Sie waren in alten Garagen untergeschlüpft, in alten Scheunen, sie hatten sich in den höchsten Bäumen versteckt, die sie erklimmen konnten, und als die Langeweile schlimmer wurde als ihre Angst, waren sie wieder heruntergeklettert, zum Polizeichef gegangen und bei einem freundlichen Gespräch zwanzig Minuten lang im Revier sicher gewesen. Dann kam Will auf die Idee, die Kirchen zu besuchen. Sie stiegen in alle Kirchtürme der Stadt, verscheuchten die Tauben von den Simsen und fühlten sich zumindest sicher, auch wenn keiner wirklich sagen konnte, ob sie in den Kirchen und insbesondere hoch oben bei den Glocken tatsächlich sicher waren. Aber auch da packte sie die Langeweile, das Ewiggleiche ermüdete sie. Sie waren schon nahe daran, sich den Zirkusleuten zu stellen, damit sie wenigstens etwas zu tun hatten, da ging glücklicherweise die Sonne unter.
Von Sonnenuntergang bis jetzt war es herrlich gewesen.
Sie hatten sich an die Bibliothek angeschlichen, als sei sie ihre alte Festung, die inzwischen von Arabern erobert worden war.
"Und nun sind wir hier", schloß Jim flüsternd. Dann hielt er inne. "Warum flüstere ich eigentlich? Die Bibliothek ist doch längst geschlossen! Teufel!"
Er lachte, dann brach er ab.
Er glaubte nämlich, irgendwo in den unterirdischen Kammern leise Schritte vernommen zu haben.
Doch es war nur sein Lachen, das auf leisen Pantherpfoten durch die hohen Regale zu ihm zurückkam.
Als sie dann weiterredeten, flüsterten sie wieder. Tiefer Wald, dunkle Höhlen, dämmrige Kirchen, halbdunkle Bibliotheken – alles dasselbe, sie dämpfen einen, wirken bedrückend, lassen nur Flüstern und halblaute Rufe zu, aus Angst, geisterhafte Zwillinge der eigenen Stimme könnten auferstehen und durch die Gänge huschen, die man längst wieder verlassen hat.
Sie kamen in den kleinen Leseraum und gingen um den Tisch herum, auf dem Charles Halloway all die Bücher ausgelegt hatte. Viele Stunden hatte er hier lesend verbracht. Nun blickten sie sich zum ersten Mal ins Gesicht. Jeder entdeckte beim anderen dieselbe fahle Blässe, und sie sagten nichts dazu.
"Noch einmal von vorn", sagte Dad und zog Stühle herbei. "Bitte."
Die beiden Jungen nahmen sich Zeit. Abwechselnd erzählten sie von dem Blitzableiterverkäufer, der vorbeikam und ein Gewitter voraussagte, dem Zug, der lange nach Mitternacht ankam, die ganz plötzlich belebte Wiese, die Zelte im Mondlicht, die unberührte und doch klagende Zirkusorgel. Dann, wie das helle Licht des Mittags auf den ganz normalen breiten Weg zwischen den Zelten und Buden strahlte, auf dem sich Hunderte von braven Christenmenschen bewegten und keine Löwen, denen sie zum Fraß vorgeworfen werden sollten.
Nur der Irrgarten mit den vielen Spiegeln war da, in dem sich die Zeit rückwärts und vorwärts verlor, nur das Karussell mit dem Schild AUSSER BETRIEB, die tote Mittagsstunde, Mr. Cooger und der Junge mit den Augen, die alle Eingeweide der Welt gesehen hatten, die wie Sünden von ihren Fleischerhaken hingen, rot und giftig, der Junge mit den Augen eines erwachsenen Mannes, der seit Ewigkeiten lebte und schon zu viel gesehen hatte, der vielleicht sterben wollte, es aber nicht konnte...
Die Jungen mußten Atem holen.
Miss Foley, dann wieder der Zirkus, das wildgewordene Karussell, die uralte Cooger-Mumie, die Mondlicht einatmete, silbernen Staub ausatmete, tot, dann auferstanden auf einem Stuhl, der sein Skelett mit grünen Blitzen entzündete, ein trockenes Gewitter ohne Regen und Donner; der Umzug, der Zigarrenladen und sein Keller, das Versteck – und nun waren sie hier, hatten alles berichtet, waren fertig.
Eine ganze Weile saß Wills Vater schweigend da und starrte die Mitte des Tisches an, ohne etwas zu sehen.
Dann bewegten sich seine Lippen.
"Jim. Will. Ich glaube euch", sagte er.
Die Jungen sanken auf ihre Stühle zurück.
"Alles?"
"Alles."
Will wischte sich über die Augen. "Junge", sagte er.
"Ich fang gleich zu plärren an!"
"Dafür haben wir keine Zeit!" erklärte Jim.
"Keine Zeit." Wills Vater stand auf, stopfte Tabak in seine Pfeife, suchte in den Taschen nach Streichhölzern und förderte eine verbeulte Mundharmonika, ein Taschenmesser, ein nichtfunktionierendes Feuerzeug und einen Notizblock zutage, auf dem er immer große Gedanken notieren wollte, aber nie dazu kam. Diese Waffen für einen Pygmäenkrieg, der schon verloren sein konnte, noch ehe er recht begann, reihte er auf dem Tisch auf. Langsam schüttelte er den Kopf, entdeckte endlich eine zerknautschte Streichholzschachtel, zündete seine Pfeife an und begann auf und ab zu gehen. Dabei dachte er laut.
"Sieht so aus, als ob wir uns ausführlich über einen gewissen Zirkus unterhalten müßten. Wo kommt er her, wo will er hin, was hat er vor? Wir haben geglaubt, er sei noch niemals in der Stadt gewesen. Aber – bei Gott – seht euch das mal an!"
Er deutete auf eine vergilbte Zeitungsanzeige, die das Datum 12. Oktober 1888 trug. Mit dem Fingernagel unterstrich er eine Zeile:
J. C. COOGER UND G. M. DARK PRÄSENTIEREN DAS PANDÄMONIUM-THEATER! KOMBINIERTE SCHAU, MUSEUM DES UNNATÜRLICHEN – INTERNATIONAL!
"J. C. und G. M.", sagte Jim. "Dieselben Initialen wie auf den Handzetteln, die an diesem Wochenende überall herumliegen. Aber – es können doch nicht dieselben Leute sein..."
"Nein?" Wills Vater rieb sich den Ellbogen. "Meine Gänsehaut erzählt mir etwas ganz anderes."
Er legte die alte Zeitung beiseite.
"1860. 1846. Dieselbe Anzeige. Dieselben Anfangsbuchstaben. Dark und Cooger. Cooger und Dark.
– Sie kamen und gingen, aber nur alle zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre einmal. Die Leute haben es deshalb stets vergessen. Wo waren sie all die anderen Jahre?
Unterwegs. Und mehr noch! Immer im Oktober: Oktober 1846, Oktober 1860, Oktober 1888, Oktober 1910 und in diesem Oktober." Seine Stimme war kaum noch zu verstehen. "Nehmet euch vor den Männern des Herbstes in acht..."
"Was?"
"Eine Zeile aus einem alten religiösen Buch. Ich glaube, von Pastor Newgate Phillips. Hab's als Junge gelesen. Wie ging das nur?"
Er strengte sein Gedächtnis an. Er leckte sich über die Lippen. Dann fiel es ihm wieder ein.
"Für manche kommt der Herbst frühzeitig und bleibt lange im Leben, wenn der Oktober dem September folgt und der November den Oktober berührt, und statt Dezember und Christi Geburt gibt es keinen Stern von Bethlehem, kein Jubilieren, sondern es kommt wiederum der September und der alte Oktober und so fort, all die Jahre hindurch, ohne Winter, Frühling oder belebenden Sommer. Für diese Wesen ist der Herbst die ewig gleiche, normale Jahreszeit und das einzige Wetter, sie kennen nichts anderes. Woher kommen sie? Aus dem Staub. Wohin gehen sie? Ins Grab. Regt sich Blut in ihren Adern? Nein, nur der Nachtwind. Was tickt in ihren Köpfen? Der Wurm. Was spricht aus ihrem Munde?
Verlockung. Was blickt aus ihrem Auge? Die Schlange.
Was lauscht mit ihren Ohren? Der Abgrund zwischen den Sternen. Sie suchen in den Stürmen nach menschlichen Seelen, essen das Fleisch der Erkenntnis, füllen die Gräber mit Sündern. So treiben sie es immer weiter. In Schwärmen kriechen sie wie Käfer, schleichen, sickern, bewegen sich, lassen die Monde düster scheinen und hüllen alle klar fließenden Bäche in Nebel. Die Spinnwebe hört sie, zittert – zerreißt. Das sind die Männer des Herbstes. Nehmet euch vor ihnen in acht..."