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Nach einer langen Pause stießen die beiden Jungen gleichzeitig die Luft aus.

"Die Männer des Herbstes", sagte Jim. "Ja, klar, das sind sie!"

"Dann..." Will schluckte. "Dann sind wir – Menschen des Sommers?"

"Nicht ganz." Charles Halloway schüttelte den Kopf.

"Ach, ihr seid dem Sommer näher als ich. Wenn ich wirklich je ein echter Sommermensch war, so ist das lange her. Die meisten von uns sind halb-und-halb. Der Augustmittag in uns wehrt die Novemberfröste ab. Wir leben nur von dem bißchen Unabhängigkeit, das wir uns bewahrt haben. Doch es gibt Zeiten, da sind wir alle Männer des Herbstes."

"Du nicht, Dad!"

"Sie doch nicht, Mr. Halloway!"

Er drehte sich rasch um und sah die beiden bleichen Gesichter, die ihn bewundernd ansahen. Die Jungen hatten die Hände auf die Knie gestützt, als wollten sie aufspringen.

"Man sagt nur so. Nur die Ruhe, Jungs! Ich bin nur hinter den Tatsachen her. Will, kennst du deinen Dad denn wirklich? Du solltest mich kennen, wie ich dich kenne, wenn es heißt, wir gegen sie!"

"Na ja", hauchte Jim. "Aber wer sind Sie dann?"

"Teufel, wir wissen doch, wer er ist!" protestierte Will.

"So? Wirklich?" fragte sein Vater. "Laßt mal sehen. Charles William Halloway. Nichts Ungewöhnliches dran, außer daß ich vierundfünfzig bin, und das ist immer ungewöhnlich für den, der drinsteckt. Geboren in Sweet Water, aufgewachsen in Chicago, in New York am Leben geblieben, Detroit überstanden, überall herumgekommen, schließlich hier gelandet, nachdem ich all die Jahre in den Bibliotheken des ganzes Landes zubrachte, weil ich allein sein wollte, weil ich in den Büchern nachschlagen wollte, was ich unterwegs gesehen hatte. Dann mitten im Davonlaufen – ich nannte es Reisen – im neununddreißigsten Lebensjahr, kam deine Mutter und machte mich mit einem Blick seßhaft. Also bin ich seitdem hier geblieben. Fühle mich nachts in der Bibliothek immer noch am wohlsten, wenn ich nicht draußen im Regen der anderen Menschen stehe. Ist das meine letzte Station? Gut möglich. Warum bin ich überhaupt hier? Im Augenblick, wie es scheint, um euch zu helfen."

Er hielt inne und sah die beiden Jungen mit ihren prächtigen, offenen Gesichtern an.

"Ja", sagte er. "Das Spiel ist schon fast aus. Um euch zu helfen."

Neununddreißigstes Kapitel 

Alle nachtverhangenen Fenster der Bibliothek erzitterten vor Frost und Kälte.

Der Mann und die beiden Jungen warteten, bis der Sturm vorbei war.

Als es ruhiger wurde, sagte Wilclass="underline" "Dad, du hast uns immer geholfen."

"Danke, aber das stimmt nicht." Charles Halloway betrachtete seine leere Hand. "Ich bin ein Narr. Schau dir immer über die Schulter, um zu sehen, was kommen wird, nie ins Gesicht, um zu sehen, was da ist. Aber insofern kann ich mich beruhigen: Jeder ist ein Narr. Das heißt, du strengst dich dein Lebtag an, packst zu, holst andere heraus, machst die Leine fest, verputzt, streichelst Wangen, küßt Stirnen, lachst und weinst und tust alles mögliche für den einen Tag, wo du selber der allerdümmste Narr bist und laut ›Hilfe!‹ schreist. Alles was du dann brauchst, ist ein Mensch, der dir Antwort gibt. Ich sehe es so klar und deutlich. Im ganzen Land liegen heute abend Städte, Dörfer und winzige Flecke voller Narren. Der Zirkus fließt vorbei, rüttelt an jedem Baum. Es regnet Idioten. Jeder einzelne ein Trottel, möchte ich sagen, von denen sich jeder einzelne einbildet – manchmal stimmt's auch –, daß keiner da ist, der seinen Hilferuf hört.

Narren, die nichts miteinander zu tun haben – diese Ernte holt der Zirkus lächelnd ein, wenn er mit seiner stampfenden Maschine daherkommt."

"Mein Gott – wie hoffnungslos!" sagte Will.

"Nein. Allein die Tatsache, daß wir hier beisammen sind und uns über den Unterschied zwischen Sommer und Herbst den Kopf zerbrechen, beweist mir, daß es einen Ausweg geben muß. Man muß nicht dumm bleiben, und man muß nicht Böses, Falsches, Sündiges tun, wie du es auch immer nennen magst. Es gibt immer mehr als nur drei oder vier Möglichkeiten, unter denen man wählen kann. Sie, dieser Dark und seine Freunde, sie haben nicht alle Karten in der Hand, das habe ich heute vor dem Zigarrenladen bemerkt. Ich fürchte ihn, aber ich konnte deutlich merken, daß auch er mich fürchtet. Es ist also eine Angst auf Gegenseitigkeit. Wie können wir die zu unserem Vorteil ausnutzen?"

"Wie?"

"Immer schön der Reihe nach. Sehen wir uns in der Geschichte um. Wenn der Mensch hätte für alle Zeiten böse bleiben wollen, so konnte er das – einverstanden?

Gut. Sind wir tatsächlich draußen bei den Tieren des Waldes geblieben? Nein. Sind wir im Wasser bei den Haien geblieben? Nein. Irgendwann einmal haben wir die heiße Gorillapfote losgelassen. Irgendwann haben wir auf unsere Reißzähne verzichtet und angefangen, Gras zu essen. Pflanzenbrei spielt in unserer Geschichte eine ebenso große Rolle wie Blut, viele Generationen lang.

Seitdem betrachten wir uns auf der Stufenleiter den Affen überlegen, aber wir stehen nicht so hoch wie die Engel. Das war eine hübsche Idee, deshalb haben wir sie zu Papier gebracht und Häuser wie dieses hier drumherum gebaut. Wir gehen in diesen Häusern ein und aus und kauen immer noch drauf herum, auf diesem Grashalm, süß und neu, wir denken darüber nach und wollen herausfinden, wann wir den Schritt getan haben, wann wir uns entschlossen, anders zu sein. Ich denke, das war in irgendeiner Nacht, vor Hunderttausenden von Jahren, wo einer jener fellbekleideten Männer nachts am Feuer aufwachte und über die Glut hinweg seine Frau und seine Kinder betrachtete und daran dachte, daß sie kalt waren, kalt und tot für immer. Und da muß er wohl geweint haben. Er wird die Hand nach seiner Frau und nach den Kindern ausgestreckt haben, in dem Bewußtsein, daß sie eines Tages sterben müssen. Am nächsten Morgen behandelte er sie eine Zeitlang etwas besser, weil er erkannte, daß auch sie – genau wie er – die Saat der Nacht in sich trugen. Diese Saat fühlte er in seinen Adern, sie klopfte in seinem Puls, immer schmerzhafter, je weiter der Tag voranschritt, weil er wußte, daß sein Leib eines Tages in die Dunkelheit eingehen würde. Dieser Mensch, der allererste, wußte also, was wir heute wissen: Unsere Zeit ist kurz, und die Ewigkeit ist lang. Mit diesem Wissen kamen Mitleid und Gnade. Wir sparten die anderen für die späteren, verwickelteren, geheimnisvolleren Gnaden der Liebe auf.

Was sind wir also, alles in allem? Wir sind die wissenden Geschöpfe, und wir wissen zu viel. Wir tragen eine so schwere Last, daß wir wiederum vor der Wahl stehen, ob wir lachen oder weinen sollen. Kein anderes Tier kann lachen oder weinen. Wir tun beides, je nach Zeit und Laune. Irgendwie hab ich den Eindruck, die Zirkusleute beobachten uns, um zu sehen, ob wir weinen oder lachen, wann wir es tun und wie. Sie schlagen zu, wenn sie glauben, daß wir reif sind.

Charles Halloway hielt inne. Die beiden Jungen sahen ihn so gespannt an, daß er plötzlich errötete und sich abwenden mußte.

"Junge, Mr. Halloway!" rief Jim halblaut. "Das ist großartig! Weiter!"

"Dad", sagte Will verwundert. "Ich habe nie gewußt, daß du reden kannst!"

"Du solltest mich manchmal spät abends hören, da tu ich nichts anderes als nur reden!" Charles Halloway schüttelte den Kopf. "Ja, das solltest du wirklich hören. Ich hätte an jedem Tag der Vergangenheit mehr mit dir reden sollen. Teufel. Wo war ich nur? Auf dem Weg zur Liebe wahrscheinlich. Ja – Liebe."