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Endlich schob sich auch Jim heran, blieb am Rand der Schatten stehen und fragte: "Wer ist es denn?"

"Das weiß ich nicht." Doch Will spürte, wie ihm die Tränen in die Augen schossen. Etwas in ihm ahnte es.

"Das ist doch nicht etwa Jenny Holdridge, wie?"

"Nein."

"Jane Franklin?"

"Nein." Seine Zunge war wie betäubt, sie bewegte sich mühsam zwischen gefühllosen Lippen. "Nein..."

Das kleine Mädchen weinte, fühlte die Nähe der beiden Jungen, blickte aber nicht auf.

"Ich... ich... helft mir doch... keiner... keiner will mir helfen. Mir... mir... ich mag das nicht..."

Als sie dann ihre Kräfte sammelte, sich etwas beruhigt hatte und das Gesicht hob, waren ihre Augen vom Weinen ganz verschwollen. Sie erschrak, als sie die beiden sah, dann war sie verwundert.

"Jim! Will! Gott – ihr seid das!"

Sie packte Jims Hand. Er zuckte schreiend zurück.

"Nein! Ich kenn dich nicht, laß los!"

"Will, hilf mir, Jim, geh doch nicht weg, verlaß mich nicht!" keuchte sie jämmerlich. Neue Tränen quollen ihr aus den Augen.

"Nein, nein, laß das!" schrie Jim und riß sich los. Er fiel hin, sprang wieder auf die Beine, eine Faust wie zum Schlag erhoben. Zitternd hielt er inne, und die Hand sank ihm herab. "Ach, Will! Will, verschwinden wir von hier. O Gott, was tut mir das leid."

Das kleine Mädchen, zurückgestoßen in den Schatten des Baums, starrte die beiden aus weit aufgerissenen Augen an, stöhnte, verschränkte eng die Arme und begann, sich selbst tröstend wie ein Baby zu schaukeln.

Bald fing sie vielleicht zu singen an und stand dann allein da unter dem dunklen Baum; sie konnte nicht mehr aufhören, und keiner konnte in ihr Lied einstimmen.

"Jemand muß mir helfen... jemand muß ihr helfen...", murmelte sie in einem Ton, als trauerte sie um jemanden.

"Jemand muß ihr helfen... aber keiner tut's... keiner hat ihr geholfen... ihr wenigstens, wenn schon nicht mir... schrecklich..."

"Sie erkennt uns", sagte Will verzagt, halb zu ihr niedergebeugt, halb zu Jim umgewandt. "Ich kann sie doch nicht allein lassen."

"Lügen!" sagte Jim wütend. "Lügen! Sie kennt uns gar nicht! Hab sie noch nie gesehen."

"Sie ist fort, bringt sie zurück, sie ist fort, bringt sie zurück", murmelte das Mädchen mit geschlossenen Augen.

"Wen sollen wir suchen?" Will stützte sich auf ein Knie, wagte es, ihre Hand zu berühren. Sie packte ihn, aber im gleichen Augenblick sah sie ihren Fehler ein, denn er versuchte sich loszureißen. Sie ließ ihn und weinte wieder, während Jim wartete, draußen im toten Gras, ihn rief, zum Gehen aufforderte. Er tat es ungern, aber sie mußten gehen.

"Ach, sie ist verloren!" schluchzte das kleine Mädchen.

"Sie ist dorthin gelaufen und nicht wiedergekommen.

Sucht sie, bitte, bitte..."

Zitternd berührte Will ihre Wange. "Na, na", sagte er leise, "wird schon wieder gut werden. Ich hole Hilfe."

Sie schlug die Augen auf. "Ich bin's, Will Halloway. Ehrenwort, wir kommen wieder. Zehn Minuten. Aber nicht weggehen!" Sie schüttelte den Kopf. "Du... Sie warten hier unter dem Baum auf uns?" Sie nickte schweigend. Er stand auf. Schon diese kleine Bewegung jagte ihr Angst ein, sie zuckte zurück. Er blieb ruhig stehen, sah sie an und sagte: "Ich weiß, wer Sie sind." Er sah, wie sich die vertrauten Augen in dem verstörten Gesicht weit öffneten. Er sah das lange, regennasse schwarze Haar, die bleichen Wangen. "Ich weiß, wer Sie sind. Aber ich muß es nachprüfen."

"Wer wird's mir schon glauben?" wimmerte sie.

"Ich", sagte Will.

Sie lehnte sich an den Baumstamm, die Hände im Schoß gefaltet, sehr klein, sehr weiß, sehr verloren.

"Kann ich jetzt gehen?" fragte er.

Sie nickte.

Da ging er weg.

Am Rand des leeren Grundstücks stampfte Jim mit dem Fuß auf, ungläubig, beinahe hysterisch vor Wut und Empörung.

"Das kann nicht sein!"

"Es ist aber so", sagte Will. "Die Augen. Daran kann man sie erkennen. Genau wie's bei Mr. Cooger und dem bösen Jungen war. Es gibt nur eine Möglichkeit, sich Gewißheit zu verschaffen. Komm!"

Er führte Jim quer durch die Stadt, bis sie vor Miss Foleys Haus standen und im fahlen Licht des Morgens zu den unbeleuchteten Fenstern emporblickten. Dann gingen sie die Stufen der Veranda hinauf und läuteten – zweimal, dreimal.

Schweigen.

Ganz langsam, leise wimmernd, schwang die Tür in den Angeln auf.

"Miss Foley?" rief Jim leise.

Irgendwo im Haus rannen die Schatten von Regentropfen über ferne Fensterscheiben.

"Miss Foley..."

Sie standen vor dem Glasperlenvorhang im Flur und lauschten dem Trommeln des Regens auf dem Dach.

"Miss Foley!" Lauter.

Aber nur die Mäuse in den Wänden, geborgen in ihren kuscheligen Nestern, machten leise, kratzende Geräusche wie ein Griffel auf einer Schiefertafel.

"Sie ist einkaufen gegangen", sagte Jim.

"Nein", antwortete Will. "Wir wissen doch, wo sie ist."

"Miss Foley, ich weiß, daß Sie hier sind!" schrie Jim plötzlich zornig und rannte die Treppe hinauf. "Los, kommen Sie raus, zeigen Sie sich!"

Will wartete, während Jim suchte und dann langsam wieder herunterkam. Als er auf der untersten Stufe stand, hörten sie beide die Töne durch die offene Haustür hereinwehen, vermischt mit dem Geruch nach frischem Regen und altem Gras.

Es war die Zirkusorgel, die drüben zwischen den Hügeln den Trauermarsch rückwärts spielte.

Jim öffnete die Tür weiter und stand mitten in der Musik, wie man im Regen steht.

"Das Karussell. Sie haben es gerichtet."

Will nickte. "Sie muß die Musik gehört haben und schon früh hingegangen sein. Dann ging etwas schief.

Vielleicht war das Karussell nicht richtig repariert.

Vielleicht gibt's immer wieder solche Unfälle. Wie der Blitzableiterverkäufer, den sie ganz umgekrempelt und verrückt gemacht haben. Vielleicht mag der Zirkus solche Unfälle, hat seinen Spaß dran. Oder vielleicht haben sie ihr auch absichtlich etwas angetan. Vielleicht wollten sie mehr über uns wissen, unsere Namen, wo wir wohnen; vielleicht wollte man sie zwingen, zusammen mit ihnen etwas gegen uns zu unternehmen. Wer weiß das schon? Vielleicht ist sie mißtrauisch geworden, oder sie hat's mit der Angst gekriegt. Dann haben sie ihr einfach mehr gegeben, als sie wollte oder verlangte."

"Ich verstehe nicht..."

Aber wie er in der Tür stand, im kalten Regen, da konnte er sich Miss Foley vorstellen, wie sie sich vor dem Spiegelkabinett fürchtete, wie sie erst vor kurzem allein auf dem Zirkusplatz war, wie sie vielleicht schrie, als man ihr das antat, immer und immer und immer wieder im Kreise herum, zu viele Jahre, mehr Jahre, als sie jemals loswerden wollte, bis sie verloren und nackt und klein war und sich selbst nicht wiedererkannte; bis dann schließlich all die Jahre dahin waren und das Karussell wie das Rad beim Roulett ausrollte. Bis alles verloren war und sie nichts gewonnen hatte, keinen Ort, an dem sie Zuflucht finden, keinen Menschen, dem sie das Seltsame sagen konnte. Nichts, nichts konnte sie mehr machen – nur weinen, allein unter einem Baum, allein im Herbstregen...