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"Nun..." Die Hexenfinger zuckten.

"Nun!" sagte Wills Vater laut.

Die Hexe zuckte zusammen.

"Nun, das ist wirklich eine herrliche Zigarre!" rief Wills Vater und drehte sich gewichtig zur Ladentür um.

"Still!" befahl der Illustrierte Mann.

Die beiden Jungen blickten nach oben.

"Nun..." Die Hexe sog die Luft ein.

"Muß sie wieder anzünden!" Mr. Halloway trat in den Laden und hielt seine Zigarre an die ewig blaue Flamme.

"Still!" flehte Mr. Dark.

"Rauchen Sie nicht?" fragte Wills Vater.

Die Hexe wurde geschüttelt von seinen lauten, jovialen Worten. Sie ließ wie verwundet die eine Hand sinken, wischte sie ab, wie man eine Antenne abwischt, um besser empfangen zu können, und hob sie wieder. Ihre Nüstern blähten sich im Wind.

"Ah!" Wills Vater blies dicken Zigarrenqualm aus und hüllte die Hexe wie in eine Wolke ein.

Sie hustete halberstickt.

"Idiot!" bellte der Illustrierte Mann, doch die Jungen konnten nicht sagen, ob Wills Vater oder die Frau damit gemeint war.

"Hier, Sie sollen auch eine haben", sagte Mr. Halloway, stieß noch eine dichte Rauchwolke aus und überreichte Mr. Dark eine Zigarre.

Die Hexe nieste krampfhaft, taumelte zurück, stolperte davon. Der Illustrierte Mann packte Dads Arm, merkte, daß er damit zu weit ging, ließ wieder los. Ihm blieb nichts anderes übrig, als seiner Zigeunerhexe zu folgen und seine unerwartete, vollkommene Niederlage einzugestehen. Im Weggehen hörte er noch, wie Wills Vater ihm nachrief: "Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen!"

Nein, Dad, dachte Will.

Der Illustrierte Mann kam zurück.

"Ihr Name, Sir?" fragte er ohne Umschweife.

Sag's ihm nicht, dachte Will.

Wills Vater überlegte eine Weile, nahm dann die Zigarre aus dem Mund, klopfte die Asche ab und sagte ruhig:

"Halloway. Ich arbeite in der Bibliothek. Kommen Sie doch mal vorbei."

"Darauf können Sie sich verlassen, Mr. Halloway. Ich werde kommen!"

Die Hexe wartete an der nächsten Ecke.

Mr. Halloway befeuchtete seinen Zeigefinger, prüfte die Windrichtung und pustete ihr eine dicke Rauchwolke nach.

Sie prallte zurück und war verschwunden.

Der Illustrierte Mann richtete sich steif auf, drehte sich um und marschierte davon. Die tätowierten Porträts von Jim und Will preßte er in den Fäusten eisenhart zusammen.

Schweigen.

Unter dem Rost war es so still, daß Mr. Halloway schon glaubte, die beiden Jungen seien vor Angst gestorben.

Will blickte von unten empor. Seine Augen wurden feucht, er öffnete den Mund und dachte: Mein Gott, warum hab ich das früher nie bemerkt?

Dad ist groß. Wirklich groß ist er!

Charles Halloway sah immer noch nicht auf den Eisenrost, sondern verfolgte mit den Blicken die kleinen roten Punkte auf dem Bürgersteig, die um die nächste Ecke bogen. Die Blutstropfen, die Mr. Darks Weg markierten. Auch über sich selbst war er überrascht. Er fand sich mit der Überraschung ab, mit seiner neugefundenen Selbstsicherheit, die zum Teil Verzweiflung war und zum Teil einer gelassenen Heiterkeit entsprang. Aber das Unglaubliche war geschehen. Keiner soll fragen, warum er seinen richtigen Namen genannt hatte; selbst er konnte diese Frage nicht beantworten, nicht recht sagen, was sie bedeutete. Nun heftete er den Blick auf die Ziffern der Uhr am Gerichtsgebäude und sagte dabei zu den Jungen:

"Ach, Jim, Will – da geht tatsächlich etwas vor. Könnt ihr euch für den Rest des Tages irgendwo verstecken? Wir müssen Zeit gewinnen. Wo fängt man bei solchen Dingen an? Nichts Ungesetzliches ist geschehen, es wurde jedenfalls gegen kein Gesetz verstoßen, das in den Büchern steht. Aber ich komme mir vor, als wäre ich tot und seit einem Monat begraben. Eine Gänsehaut läuft mir über den Rücken. Versteckt euch, Jim, Will! Ich werde euren beiden Müttern sagen, ihr habt beim Zirkus Arbeit bekommen, damit ist dann euer Ausbleiben entschuldigt. Versteckt euch, bis es dunkel wird, und um sieben kommt ihr dann in die Bibliothek. Unterdessen sehe ich mir einmal die Unterlagen der Polizei über Zirkusse an, suche in den Zeitungsbänden in der Bibliothek, in alten Büchern und Archiven nach – alles, was wichtig sein könnte. So Gott will, hab ich einen Plan, wenn ihr nach Einbruch der Dunkelheit wieder auftaucht. Paßt bis dahin gut auf. Gott segne dich, Jim, und dich, Will."

Der kleine Vater, der auf einmal sehr groß war, ging langsam davon.

Er merkte nicht, daß ihm die Zigarre aus der Hand fiel und in einem Funkenregen durch das Gitter rollte.

Da lag sie nun in dem viereckigen Loch und starrte Jim und Will mit einem funkelndroten Auge an. Die beiden starrten zurück, machten das Auge schließlich blind und drückten die Zigarre aus.

Sechsunddreißigstes Kapitel 

Der Zwerg wanderte mit irren, hellblitzenden Augen auf der Hauptstraße nach Süden.

Plötzlich blieb er stehen und entwickelte in seinem Gehirn ein Stück Film. Er überprüfte ihn, stieß einen ärgerlichen Laut aus und stolperte zurück durch einen ganzen Wald von Beinen. Als er den Illustrierten Mann fand, zog er ihn zu sich herab, bis ein Flüstern ausreichte.

Mr. Dark hörte ihm zu und rannte dann so rasch davon, daß der Zwerg nicht Schritt halten konnte.

Vor dem Zigarrenladen mit dem Holzindianer sank der Illustrierte Mann auf die Knie. Er packte den eisernen Rost mit beiden Händen und starrte in die Dunkelheit hinunter.

Da unten lagen vergilbte Zeitungsreste, zusammengeknülltes Einwickelpapier von Bonbons, Zigarrenstummel und Kaugummireste.

Mr. Dark stieß einen unterdrückten Zornesschrei aus.

"Haben Sie was verloren?"

Mr. Tetley sah über seine Theke hinweg.

Der Illustrierte Mann hielt sich am Gitter fest und nickte einmal.

"Einmal im Monat suche ich das Loch nach Geldstücken ab", sagte Mr. Tetley. "Wieviel haben Sie verloren? Einen Zehner? Einen Vierteldollar? Oder gar einen halben?"

Ting!

Der Illustrierte Mann funkelte Mr. Tetley an.

Im Fensterchen der Registrierkasse war ein feuerrotes Schild hochgesprungen.

KEIN VERKAUF.

Siebenunddreißigstes Kapitel 

Die Turmuhr schlug sieben.

Das Echo wanderte durch die dunklen Flure der Bibliothek.

Irgendwo im Dunkeln fiel raschelnd, trocken, ein herbstliches Blatt.

Doch es war nur die Seite eines Buches, die umgeblättert wurde.

In einer der halbdunklen Grüfte beugte sich Charles Halloway im Schein einer Lampe mit grasgrünem Schirm über die Bücher. Die Lippen vorgeschoben, Augen verengt, schlug er mit zitternden Fingern die Seiten um, schob ein Buch beiseite, holte ein anderes. Ab und zu lief er ans Fenster und warf einen aufmerksamen Blick hinaus in den Herbstabend. Dann beugte er sich wieder über die Seiten, blätterte, schob hier ein Lesezeichen ein, kritzelte sich da ein Zitat auf ein Blatt Papier, flüsterte vor sich hin. Seine Stimme klang als Echo aus den Tiefen der Bibliothek zurück.

"Sieh da!"

"... da... da...!" sagten die nächtlichen Hallen.

"Das Bild!"

"Bild...", antworteten die Flure.

"Und das da!"