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In der Schuhsohle hatte er abgetretene Nägel.

Dad! Will hätte fast laut aufgeschrien.

Er richtete sich auf, sank wieder zurück, biß sich auf die Lippen.

Jim sah, wie der Mann oben sich nach links und nach rechts wandte und etwas suchte, was nur einen Meter entfernt war.

Ich brauche nur die Hand auszustrecken, dachte Will.

Aber Dad eilte weiter, blaß und nervös.

Und Will spürte, wie ihm der Mut sank. Inwendig wurde er eiskalt, weißes Gelee zitterte.

Peng!

Die Jungen fuhren zusammen.

Ein ausgelaugtes Stück Kaugummi war auf einen Haufen alten Papiers neben Jims Fuß gefallen.

Oben kauerte ein fünfjähriger Junge auf dem Eisenrost und blickte traurig seinem verlorenen Kaugummi nach. Hau ab, dachte Will.

Der Junge kniete da, die Hände auf den Rost gedrückt.

Geh weiter, dachte Will.

Ihm überkam der verrückte Wunsch, den Kaugummi zu nehmen und ihn durch das eiserne Gitter hindurch dem Kleinen wieder in den Mund zu stecken.

Eine mächtige Trommel erdröhnte – dann Schweigen.

Jim und Will sahen einander an.

Jetzt hat der Zug angehalten, dachten beide gleichzeitig.

Der kleine Junge versuchte eine Hand durch das Gitter zu schieben.

Oben auf der Straße blickte Mr. Dark, der Illustrierte Mann, zurück über seinen Strom von Unholden, Käfigen, über sonnengelbe Tubas und blecherne Hörner. Er nickte.

Der Zug löste sich auf.

Die Mißgeburten huschten auf den Bürgersteig zu beiden Seiten, mischten sich in die Menge, verteilten Handzettel und sahen sich mit raschen, kristallklaren Augen um. Der Schatten des Kleinen fiel kühlend auf Wills Wange. Die Parade ist vorbei, dachte er. Jetzt fängt die Suche an.

"Sieh mal, Ma!" rief der kleine Junge. "Da unten..."

Fünfunddreißigstes Kapitel 

In Neds Kaffeebar, nur ein paar Häuser vom Zigarrenladen entfernt, saß Charles Halloway. Er war erschöpft von der durchwachten, durchdachten Nacht, vom vielen Herumlaufen. Als er seine zweite Tasse Kaffee ausgetrunken hatte und gerade zahlen wollte, beunruhigte ihn die plötzliche Stille draußen auf der Straße. Daß sich der Umzug auflöste und sich die Zirkusleute unter die Zuschauer am Straßenrand mischten, das spürte er mehr, als er sehen konnte. Er wußte auch nicht, warum, aber er steckte sein Geld wieder ein.

"Stell mir die dritte Tasse warm, Ned."

Ned wollte gerade den Kaffee einschenken, da ging die Tür weiter auf. Jemand trat ein und stürzte sich mit der rechten Hand leicht auf die Theke.

Charles Halloway starrte sie an.

Die Hand starrte zurück.

Auf den Rücken eines jeden Fingers war ein Auge tätowiert.

"Mama! Da unten! Schau doch!"

Der kleine Junge schrie und deutete durch das Gitter nach unten.

Immer neue Schatten zogen vorbei und blieben hängen.

Darunter auch – das Skelett.

Groß wie ein kahler Baum im Winter, dürr wie ein Gerippe, überall Knochen wie bei einer Vogelscheuche, so fiel der Schatten des Gerippes auf die verborgenen Dinge, auf kalten Papierabfall, auf warme, geduckte Jungen.

Geh weg, dachte Will. Geh!

Die dicken Kinderfinger zeigten durch das Gitter.

Geh!

Das Gerippe ging weiter.

Gott sei Dank, dachte Will, dann verschlug es ihm den Atem. "Oh – nein!"

Denn plötzlich tauchte der Zwerg auf. An seinem schmutzigen Hemd klingelten leise viele Glöckchen, sein gedrungener Schatten versteckte sich unter ihm, seine Augen waren wie braune Marmorsplitter, jetzt leuchtend in offenem Wahnsinn, im nächsten Augenblick tieftraurig in einem Wahnsinn des für ewig Verlorenen, ewig Vergrabenen, so suchte er nach etwas, das er nicht finden konnte, nach etwas Verlorenem, vielleicht nach zwei Jungen, dann wieder nach seinem verlorenen Ich; der kleine, zusammengedrückte Mann zwang seinen Blick hierhin, dorthin, hinauf, hinunter; ein Teil seines Ichs suchte die verlorene Vergangenheit, das andere die unmittelbare Gegenwart.

"Mama!" schrie das Kind.

Der Zwerg blieb stehen und betrachtete das Kind, das nicht größer war als er selbst. Ihre Blicke trafen sich.

Will warf sich zurück und versuchte mit dem Körper förmlich am Beton zu kleben. Er spürte, wie Jim dasselbe tat. Sie regten sich nicht, aber ihre Gedanken rasten. Sie versteckten sich im Dunkeln vor dem kleinen Drama, das sich da oben abspielte.

"Komm, Kleiner!" sagte eine Frauenstimme.

Der Junge wurde weggezerrt. Zu spät.

Der Zwerg sah schon nach unten.

Und in seinem Blick waren die verlorenen und zerstreuten Stücke eines Mannes, der einmal Fury geheißen und Blitzableiter verkauft hatte – wie viele Tage, wie viele Jahre war das wohl her? – in der wunderbar sicheren Zeit, ehe die Angst geboren wurde.

Ach, Mr. Fury, was hat man ihnen nur angetan, dachte Will. Unter eine Ramme geworfen, in einer Stahlpresse zerquetscht, Tränen und Schreie aus dem Brustkorb gepreßt, wie ein Schachtelmännchen zusammengedrückt, bis nichts mehr übrig war von Mr. Fury – nur noch dieser... Dieser Zwerg. Das Zwergengesicht war kaum noch menschlich. Es wurde immer maschinenähnlicher – eine Kamera.

Die Linsenaugen bewegten sich blicklos, öffneten sich in der Dunkelheit. Klick. Zwei Linsen dehnten sich und zogen sich rasch und geschmeidig wieder zusammen.

Schnappschuß von dem Kellergitter.

Auch ein Schnappschuß von dem, was darunter war?

Starrt er das Metall an, dachte Will, oder blickt er durch die Zwischenräume?

Eine geraume Weile verharrte der Zwerg, diese verlorene, zerquetschte Puppe aus Lehm, regungslos. Er stand aufrecht, aber er schien zu hocken. Seine Blitzlichtaugen waren weit aufgerissen. Vielleicht schossen sie immer noch Bilder?

Doch die Kameraaugen des Zwergs sahen eigentlich nicht Jim und Will, sondern nur ihre Umrisse, ihre Farbe, ihre Größe. Dieses Bild war im Fotokasten des Schädels gespeichert. Später – wieviel später? – konnte das Bild vom irren, winzigen, vergeßlichen, wandernden, verlorenen Verstand des Blitzableitermannes entwickelt werden. Erst dann würde er sehen, was wirklich unter dem Gitter lag. Und dann? Enthüllung! Rache!

Vernichtung!

Klick. Schnapp. Tick.

Kinder liefen lachend vorbei.

Der Kind-Zwerg wurde von ihnen mitgerissen. Irr wankte er davon, erinnerte sich, suchte nach etwas, wußte aber nicht, was es war.

Die umwölkte Sonne tauchte den ganzen Himmel in Licht.

Die beiden Jungen waren in der lichtgestreiften Höhle gefangen. Sie preßten leise den Atem durch knirschende Zähne.

Jim drückte Wills Hand. Fest, ganz fest.

Die beiden warteten auf die nächsten Augen, die vorbeikommen und das Kellergitter absuchen würden.

Die tätowierten blau-rot-grünen Augen – alle fünf – fielen von der Theke herunter.

Charles Halloway schlürfte seine dritte Tasse Kaffee und drehte sich auf seinem Hocker ein wenig herum.

Der Illustrierte Mann beobachtete ihn.

Charles Halloway nickte.

Der Illustrierte Mann nickte nicht, seine Augen blinkten nicht, er starrte Charles Halloway nur unverwandt an, bis der sich am liebsten abgewandt hätte, es aber nicht tat, sondern nur so gelassen wie möglich den Blick des unverschämten Eindringlings erwiderte.