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Wie oft, fragte auch Jims Gesicht. Voller Entsetzen sah er zu, wie das tote Karussell bebte und leblos im Gras stehenblieb, eine erstarrte Welt, die nichts – nicht ihre Herzen, nicht ihre Hände oder ihre Köpfe – jemals wieder zurückdrehen konnte.

Langsam gingen sie auf das Karussell zu. Ihre Schuhe raschelten durch das Gras.

Die schattenhafte Gestalt lag auf der ihnen zugewandten Seite, auf dem hölzernen Boden, das Gesicht zur anderen Seite gedreht.

Die eine Hand hing über den Rand der Scheibe.

Sie gehörte keinem Jungen.

Sie sah aus wie eine riesige Hand aus Wachs, geschmolzen im Feuer. Das Haar des Mannes war lang, weiß, dünn wie Spinnweben. Es flimmerte wie Distelhaar im kalten Windhauch.

Sie beugten sich über das Gesicht.

Die Augen waren zusammengepreßt wie bei einer Mumie. Die Nase war eingefallen. Der Mund war eine zerstörte weiße Blume, die Blütenblätter zu einer dünnen Wachsschicht verzerrt, die sich über die Zähne spannte.

Ein schwaches, blubberndes Seufzen drang zwischen den Lippen hervor. Der Mann war in seinem Anzug klein, klein wie ein Kind, aber lang – und alt, so alt. Nicht neunzig oder hundert Jahre, nicht hundertzehn, sondern wahrscheinlich hundertzwanzig, hundertdreißig Jahre alt.

Will berührte ihn.

Der Mann war so kalt wie ein Albino-Frosch. Er roch nach Mondsümpfen und uralten ägyptischen Mumienbinden.

So etwas findet man sonst nur im Museum, eingewickelt in konservierendes Linnen, luftdicht hinter Glas eingesperrt.

Aber er lebte. Er winselte wie ein Baby und verfiel vor ihren Augen – schnell, so schnell, dem Tod immer näher.

Will mußte sich über das Geländer des Karussells übergeben.

Dann fielen Jim und Will beinahe übereinander. Ihre weichen Schuhe trampelten über die verrückten Blätter, über das unwirkliche Gras, über die wesenlose Erde. Sie flogen den Mittelgang entlang...

Vierundzwanzigstes Kapitel 

Nachtfalter prallten gegen den Schirm der Bogenlampe, die sich hoch oben verlassen über die Straßenkreuzung erhob. Darunter, in einer einsamen Tankstelle mitten in der Wildnis, tickte es auch. In der Telefonzelle von der Größe eines Sarges standen eng aneinandergepreßt zwei bleiche Jungen und sprachen mit Leuten, die irgendwo in der Ferne waren, jenseits der nächtlichen Hügel. Bei jedem Flügelschlag einer Fledermaus, bei jedem Wolkenschatten klammerten sie sich aneinander fest.

Will hängte das Telefon ein. Polizei und Ambulanz waren unterwegs.

Zuerst, als sie nebeneinander durch die Nacht rannten und stolperten, da hatten sie sich zugerufen, zugeraunt, zugeflüstert: nach Hause gehen, alles vergessen, schlafen – nein! Mit einem Güterzug nach Westen flüchten – nein!

Es hatte keinen Sinn, denn wenn Mr. Cooger überlebte, was sie ihm angetan hatten, dieser alte, uralte Mann, dann würde er sie quer über den ganzen Erdball verfolgen, bis er sie fand und in der Luft zerriß. So landeten sie schließlich streitend und zitternd in der Telefonzelle. Nun sahen sie den Streifenwagen mit heulender Sirene vorbeisausen, die Ambulanz dicht dahinter. All die Männer schauten zu den beiden Jungen heraus, die mit schnatternden Zähnen im unsicheren Mondlicht dastanden.

Drei Minuten später gingen sie den Hauptweg auf der Festwiese entlang. Jim führte sie. Er plapperte unentwegt.

"Er lebt noch. Er muß noch leben. Wir wollten das doch nicht! Es tut uns so leid!" Er starrte die schwarzen Zelte an. "Hören Sie? Es tut uns wirklich leid!"

"Immer mit der Ruhe, mein Junge", sagte der Polizeibeamte. "Gehen wir weiter."

Die beiden Polizisten in Mitternachtsblau, die beiden Krankenträger in geisterhaftem Weiß und die beiden Jungen kamen am Riesenrad vorbei und standen dann gleich am Karussell.

Jim stöhnte.

Die Pferde waren mitten im Sprung erstarrt.

Sternenlicht spiegelte sich in den Messingstangen. Das war alles.

"Er ist weg..."

"Er war aber hier, das können wir beschwören!" sagte Jim.

"Hundertfünfzig oder zweihundert Jahre alt, und daran sollte er sterben."

"Jim", sagte Will.

Die vier Männer wurden unruhig.

"Sie müssen ihn in ein Zelt gebracht haben." Will wollte weg, aber einer der Polizisten nahm ihn beim Ellbogen.

"Hast du gesagt, hundertfünfzig Jahre alt?" fragte er Jim. "Warum nicht gleich dreihundert?"

"Vielleicht auch dreihundert! O Gott!" Jim drehte sich um und schrie: "Mr. Cooger! Wir haben Hilfe mitgebracht."

Lichter blitzten im Geisterzelt auf. Die riesigen Transparente davor schienen sich zu bewegen, als die Scheinwerfer sie in grelles Licht tauchten. Die Polizeibeamten blickten hoch. MR. SKELETON, DIE STAUBHEXE, DER ZERMALMER, VESUVIO DER LAVASCHLÜRFER. Jedes Wort stand auf einer eigenen Fahne, und sie bewegten sich alle leicht im Wind.

Jim blieb am raschelnden Eingang zur Geisterschau stehen.

"Mr. Cooger?" flehte er. "Sind Sie da?"

Aus der Zeltöffnung entströmte warme Luft, die nach Löwen roch.

"Was?" fragte ein Polizist.

Die Zeltklappen bewegten sich wie Lippen. Jim las die Worte ab.

"Sie haben ›Ja‹ gesagt, ›kommt herein!‹"

Jim trat ein, die anderen folgten ihm.

Im Innern des Zeltes blinzelten sie in das Zickzack von Zeltstangenschatten hinauf zu den hohen Geisterpodesten mit all den durch die Welt streunenden Fremden.

Verkrüppelt an Geist und Körper, warteten sie hier.

An einem wackeligen Kartentisch ganz in der Nähe saßen vier Männer und spielten mit limonengrünen, sonnenfarbenen Karten, auf die Mondungeheuer und geflügelte Sonnenwesen gedruckt waren. Hier das schiefe Skelett, das man wie eine Orgel spielen konnte; da der Blimp, der jeden Abend durchlöchert und am Morgen wieder aufgepumpt wurde; hier der Knirps, als "die Warze" bekannt, den man spottbillig als Postpaket versenden konnte; und gleich daneben ein noch kleineres Wesen, ein Irrtum der Zellen und der Zeit, ein so kleiner, verhutzelter Zwerg, daß man sein Gesicht hinter den Karten in seinen arthritischen, verkrümmten, knorrigen Fingern nicht sehen konnte.

Der Zwerg! Will zuckte zusammen. Diese Hände... Sie waren ihm bekannt, so bekannt. Wo? Wer? Was? Aber seine Augen schweiften weiter.

Dort stand Monsieur Guillotine, in engen schwarzen Hosen, langen Strümpfen, eine schwarze Kapuze über dem Kopf, die Arme vor der Brust verschränkt, stocksteif neben seinem Apparat zum Kopfabschlagen. Das Fallbeil hing hoch oben in der Zeltkuppel, ein hungriges Messer, das meteorgleich glitzerte und blitzte und danach gierte, den Raum zu durchtrennen. Unten lag eine Puppe, den Kopf im Block, und erwartete den raschen Tod.

Da stand der Zermalmer mit Stricken und Ketten, in Stahl und Eisen, der Knochenbrecher, Eisenfresser, Hufeisenverbieger.

Und dort der Lavaschlürfer, Vesuvio mit der verkohlten Zunge und den verbrühten Zähnen. Er wirbelte Dutzende von Feuerbällen in die Luft und spuckte einen Feuerstrahl aus, der gestreifte Schatten durch das hohe Zelt tanzen ließ.

In den Nischen ringsum standen noch weitere dreißig Mißgeburten und sahen das Feuer davonfliegen, bis der Feuerschlucker sich umwandte, die Eindringlinge bemerkte und sein Reich zusammenstürzen ließ. Die Sonnen ertranken in einem Wassertrog.

Dampf wallte auf. Alles gefror zu einem Tableau.

Dort, auf dem größten Podest, stand Mr. Dark, der Illustrierte Mann, eine Tätowiernadel wie den Pfeil eines Blasrohrs in seiner Hand. Die Nadel schwebte über dem rosenbedeckten Arm.