dann plötzlich, während die beiden Jungen noch versuchten, sich gegenseitig zu packen, niederzuzwingen, auf den Boden zu drücken, ergoß sich ein glitzernder, klingelnder Regen ins Gras.
Der Neffe schwang sich über das Geländer und landete katzenweich, verborgen im eigenen Schatten, im Gras.
Von seinen Händen blinkten Sterne. Er verstreute sie freigiebig. Sie fielen, glitten, blitzten neben Jim. Die beiden Jungen lagen regungslos da, erschrocken von dem Regen von Gold und diamantenem Feuer, der sich über sie ergoß.
"Hilfe! Polizei!" schrie Robert.
Will war so erschrocken, daß er Jim losließ.
Jim war so erschrocken, daß er Will losließ.
Beide griffen gleichzeitig nach dem kalten, ringsum verstreuten Eis.
"Herr im Himmel, ein Armband!"
"Ein Ring! Eine Halskette!"
Robert trat mit dem Fuß aus. Zwei Mülltonnen fielen polternd an der Bordsteinkante um.
"Polizei!"
Robert warf ihnen eine letzte Handvoll Glitzern vor die Füße, dann schloß er die Lippen und sperrte sein freundliches Pfirsichlächeln ein, als wollte er eine Explosion in einer Kiste verschließen, und preschte die Straße entlang.