"Ja, Will?"
Sein Vater wartete. Er zögerte, biß sich auf die Lippen, platzte heraus:
"Bleib von dem Zirkus weg!"
"Seltsam", murmelte Dad, "das wollte ich dir gerade sagen."
"Ich würde nicht für eine Milliarde Dollar noch einmal dorthin gehen."
Aber, fügte Will in Gedanken hinzu, das wird die Zirkusleute nicht davon abhalten, die ganze Stadt nach mir abzusuchen.
"Versprichst du's mir, Dad?"
"Warum soll ich nicht dorthin gehen, Will?"
"Das gehört mit zu den Dingen, die ich dir morgen oder nächste Woche oder nächstes Jahr erzähle. Du mußt mir einfach vertrauen, Dad."
"Tu ich, mein Sohn."
Dad reichte ihm die Hand.
"Das ist ein Versprechen."
Wie auf ein geheimes Zeichen wandten sich beide dem Haus zu. Die Zeit war um, es war spät, es war genug geredet, sie spürten beide, daß sie jetzt gehen mußten.
"Wo du rausgekommen bist, da gehst du auch wieder rein", sagte Dad.
Will tastete schweigend nach den eisernen Stiften unter dem raschelnden Efeu.
"Dad. Du wirst sie mir doch nicht rausziehen?"
Dad probierte einen der Stifte.
"Eines Tages, wenn du sie nicht mehr haben willst, wirst du sie selbst herausziehen."
"Ich werde sie nie leid."
"Kommt dir das so vor? Ja, in deinem Alter glaubt man immer, man wird nie etwas leid. Gut, mein Sohn, rauf mit dir!"
Er sah, wie sein Vater die efeuumrankte Steige entlang nach oben blickte.
"Willst du auch mit raufkommen, Dad?"
"Nein, nein!" rief Vater rasch.
"Du darfst gern, wenn du möchtest", sagte Will.
"Schon gut. Los jetzt."
Aber er betrachtete immer noch das Efeulaub, das sich in einer frühen Morgenbrise bewegte.
Will griff hinauf, nach der ersten, zweiten, dritten Sprosse, dann blickte er hinab.
Schon aus dieser geringen Entfernung sah es aus, als schrumpfte Dad da unten auf dem Rasen ein. Irgendwie wollte er ihn nicht zurücklassen, mitten in der Nacht, allein gelassen, die eine Hand wie zu einer Bewegung halb erhoben. Aber er bewegte sie nicht.
"Dad!" flüsterte er. "Du hast doch nicht das Zeug dazu!"
"Wer sagt das?" rief Dads Mund lautlos.
Dann sprang er.
Lautlos lachend schwangen sich der Junge und der Mann an der Seite des Hauses empor, immer weiter, Hand über Hand, Fuß um Fuß.
Er hörte, wie Dad abrutschte, strampelte, sich festhielt.
Nicht loslassen, dachte er. "Ach..." Der Mann atmete schwer.
Mit geschlossenen Augen betete Wilclass="underline" Halt – dich – fest!
Der alte Mann atmete ein, atmete aus, fluchte leise, kletterte weiter.
Will öffnete die Augen. Der Rest des Weges ging glatt, wunderbar, leicht, herrlich. Sie schwangen sich über das Fensterbrett und blieben dort eine Weile sitzen, gleich groß, gleich schwer, getönt von denselben Sternen. Sie umarmten sich mit dem Gefühl herrlicher Erschöpfung, lachten leise miteinander, preßten einander die Hand auf den Mund, aus Angst, jemanden zu wecken – Gott, das Land, die Frau, die Mutter, die Hölle. Sie spürten die warme Quelle der Heiterkeit dort, blieben noch einen Augenblick so sitzen, die Augen hell und feucht vor Liebe.
Dann drückte Dad den Jungen noch einmal fest an sich und war fort. Die Tür schloß sich hinter ihm.
Trunken von dem herrlichen nächtlichen Erlebnis, weggelockt von der Angst hin zu größeren, besseren Dingen, die er in Dad entdeckt hatte, warf Will die
Kleider mit lahmen Armen und wohlig schmerzenden Beinen von sich und sank schwer wie ein gefällter Baumstamm ins Bett.
Neunundzwanzigstes Kapitel
Er schlief genau eine Stunde.
Dann war ihm, als erinnerte er sich an etwas, das er zuvor nur halb bemerkt hatte. Er wachte auf, setzte sich hoch, blinzelte hinüber zu Jims Dachfirst.
"Der Blitzableiter!" japste er. "Er ist weg!"
Wirklich – er war fort!
Gestohlen? Nein. Hat Jim ihn abgenommen? Ja! Nur so zum Spaß. Lächelnd war er hinaufgeklettert, hatte den Blitzableiter abmontiert – sollte der Blitz doch in das Haus einschlagen! Angst? Nein. Angst war ein neuer Anzug aus elektrischem Strom, den Jim erst noch anprobieren mußte.
Jim! Will hätte ihm am liebsten das verdammte Fenster eingeworfen. Nagel den Blitzableiter wieder an! Noch vor dem Morgen, Jim, wird der Zirkus jemanden ausschicken, der stellt fest, wo wir wohnen, und wir wissen nicht, auf welchem Weg sie kommen und wie sie aussehen. Aber, Herr im Himmel, dein Dach ist so leer!
Die Wolken treiben schnell dahin, das Gewitter überfällt uns, und dann...
Will hielt inne.
Was für ein Geräusch macht ein treibender Ballon? Keines.
Nein, ganz stimmte das auch nicht. Aus sich selbst heraus macht er ein Geräusch, er seufzt wie der Wind, der deine Gardinen bläht, weiß wie der Atem des Schaums. Oder er macht ein Geräusch wie die Sterne, die sich in deinem Traum drehen. Vielleicht kündigt er sich auch an wie Mondaufgang und Monduntergang. Ja, das ist am besten: Wie der Mond über die Tiefen des Alls segelt, so treibt ein Ballon dahin.
Wie hört man ihn? Wie wird man gewarnt? Vernimmt das Ohr ihn? Nein. Aber die kleinen Härchen im Nacken, der pfirsichfeine Flaum im Ohr, die nehmen ihn wahr, und die Haare am Arm singen eine fremdartige Musik wie zitternde Heuschreckenbeine. Du weißt es also, du bist ganz sicher, du fühlst es, liegst im Bett und weißt, daß ein Ballon in den himmlischen Ozean eintaucht.
Will spürte Bewegung in Jims Haus. Auch Jim mit seinen feinen Sinnen muß gemerkt haben, wie die Wasser sich hoch über der Stadt teilten, um Leviathan durchzulassen.
Beide Jungen fühlten den mächtigen Schatten auf dem Weg zwischen ihren Häusern, beide stießen ihre Fenster auf, beide schoben die Köpfe heraus, beiden blieb der Mund offenstehen angesichts der gewohnten, freundschaftlichen Gleichzeitigkeit, dieser köstlichen Pantomime der Intuition, des Erspürens. Alles, was sie in diesen Jahren taten, war wie bei einem Tandem aufeinander abgestimmt. Dann blickten beide mit silbrig schimmernden Gesichtern – der Mond ging auf – nach oben.
Ein Ballon schwebte vorbei und verschwand.
"Heiliger Strohsack, was hat denn ein Ballon hier zu suchen?" fragte Jim, ohne eine Antwort zu erwarten.
Denn sie wußten beide, daß ein Ballon zum Suchen am besten war: kein Motorengeräusch, keine quietschenden Reifen auf dem Asphalt, keine Schritte auf der menschenleeren Straße, nur der Wind, der eine mächtige Schneise in die Wolken schlug, Platz machte für den Weidenkorb, das Sturmsegel.
Weder Jim noch Will schlugen das Fenster zu. Sie zogen die Jalousie nicht herunter, sie mußten einfach regungslos dastehen, warten, denn sie hörten das Geräusch wieder. Es war wie ein Murmeln aus dem Traum eines anderen Menschen...
Die Temperatur sank um vierzig Grad.
Denn nun flüsterte, raunte der sturmgebleichte Ballon, sank federweich herab, kühlte mit seinem elefantengroßen Schatten glitzernde Gräser und Sonnenuhren, die ihren Blick rasch zu dem Schatten erhoben.
Sie sahen etwas Seltsames, das sich im herunterhängenden Weidenkorb bewegte. War das ein Kopf? Waren es Schultern? Ja, und der Mond stand wie ein silberner Mantel dahinter. Mr. Dark, dachte Will. Der Zermalmer, dachte Jim. Die Warze, dachte Will. Das Skelett! Der Lavaschlürfer! Der Henker! Monsieur Guillotine!
Nein.