Will machte ein gelangweiltes Gesicht, und Jim schien dieses Wort unangenehm zu sein.
Die Blicke der beiden machten Charles Halloway nachdenklich.
Wie sollte er sich ausdrücken, damit sie ihn verstanden? Konnte er sagen, Liebe sei vor allen Dingen gesunder Menschenverstand, gemeinsame Erfahrung? Das war doch der lebenswichtige Kitt, nicht wahr? Konnte er ihnen sagen, wie ihm ums Herz war, weil sie an diesem Abend hier beisammen waren, auf einer wilden Welt, die um eine große Sonne kreiste, die durch einen größeren Raum, durch noch unendlichere Weiten des Universums stürzte, vielleicht auf etwas zu, vielleicht von etwas weg? Sollte er ihnen sagen: Wir legen diese Milliarden Meilen in der Stunde gemeinsam zurück? Wir stehen gemeinsam gegen die Nacht? Warum liebt man den Jungen, der im März auf einer Wiese einen Drachen steigen läßt? Weil unsere Finger brennen, wenn uns heiß die Schnur durch die Hand gleitet. Mit solchen kleinen Dingen fängt es an. Warum liebt man irgendein Mädchen, das man vom Zug aus sieht, wie es sich zu einem Brunnen niederbeugt? Die Zunge erinnert sich an kühles, eisenhaltiges Wasser an einem längst vergangenen, heißen Mittag. Warum weint man über einen Fremden, der tot am Straßenrand liegt? Er sieht einem Freund ähnlich, den man seit vierzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Warum lachen wir, wenn ein Clown eine Torte ins Gesicht geworfen bekommt? Wir schmecken die Creme, wir schmecken das Leben. Warum liebt man die eigene Frau? Mit ihrer Nase atmet sie die Luft einer Welt ein, die wir kennen; darum liebe ich diese Nase. Ihr Ohr hört die Melodie, die ich vielleicht die halbe Nacht lang summe; darum liebe ich diese Ohren. Ihre Augen erfreuen sich am Wandel der Jahreszeiten in der Landschaft; deshalb liebe ich ihre Augen. Ihre Zunge kennt Quitten, Pfirsiche, Apfelbeeren, Minze und Zitrone; ich höre sie gern sprechen. Ihre Haut kennt Hitze und Kälte und Schmerz, ich kenne Feuer, Schnee, Schmerzen. Immer wieder sind es gemeinsame Erfahrungen. Milliarden prickelnder Empfindungen.
Schneide einen der Sinne ab, so schneidest du einen Teil des Lebens weg. Schneide zwei Sinne fort, und es fehlt die Hälfte des Lebens. Wir lieben, was wir wissen, wir lieben, was wir sind. Gemeinsame Sache. Gemeinsame Sache von Mund, Auge, Ohr, Zunge, Hand, Nase, Herz und Seele.
Aber... Wie sagt man das?
"Seht ihr", versuchte er es, "steckt zwei Männer in einen Eisenbahnwaggon. Einer ist Soldat, der andere Farmer. Der eine redet vom Krieg, der andere vom Weizen. Jeder langweilt den anderen, bis der einschläft.
Aber laß nur einen von ihnen Langlauf erwähnen, und der andere ist ein einziges Mal in seinem Leben die Meile gelaufen, so werden diese beiden Männer die ganze Nacht lang gemeinsam rennen. Ihre Freundschaft entzündet sich an der Erinnerung. So haben alle Männer ein gemeinsames Interesse: Frauen. Darüber können sie bis Sonnenaufgang und noch länger reden. Teufel."
Charles Halloway hielt wieder inne, wurde wieder rot.
Er wußte, da vorn war irgendwo das Ziel, aber er wußte nicht, wie er dahingelangen sollte. Er biß sich auf die Lippen.
Dad, hör nicht auf, dachte Will. Solange du redest, ist es herrlich hier drin. Du wirst uns retten. Rede nur weiter.
Der Mann las es in den Augen seines Sohnes. Er sah denselben Blick bei Jim. Er ging langsam um den Tisch herum, berührte hier ein Tier der Nacht, dort ein paar Hexen, einen Stern, den strahlenden Mond, eine uralte Sonne, ein Stundenglas, das die Zeit nicht mit feinem Sand, sondern mit dem Staub alter Gebeine maß.
"Hab ich schon gesagt, daß ich eigentlich über Güte reden wollte? Gott, ich weiß es nicht. Ein Fremder wird auf offener Straße niedergeschossen, und du rührst kaum einen Finger, ihm zu helfen. Aber hättest du nur eine halbe Stunde zuvor zehn Minuten mit dem Burschen verbracht und etwas über ihn und seine Familie erfahren, so würdest du dich dem Mörder in den Weg werfen und versuchen, das Verbrechen zu verhindern. Wirklich wissen ist gut. Nichtwissen, nicht wissen wollen, das ist schlecht, böse, zumindest unmoralisch. Man kann nicht handeln, wenn man nicht weiß. Wer etwas tut, ohne zu wissen, der fällt von der Klippe. Mein Gott, ihr müßt mich für verrückt halten, daß ich so rede! Ihr denkt vielleicht, wir sollten lieber auf die Entenjagd gehen oder Ballone abschießen, wie du es gemacht hast, Will, aber zuvor müssen wir alles über diese Mißgeburten und den Mann wissen, der sie beherrscht. Wir können nicht gut sein, wenn wir nicht wissen, was böse ist, und es ist nur schade, daß die Zeit gegen uns arbeitet. Am Sonntagabend macht der Zirkus schon früh zu, und die Leute gehen nach Hause. Ich habe das Gefühl, die Männer des Herbstes werden uns dann besuchen. Bis dahin haben wir vielleicht noch zwei Stunden Zeit."
Jim stand am Fenster und blickte hinaus über die Dächer der Stadt zu den fernen schwarzen Zelten und der Zirkusorgel, die nun vom Kreisen der Erdkugel in der Nacht angetrieben wurde.
"Ist das denn böse?" fragte er.
"Böse?" rief Will zornig. "Böse! Wie kannst du das nur fragen?"
"Ruhe!" sagte Wills Vater. "Das war eine gute Frage.
Ein Teil der Schau wirkt ganz großartig. Aber hier gilt wirklich das alte Sprichwort: Für nichts kriegt man nichts. Bei denen da ist es so, daß man nichts für etwas kriegt. Sie machen leere Versprechungen, du hältst den Kopf hin – bums!"
"Wo kommen sie her?" fragte Jim. "Wer sind sie eigentlich?"
Will trat mit seinem Vater ans Fenster. Gemeinsam blickten sie hinaus zu den schwarzen Zelten. Dann sagte Charles Halloway zu diesen Zelten:
"Früher einmal war es vielleicht nur ein einziger Mann, der durch Europa wanderte, mit klingenden Schellen an den Fußgelenken, eine Laute auf dem Buckel. Das war lange vor Kolumbus. Vielleicht lief vor einer Million Jahren ein Mann in einer Affenhaut herum, stopfte sich mit dem Unglück anderer voll, kaute den ganzen Tag ihre Leiden wie Kaugummi, saugte den süßen Geschmack heraus und lief dann schneller, belebt von menschlichem Leid. Sein Sohn hat dann vielleicht die Baumfallen, die Menschenfallen, die Knochenmühlen, die Kopfschrauben, die Zangen und Seelenmartern seines Vaters verfeinert. Sie legten den Schaum auf einsame Teiche, von dem die Mücken aufstiegen, in Nasen kletterten, Stechmücken in der Sommernacht, die Beulen stachen, aus denen die Zirkusleute so gern wahrsagen. Einer hier, einer da, rasch und aalglatt wie ihre Blicke, so wurden es Herden von Werwölfen, die um Gaben des Bösen bettelten, Unheil verbreiteten, unter den Teppichen nach den Spuren von Tausendfüßlern suchten, den Schweiß der Nacht beobachteten, an den Türen aller Schlafzimmer lauschten und hörten, wie die Menschen sich in Reue und heißen Träumen hin und her warfen.
Der Stoff, aus dem Alpträume gemacht werden, ist ihr täglich Brot. Die Butter darauf der Schmerz. Sie stellen ihre Uhren nach dem Totenwurm und gedeihen im Laufe der Jahrhunderte. Das waren die Männer mit den neunschwänzigen Peitschen, die aus Schweiß die Pyramiden errichteten und sie mit dem Salz und den gebrochenen Herzen anderer würzten. Sie hockten auf den Schimmeln der Pest als Fluch Europas. Sie flüsterten Cäsar zu, daß er sterblich sei, dann verkauften sie Dolche zum halben Preis. Einige von ihnen müssen träge Clowns, Hofnarren für Kaiser, Fürsten und epileptische Päpste gewesen sein. Dann lagen sie wieder auf der Straße, als Zigeuner, und ihre Zahl vermehrte sich mit der Bevölkerung der Welt, breitete sich aus. Es gab nun köstlichere Arten des Schmerzes, sich daran zu mästen.
Die Erfindung der Eisenbahn hat ihnen Räder gegeben, und auf Rädern rollten sie die lange Straße aus Gotik und Barock in die Neuzeit. Seht euch ihre Wagen an, die Schnitzereien wie auf mittelalterlichen Schreinen, alles Dinge, die früher einmal von Pferden, Mulis oder auch Menschen gezogen wurden."