"Nervös...?"
Mr. Darks Lächeln schmolz dahin wie ein Karamelbonbon.
Jim duckte sich wie ein Zwerg, Will zog sich zu einem Wicht zusammen, beide starrten wie gebannt nach oben.
"Sir", sagte Mr. Dark, "kommt Ihnen meine echte Begeisterung so vor? Nervös?"
Wills Vater bemerkte, wie sich die Sehnen in dem Arm spannten. Sie bewegten sich wie die Nattern und Schlangen, die zweifellos dort eintätowiert waren, böse und giftig.
"Eins der beiden Bilder sieht Milton Blumquist ähnlich", sagte Mr. Halloway bedächtig.
Mr. Dark ballte die Faust.
Wahnsinnige Kopfschmerzen überfielen Jim.
"Und der andere", fuhr Wills Vater fast ausdruckslos fort, "der sieht aus wie Avery Johnson."
Ach, Dad, dachte Will. Du bist großartig!
Der Illustrierte Mann ballte die andere Faust.
Will zuckte ein Schmerz durch den Kopf, daß er beinahe laut aufschrie.
Mr. Halloway schloß: "Beide Jungen sind vor ein paar Wochen nach Milwaukee übergesiedelt."
"Sie lügen!" sagte Mr. Dark eiskalt.
Wills Vater war ehrlich erschrocken.
"Ich?" fragte er. "Glauben Sie, ich will den Gewinnern der Preise den Spaß verderben?"
"Übrigens haben wir die Namen der beiden Jungen vor zehn Minuten herausbekommen", fuhr Mr. Dark fort.
"Ich wollte mich nur noch einmal überzeugen."
"So?" fragte Wills Vater ungläubig.
"Jim und Will", sagte Mr. Dark.
Jim wand sich im Dunkeln. Wills Kopf sank tief zwischen die Schultern. Er preßte die Augen zu.
Das Gesicht von Wills Vater war ein Teich, in den die beiden Namen gefallen waren, ohne Kreise zu ziehen.
"Das sind die Vornamen? Will? Jim? Gibt ne Menge Jims und Wills in einer Stadt wie der unsern."
Will kroch in sich hinein und überlegte: Wer hat's ihnen gesagt? Miss Foley? Aber die war fort, und ihr Haus war voller Regenschatten. Nur eine einzige weitere Person...
Das kleine Mädchen, das weinend unter dem Baum saß und wie Miss Foley aussah? Das Mädchen, das uns einen solchen Schrecken eingejagt hat, überlegte er. In der letzten halben Stunde ist der Umzug vorbeigekommen, man hat sie gefunden, und sie war nach stundenlangem Weinen bereit, alles zu sagen, alles zu tun, wenn sie im Klang der Musik, im Rundherum der Pferde wieder alt werden durfte. Wenn sie nur wieder wuchs, wenn sie nicht mehr weinen mußte, wenn all das Schreckliche ein Ende hatte und sie wieder sein konnte, was sie immer war. Haben die Zirkusleute sie angelogen? Haben sie ihr das versprochen, als sie unter dem Baum gefunden und weggeschleppt wurde? Das kleine Mädchen, das weinte, aber nicht alles sagte, weil...
"Also Jim und Will. Die Vornamen", sagte Wills Vater. "Und die Familiennamen?"
Die wußte Mr. Dark nicht.
Ein ganzes Universum von Ungeheuern schwitzte auf seiner Haut. Sie strömten Phosphor aus, stanken, verkrochen sich zwischen seinen Beinen mit den stählernen Muskeln.
"Jetzt glaube ich, daß Sie mich anlügen", sagte Wills Vater mit einer seltsamen und fast heiteren, weil ihm völlig neuen Gelassenheit. "Sie kennen die Familiennamen nicht. Warum lügen Sie mich an, Sie, ein Fremder vom Zirkus, hier in einer kleinen Stadt hinter dem Mond?"
Der Illustrierte Mann ballte die tätowierten Fäuste noch fester.
Wills Vater betrachtete mit blassem Gesicht diese bösen, verkrampften Finger und Knöchel, die Nägel, die sich ins Fleisch gruben. Darunter waren die beiden Jungen gefangen, eingesperrt im Fleisch, hart bedrängt.
Die Schatten unten wanden sich vor Schmerzen.
Der Illustrierte Mann setzte wieder eine heitere Miene auf.
Aber von seiner rechten Faust fiel ein heller Tropfen herab.
Ein anderer leuchtender Tropfen fiel von seiner linken Faust.
Die Tropfen verschwanden durch das Kellergitter.
Will hielt die Luft an. Etwas Feuchtes hatte sein Gesicht berührt. Er preßte die Hand dagegen, betrachtete dann seinen Handteller. Der Tropfen, der ihm auf die Wange gefallen war, leuchtete blutrot.
Er hob den Blick zu Jim. Der lag nun ganz ruhig da, denn der Opfergang – wirklich oder eingebildet – schien nun vorbei. Beide hoben den Blick zu dem Kellergitter. Die genagelten Schuhe schlugen Funken aus dem Eisen.
"Will" Vater sah die Blutstropfen aus den geballten Fäusten sickern, aber er zwang sich dazu, dem Illustrierten Mann nur ins Gesicht zu sehen, als er sagte:
"Tut mir leid, wenn ich Ihnen nicht weiterhelfen kann."
Hinter dem Illustrierten Mann kam mit ausgestreckten Händen, schwankend, in bunten Zigeunerkleidern, mit wächsernem Gesicht, die Augen hinter dunklen Gläsern verborgen, die Wahrsagerin, die Staubhexe. Sie murmelte vor sich hin.
Eine Sekunde später sah Will auf und erblickte sie.
Nicht tot, dachte er. Weggetragen, angeschlagen, abgestürzt, ja – aber sie war wieder da. Und sie war böse!
Mein Gott, wie wütend war sie! Und sie sucht ganz besonders nach mir!
Wills Vater sah sie auch. Instinktiv klopfte sein Herz langsamer. Die Menge gab ihr den Weg frei und machte lärmend Bemerkungen über ihren grellbunten Aufzug, ihr zerschlissenes Kleid. Man versuchte sie an ihre Reimereien zu erinnern, um es später erzählen zu können. Sie ging weiter, und ihre Finger tasteten die Stadt ab wie eine ungeheuer komplizierte Relieftapete.
Dabei sang sie:
"Sagt's euren Männern. Sagt's euren Frau'n. Sag euch die Zukunft. Laß sie euch schaun. Ich seh die Welt. Kommt zu mir ins Zelt. Ich sag dir die Farbe seiner Züge. Ich sag dir die Farbe ihrer Lüge. Ich sag dir von seinen Küssen. Ich sag dir von ihrem Gewissen. Kommt, kommt, wenn's euch gefällt, kommt zu mir in mein Zelt!"
Kinder erschraken, Kinder waren beeindruckt, die Eltern freuten sich, sie hatten ihren Spaß daran, und die Zigeunerin, die aus dem Staub alles Lebenden kam, fuhr mit ihrem Singsang fort. In ihrem Murmeln lag Zeitlosigkeit. Zwischen ihren Fingern spann und zerriß sie mikroskopisch feine Spinnweben, in denen sich aufwirbelnde Staubkörnchen und leise Atemzüge fingen.
Sie berührte die Flügel von Mücken, die Seelen unsichtbarer Bakterien, alle Flecken und tanzenden feinen Strahlen vom Sonnenlicht, in dem Bewegung schwebte und noch mehr verborgene Erregung.
Will und Jim knackten vor innerer Spannung mit den Fingerknöcheln, duckten sich tiefer und hörten:
"Blind, ja blind. Aber ich sehe, was ich sehe, und ich sehe, wo ich gehe", murmelte die Hexe leise. "Da, ein Mann mit einem Strohhut im Herbst – hello! Und – ach, da ist ja auch Mr. Dark, und... und ein alter, alter Mann."
So alt ist er doch gar nicht, schrie es in Will auf. Er blinzelte hinauf zu den dreien, als die Staubhexe stehenblieb und ihr Schatten froschkalt auf die beiden Jungen fiel.
"... alter Mann."
Mr. Halloway schüttelte es, als hätte ihm jemand ein Dutzend kalter Messerklingen in den Bauch gestoßen.
"... alter Mann... alter Mann", sang die Hexe.
Dann hörte sie auf. "Ah..." Die Härchen in ihrer Nase richteten sich auf. Sie öffnete die Lippen, um die Luft zu kosten. "Ah..."
Der Illustrierte Mann wurde aufmerksam.
"Wartet...", seufzte die Zigeunerin.
Ihre Fingernägel kratzten über eine unsichtbare Wandtafel.
Will spürte, daß er schniefte und wimmerte wie ein gehetzter Jagdhund.
Langsam senkten sich ihre Finger, tasteten die Spektren ab, wägten das Licht. Im nächsten Augenblick schon konnte sie einen dürren Zeigefinger durch das Kellergitter stecken – da! Da unten!
Dad, dachte Will. Tu doch etwas!
Jetzt, wo seine blinde, aber unendlich sehende Freundin da war, zeigte sich der Illustrierte Mann liebenswürdig und geduldig. Er betrachtete sie liebevoll.