Will ließ los. Raum und Luft umsausten ihn. Er drehte sich um, fiel auf Dachziegel, glitt das alte, steile Dach hinab zur Regenrinne; mit den Füßen voran tauchte er weiter hinein ins Leere, schrie, klammerte sich an die Dachrinne, hielt sich fest und fühlte, wie das Blech ächzte und nachgab. Er suchte den Himmel ab und sah den Ballon pfeifen, zischen wie ein verwundetes Tier, hochfliegen und seinen entsetzten Atem in die Wolken verströmen, ein erschossenes Mammut, das nicht sterben will und in schrecklichen Krämpfen seinen stinkenden Atem aushustet.
Alles geschah in einem Augenblick. Dann fiel Will ins Nichts und hatte nicht einmal Zeit, für den Baum dankbar zu sein, der ihn aufnahm, einbettete, kratzte, ihm die Haut aufriß, aber seinen Sturz mit der Matratze seiner Äste, Zweige, seines Laubs dämpfte. Wie ein Papierdrache hing er da, das Gesicht nach oben, und hörte dem Mond zugewandt die letzten Klagen der Hexe vertönen, während der Ballon sie in Spiralen wegriß, fort von dem Haus, fort von der Straße, der Stadt, in unmenschlichem Stöhnen.
Das breite Lächeln des Ballons, der breite Riß umfaßte nun alles, als er im Delirium hinging, um auf der Wiese zu sterben, von der er aufgestiegen war, niedersinkend zwischen die unwissenden, schlafenden, nichtsahnenden Häuser.
Lange Zeit konnte sich Will nicht regen. Er hing in den Zweigen zwischen Himmel und Erde, hatte Angst, sich zu bewegen und unten auf dem schwarzen Boden zu zerschellen, und wartete ab, bis sich der Schmiedehammer in seinem Schädel beruhigte.
Das Pochen seines Herzens konnte ihn schon losreißen, niederstürzen lassen, aber er war doch froh, es zu hören, weil er so wußte, daß er noch lebte.
Als er sich endlich beruhigt hatte, sammelte er seine Glieder zusammen, suchte sorgfältig nach einem Gebet und kletterte den Baum hinab.
Einunddreißigstes Kapitel
Für den Rest dieser Nacht passierte nicht mehr viel.
Zweiunddreißigstes Kapitel
Im Morgengrauen rollte ein schweres Donnergrollen funkensprühend über die steinigen Himmel. Sanft fiel der Regen auf die Kuppeln der Stadt, sprudelte aus den Traufen und flüsterte mit seltsamen unterseeischen Sprachen unter den Fenstern, hinter denen Jim und Will unruhig träumten. Sie glitten aus einem Traum in den anderen, doch alle waren aus demselben dunklen, stockigen Tuch geschneidert.
Im rauschenden Trommelwirbel ereignete sich noch etwas.
Draußen auf der durchweichten Zirkuswiese erwachten plötzlich die Karussells zum Leben. Aus der Zirkusorgel dampfte Musik.
Vielleicht hörte es nur ein Mensch in der Stadt und erriet, daß das Karussell wieder lief.
Die Tür zu Miss Foleys Haus öffnete sich und fiel wieder ins Schloß. Ihre Schritte eilten die Straße entlang.
Dann fiel prasselnd der Regen auf ein Land, das im irren Tanz der Blitze einmal auftauchte, dann wieder für immer untertauchte.
Bei Jim und Will klopfte der Regen gegen die Frühstücksfenster. Es wurde ruhig geredet, dann geschrien, dann wieder ruhig geredet.
Um neun Uhr fünfzehn schlurfte Jim hinaus ins Sonntagswetter. Er trug Regenmantel, Kapuze und Stiefel.
Er stand da und blickte zum Dach hinauf, wo die riesige Schneckenspur weggewaschen war. Dann starrte er so lange Wills Tür an, bis sie sich tatsächlich öffnete.
Will tauchte auf. Hinter ihm erklang die Stimme seines Vaters: "Soll ich mitkommen?" Will schüttelte entschlossen den Kopf.
Feierlich marschierten die beiden Jungen zum Polizeirevier. Die Himmel wuschen sie, und sie würden reden. Dann zu Miss Foley, wo sie sich noch einmal entschuldigen wollten. Aber im Augenblick schlenderten sie nur so dahin, die Hände in den Hosentaschen, und dachten an die erschreckenden Rätsel, die der gestrige Tag ihnen aufgegeben hatte. Jim unterbrach schließlich das Schweigen.
"Gestern abend, nachdem wir das Dach gewaschen hatten und ich endlich einschlief, da träumte ich von einer Beerdigung. Die Leute kamen die Hauptstraße entlang wie zu einem Besuch."
"Oder vielleicht – zu einer Parade?"
"Genau! Tausend Leute, alle in schwarzen Mänteln, schwarzen Hüten, schwarzen Schuhen, und ein Sarg, mindestens fünfzehn Meter lang."
"Schauderhaft!"
"Wirklich! Gibt es etwas, das fünfzehn Meter lang ist und das man begraben muß, dachte ich, und dann lief ich im Traum hin und schaute nach. – Lach nicht!"
"Mir kommt das gar nicht komisch vor, Jim."
"In dem langen Sarg lag ein großes verrunzeltes Ding wie eine Pflaume oder eine riesige Weintraube, die in der Sonne gelegen hat. Wie eine gewaltige Haut oder der sterbende Kopf eines Riesen."
"Der Ballon!"
"He!" Jim blieb stehen. "Du mußt auch geträumt haben! Aber – Ballons können doch nicht sterben, oder?"
Will schwieg.
"Und man veranstaltet für sie doch keine Beerdigung, oder?"
"Jim, ich..."
"Der verflixte Ballon hat dagelegen wie ein Pferd, aus dem jemand die Luft abgelassen hat..,"
"Jim, letzte Nacht..."
"Schwarze Federn wehten, die Musiker trommelten mit großen schwarzen Knochen auf großen gedämpften, schwarzsamtenen Trommeln – Junge, Junge! Und zu allem muß ich dann heute früh aufstehen und Mom alles sagen. Nun, alles nicht, aber immer noch genug, daß sie ein bißchen geschrien hat und dann noch'n bißchen.
Frauen können wirklich schreien, wie? Sie hat mich ihren kriminell veranlagten Sohn genannt, aber – wir haben doch nichts Böses getan, oder?"
"Jemand ist beinahe auf dem Karussell gefahren."
Jim ging im Regen weiter. "Ich glaube, davon hab ich jetzt genug."
"Du glaubst? Nach allem, was gewesen ist? Mein Gott, nun will ich dir was sagen! Die Hexe, Jim, und der Ballon. Letzte Nacht, ich war ganz allein..."
Aber er hatte keine Zeit, ihm alles zu erzählen.
Keine Zeit, ihm zu berichten, wie er den Ballon durchlöchert hatte, bis er davonwirbelte, um einsam irgendwo auf dem Land zu sterben und im Sinken die alte Frau mit in die Tiefe zu reißen.
Keine Zeit, denn wie sie so durch den Regen gingen, hörten sie ein traurig klingendes Geräusch.
Sie kamen an einem unbebauten Grundstück vorbei, auf dem weit von der Straße entfernt eine gewaltige Eiche stand. Darunter lagen regennasse Schatten, und genau daher kam das Geräusch.
"Jim", sagte Will. "Da weint jemand."
"Nein." Jim ging weiter.
"Dort ist ein kleines Mädchen."
"Nein." Jim wollte nicht hinsehen. "Was sollte ein Mädchen bei dem Regen unter dem Baum machen? Komm weiter!"
"Jim! Du hörst das doch auch!"
"Nein. Ich höre nichts. Gar nichts!"
Aber dann wurde das Weinen lauter. Es wehte herüber über totes Gras, flatterte wie ein trauriger Vogel durch den Regen, und Jim mußte sich umwenden, denn Will marschierte schon quer über den Schutt des verlassenen Grundstücks.
"Jim – die Stimme – die kenn ich doch."
"Will, geh nicht hin!"
Und Jim regte sich nicht. Aber Will stolperte weiter, bis er unter den Schatten des tropfenden Baumes trat, wo der Himmel niederregnete und sich in Herbstlaub verlor, wo er schließlich in schimmernden Striemen an Zweigen und Stamm herunterrieselte. Dort kauerte ein kleines Mädchen, das Gesicht in ihren Händen, und sie weinte, als sei die Stadt vom Erdboden verschwunden, mitsamt allen Menschen, und als hätte sie sich im furchtbaren Wald verirrt.