Die Bilder zuckten auf seinem nackten Fleisch. Er stand mit bloßem Oberkörper da und war gerade damit beschäftigt, auf seine linke Handfläche ein neues Bild einzustechen. Jetzt, wo das insektengleiche Summen in seiner Hand erstorben war, fuhr er herum. Aber Will starrte an ihm vorbei und schrie:
"Dort steht er! Dort ist Mr. Cooger!"
Die Polizisten und die Krankenträger kamen rasch näher.
Hinter Mr. Dark stand der elektrische Stuhl.
In diesem Stuhl hing ein verfallener Mann. Der Mann, den sie zuletzt, seufzend und in einem Haufen loser Knochen zusammengesunken, wächsern-bleich auf dem Karussell gesehen hatten. Nun saß er aufrecht da, angegurtet an dieses Gerät, in dem die Kraft der Blitze war.
"Das ist er. Er war – er lag im Sterben!"
Der Blimp erhob sich!
Das Skelett drehte sich um, groß und hager.
Die Warze hüpfte mit einem Flohsprung ins Sägemehl herab.
Der Zwerg ließ seine Karten fallen. Seine idiotischen Augen huschten ängstlich hin und her, im Kreise herum.
Ich kenne ihn doch, dachte Will. O Gott, was haben sie ihm nur angetan!
Der Blitzableiterverkäufer!
Ja, er war es. Zusammengequetscht, zerdrückt von einer furchtbaren Kraft zu einer kläglichen Faustvoll Mensch...
Der Blitzableiterverkäufer.
Aber nun ereigneten sich zwei Dinge gleichzeitig, mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit.
Monsieur Guillotine räusperte sich.
Und das Fallbeil hoch droben am Zelthimmel sauste wie ein blutrünstiger Falke herab. Ssst-sst-bums!
Der Kopf der Puppe fiel abgeschlagen in den Korb.
Im Fallen sah er wie Wills Kopf aus, sein Gesicht tot, zerstört.
Er wollte hinlaufen, er wollte nicht hinlaufen, den Kopf hochheben, nachsehen, ob er tatsächlich seine Züge trug.
Aber wie konnte er so etwas jemals wagen? Nie, nicht in einer Million Jahren brachte es jemand fertig, diesen entsetzlichen Korb zu leeren.
Das zweite Ding ereignete sich.
Ein Mechaniker, der hinter einem aufrecht stehenden Sarg mit gläserner Vorderseite arbeitete, ließ einen Draht schnappen. In der Maschinerie unter dem Schild MLLE. TAROT, DIE STAUBHEXE, klickte es. Die Frau aus Wachs hinter der Glasscheibe nickte und zeigte mit ihrer spitzen Nase auf die beiden Jungen, als sie die Männer daran vorbeiführten. Ihre kalte, wächserne Hand fegte den Staub des Schicksals auf einem Sims im Glassarg zusammen. Ihre Augen sahen nichts. Sie waren mit dunklen Spinnenfäden der Schwarzen Witwe zugenäht.
Es war ein hübsches Gespenst aus Wachs. Feixend sahen die Polizisten sie an und gingen daran vorbei. Dann nickten sie auch Monsieur Guillotine beifällig lächelnd zu. Sie machten nun einen entspannten Eindruck. Es schien ihnen nichts auszumachen, daß sie so spät noch in eine Welt probender Akrobaten und windiger Magier gerufen wurden.
"Gentlemen!" Mr. Dark und seine Bildergalerie traten an die Vorderkante der hölzernen Bühne, ein Dschungel unter jedem Arm, eine ägyptische Viper auf jedem Bizeps. "Willkommen! Sie kommen gerade rechtzeitig!
Wir proben alle unsere neuen Kunststücke!" Mr. Dark winkte. Fremdartige Ungeheuer fletschten auf seiner Brust ihre Fangzähne, ein Zyklop, der den Nabel als einziges Auge benutzte, wand sich bei jedem Schritt auf dem Bauch des Mannes.
Herr im Himmel, dachte Will, bringt er die alle mit, oder zerren ihn die gemalten Ungeheuer vorwärts?
Von den gesprungenen Holzpodesten und vom Sägemehl der Arena her spürte Will die kalten Blicke der ihm zugewandten Mißgeburten. Der Illustrierte Mann schien ihnen ebensoviel Freude zu machen wie den Polizisten und den Krankenträgern. Bei jeder Bewegung beherrschten die Ungeheuer die Szene, erfüllten sie den Raum bis hinauf in die Zeltkuppel mit lautlosen Schreien, die Aufmerksamkeit heischten.
Ein Teil der Wesen aus Nadelpunkten meldete sich nun zu Wort. Mr. Dark öffnete über seinem gemalten Dschungel, den zuckenden Ungeheuern auf der schweißnassen Haut, den Mund. Orgeltöne drangen aus seiner Brust. Die blaugrünen Wesen, die ihn bevölkerten, erbebten, die wirklichen Mißgestalten im Sägemehl erbebten, der Fußboden im Zelt erbebte, und auch Jim und Will erzitterten bis ins innerste Mark und kamen sich noch elender vor als all die Mißgeburten.
"Meine Herren, meine Jungen! Wir haben gerade unsere neue Schau vollendet und zusammengestellt! Sie werden sie als erste zu sehen bekommen!" rief Mr. Dark.
Der eine Polizeibeamte hakte den Daumen lässig hinter die Pistolentasche, blinzelte zu dem Wirrwarr von wilden Tieren und Sagengestalten empor und sagte: "Der Junge da meint..."
"Meint?" Der Illustrierte Mann ließ ein bellendes Lachen hören. Die Mißgeburten zuckten erschrocken zusammen und beruhigten sich wieder, als erneut die ruhige, gelassene Stimme ihres Herrn und Meisters ertönte. Er streichelte seine Monster und schien damit gleichzeitig auch die Mißgeburten zu besänftigen. "So, meint er? Aber was hat er denn gesehen? Kleine Jungen bekommen bei solchen Vorstellungen doch immer Angst, oder nicht? Sie rennen davon wie die Kaninchen, wenn ein Ungeheuer auftaucht. Auch heute abend. Ganz besonders heute abend."
Die Polizeibeamten sahen an ihm vorbei und betrachteten das aufrecht sitzende Wesen aus Pappmache auf dem elektrischen Stuhl.
"Wer ist das?"
"Er?"
Will sah in Mr. Darks verhangenen Augen ein Feuer aufblitzen, aber dann beherrschte er sich rasch wieder.
"Unser neuer Trick. Mr. Elektriko!"
"Nein! Seht euch den alten Mann an! Seht nur!" schrie Will. Die Polizisten drehten sich bei seinem Geschrei fragend um.
"Seht ihr denn nicht, daß er tot ist?" sagte Will. "Nur die Gurte halten ihn aufrecht!"
Die Krankenwärter blinzelten empor zu der großen weißen, winterlichen Flocke auf dem schwarzen Gestell.
Mein Gott, dachte Will, und dabei haben wir uns das alles so einfach vorgestellt! Der alte Mann, Mr. Cooger, lag im Sterben, also haben wir die Ambulanz gerufen, um ihn zu retten, damit er uns – vielleicht – verzeiht. Dann tut uns der Zirkus vielleicht nichts und läßt uns wieder laufen. Aber – was kommt nun? Er ist tot! Zu spät! Sie alle hassen uns!
Will stand zwischen den anderen und spürte, wie ihn ein kalter Hauch von der ausgegrabenen Mumie her anwehte, aus dem kalten Mund, aus den starren, hinter gefrorenen Lidern eingesperrten Augen. In den gefrorenen Nasenlöchern bewegte sich kein Härchen. Mr. Coogers Rippen unter dem losen Hemd rührten sich nicht, sie waren wie Stein, und seine Zähne unter den lehmfahlen Lippen waren ausgetrocknet und eiskalt.
Wenn man ihn um die Mittagszeit hinausstellte, dann dampfte er sicher.
Die Krankenwärter tauschten einen Blick. Sie nickten.
Die Polizisten traten daraufhin einen Schritt vor.
"Gentlemen!"
Mr. Dark hob seine Hand mit der Tarantel zu einem messingfunkelnden Schaltbrett.
"Mr. Elektrikos Körper wird nun gleich von hunderttausend Volt durchströmt!"
"Nein! Nein, das dürft ihr nicht erlauben!" schrie Will.
Die Polizisten machten noch einen Schritt vor. Die Krankenträger wollten etwas sagen. Mr. Dark warf Jim einen raschen fragenden Blick zu.
Jim schrie: "Nein! Ist schon in Ordnung!"
"Jim!"
"Doch, Will, alles ist okay."
"Zurück!" Der spinnenbedeckte Arm näherte sich einem Schalter, die Hand legte ihn um. "Dieser Mann ist in Trance! Das gehört zu meinem neuen Trick: Ich habe ihn hypnotisiert! Er könnte Verletzungen erleiden, wenn ihr ihn aufweckt!"
Die Krankenwärter machten den Mund wieder zu. Die Polizisten rührten sich nicht mehr.