"Es wird dir helfen."
"Das genügt mir nicht, Dad."
"Gott garantiert nicht für deinen Leib. Es geht mehr um den Seelenfrieden..."
"Aber, Dad, hast du nicht auch manchmal solche Angst, daß du..."
"Daß man keinen Seelenfrieden findet?" Sein Vater nickte und machte ein bedrücktes Gesicht.
"Dad", fragte Will mit sehr leiser Stimme. "Bist du ein guter Mensch?"
"Dir und deiner Mutter gegenüber ja. Ich versuche es. Aber kein Mensch ist immer nur ein Held. Ich kenn mich jetzt ein ganzes Leben lang. Ich kenne alles, was es an mir Bemerkenswertes gibt..."
"Und wenn du alles zusammenrechnest?"
"Eine Summe von allem? Nun, die anderen kommen und gehen, und ich verhalte mich meist still. Ja, da bin ich schon ganz in Ordnung."
Will fragte: "Und warum bist du dann nicht glücklich, Dad?"
"Der Rasen vor dem Haus – warte mal – morgens um halb zwei ist nicht der richtige Ort zum Philosophieren..."
"Ich wollt's ja nur mal wissen."
Sie schwiegen eine Weile, dann seufzte Dad.
Er nahm Will beim Arm und führte ihn zur Verandastufe. Sie setzten sich, er zündete sich die Pfeife wieder an. Schmauchend sagte er: "Na gut. Mutter schläft ja. Sie weiß nicht, daß wir Nachtschwärmer hier draußen sitzen. Also können wir ruhig weitermachen. Nun hör mir mal zu: Wann bist du auf den Gedanken gekommen, ein guter Mensch müßte immer glücklich sein?"
"Das glaube ich immer schon."
"Dann mußt du jetzt umlernen. Manchmal trägt der Mann, der am glücklichsten von allen aussieht, der immer mit dem breitesten Lächeln durch die Stadt läuft, die allergrößte Sündenlast. Es gibt solche und solche Lächeln, man muß lernen, die dunklen von den lichten zu unterscheiden. Wer bellend lacht, richtig laut und herzhaft, der hat meist etwas zu verbergen. Er hat seinen Spaß gehabt und trägt eine Schuld mit sich herum. Die Menschen lieben nämlich die Sünde, Will – und wie sie sie lieben! In allen Farben, Formen, Größen, Arten. Es gibt Zeiten, da steht unser Appetit nicht nach einem schön gedeckten Tisch, sondern nach einem Futtertrog.
Wenn einer die anderen Menschen zu laut lobt, dann muß man achthaben, ob er sich nicht gerade im Sumpf gesuhlt hat. Andererseits sieht man manchmal Menschen vorbeigehen, unglücklich, bleich, niedergeschlagen – das sind zuweilen die wirklich guten Menschen, Will. Gut sein ist nämlich furchtbar schwierig. Die Menschen strengen sich an und zerbrechen dabei oft. Ich kenn ein paar davon. Der Bauer muß sich doppelt so sehr anstrengen wie sein Schwein. Vielleicht liegt es am Nachdenken über das Gutsein, daß eines Nachts der Sprung in die Mauer kommt. Es sind auch die Menschen mit dem höchsten moralischen Standard, die schon die Last eines Härchens spüren. Sie lassen sich selbst keine Ruhe, sie lassen nicht locker, wenn sie merken, daß sie nur einen Fingerbreit vom Pfad der Tugend abkommen.
Ach, wie herrlich wäre das, wenn man nur gut sein und Gutes tun müßte, nicht immer darüber nachdenken! Aber schwer ist's schon, wie? Wenn du nachts wach liegst und weißt, im Kühlschrank liegt das letzte Stück Zitronenkuchen, und es gehört dir nicht, aber du denkst daran – muß ich dir das erklären? Oder du bist an einem heißen Sommertag an deine Schulbank gefesselt, und weit draußen sprudelt frisch und kühl und klar der Fluß über die Steine. Jungen können klares Wasser über Meilen hinweg rauschen hören. So geht das Minute um Minute, Stunde um Stunde, ein ganzes Leben lang. Es hört nie auf, hat nie ein Ende.
Jetzt mußt du eine Wahl treffen, in der nächsten Minute schon wieder eine und dann wieder. Gut oder böse tickt die Uhr. Gut oder böse. Lauf schwimmen oder schwitz weiter, lauf den Kuchen holen oder bleib hungrig liegen.
Also bleibst du. Aber bist du erst einmal geblieben, Will, dann kennst du doch das Geheimnis? Du denkst nicht mehr an den Fluß. Oder den Kuchen. Denn wenn du dran denkst, dann wirst du verrückt. Wenn du all die Flüsse zusammenzählst, in denen du nicht geschwommen bist, all die Stücke Kuchen, die du nicht gestohlen hast, Will, dann hast du eine ganze Menge versäumt, wenn du erst in mein Alter gekommen bist. Aber dann tröstest du dich mit dem Gedanken: Je öfter du im Wasser bist, um so öfter kannst du auch ertrinken – oder an einem Stück Kuchenglasur ersticken. Aber dann kann's vielleicht auch sein, daß du dich aus purer dummer Feigheit von zu vielen Dingen fernhältst, wartest, auf Nummer Sicher gehst.
Schau mich an: Ich hab mit neununddreißig geheiratet, Will – mit neununddreißig! Aber ich hab immer so geschuftet und hab gedacht, ich kann erst heiraten, wenn ich das Böse ganz überwunden habe. Erst zu spät kam ich dahinter, daß man nicht warten darf, bis man vollkommen ist. Daß man hingehen und fallen muß und sich wieder erheben, wie es alle tun. So hab ich einmal in dem ständigen Ringkampf mit mir selbst ausgesehen, als deine Mutter abends in die Bibliothek kam. Sie wollte ein Buch und bekam mich. Damals hab ich's erkannt: Man nimmt einen halbbösen Mann und eine halbböse Frau und tut die beiden guten Hälften zusammen, dann bekommt man einen vollkommenen, guten Menschen.
Das bist du, Will, jede Wette! Und das Seltsame ist, mein Sohn – auch traurig für mich –, daß ich dich immer über den Rasen rennen sehe, während ich oben auf dem Dach sitze und es mit Büchern decke, das Leben mit der Bibliothek vergleiche – und bald einsehen mußte, daß du rascher weiser wirst, als ich jemals sein werde..."
Dads Pfeife war ausgegangen. Er hielt inne, klopfte sie aus und stopfte sie neu.
"Nein, Sir", sagte Will.
"Doch", sagte sein Vater. "Ich wäre ein Narr, wenn ich nicht wüßte, was für ein Narr ich bin. Meine Weisheit besteht nur in dem Wissen, daß du weise bist."
"Komisch", sagte Will nach einer langen Pause. "Du hast mir heute abend viel mehr erzählt als ich dir. Ich werde noch darüber nachdenken. Vielleicht sag ich dir alles beim Frühstück. Einverstanden?"
"Gern, wenn du willst."
"Weil – ich möchte, daß du glücklich bist, Dad."
Er haßte die Tränen, die ihm in die Augen schossen.
"Ist schon gut, Will."
"Ich würde alles sagen oder tun, was dich glücklich machen könnte."
"Lieber Will." Dad zündete seine Pfeife an und schaute dem Rauch nach, der sich süßlich in der Luft auflöste.
"Sag mir nur, daß ich ewig leben werde, dann bin ich schon zufrieden."
Seine Stimme ist es, dachte Will. Ich hab's noch nie bemerkt, aber sie hat dieselbe Farbe wie sein Haar.
"Dad", sagte er. "Sag das doch nicht so traurig."
"Ich? Ich bin nun mal von Natur aus ein trauriger Mensch. Ich lese ein Buch, und es macht mich traurig.
Sehe einen Film: ich werde traurig. Ein Theaterstück? Nichts schlimmer als das."
"Gibt's denn nichts", fragte Will, "was dich nicht traurig macht?"
"Nur eins: der Tod."
"Junge!" Will erschrak. "Ich hab gedacht, gerade der muß dich doch traurig machen "
"Nein", sagte der Mann, dessen Stimme zu seinem Haar paßte. "Der Tod läßt alles andere traurig erscheinen. Doch der Tod selbst erschreckt nur. Wenn's keinen Tod gäbe, wäre nicht alles andere gefärbt."
Und genauso ist der Zirkus, dachte Will. Den Tod wie eine Klapper in der einen Hand, das Leben wie eine Zuckerstange in der anderen. Rasselt mit der Klapper, dich zu schrecken, hält dir die Zuckerstange hin und macht dir den Mund wäßrig. Die Zauberschau, beide Hände voll!
Er sprang auf.
"Dad, hör mir zu: Du wirst ewig leben! Glaub's mir, oder du bist verloren! Klar, du warst vor ein paar Jahren krank – aber das ist vorbei. Klar bist du vierundfünfzig, aber das ist doch jung! Und noch etwas..."