"All die Jahre." Jim verschluckte sich. "Immer dieselben Leute? Glauben Sie, daß Mr. Cooger oder Mr. Dark ein paar hundert Jahre alt sind?"
"Wenn sie auf diesem Karussell fahren, so können sie doch ein oder zwei Jahre abschütteln, sooft sie nur wollen, oder nicht?"
"Aber dann..." Ein Abgrund tat sich vor Wills Füßen auf. "Dann könnten sie doch ewig leben!"
"Und den Menschen Böses antun." Jim dachte angestrengt nach. "Aber warum? Warum tun sie Böses?"
Mr. Halloway antwortete: "Weil sie doch Benzin, Treibstoff brauchen, irgend etwas, um den Zirkus am Laufen zu halten. Frauen leben vom Tratsch, und was ist Tratsch schon anderes als ein Schleim aus Kopfschmerzen, üblem Speichel, arthritischen Knochen, zerrissenem und geflicktem Fleisch, Indiskretionen, Gewittern des Wahnsinns, Ruhe nach dem Sturm? Wenn manche Leute nicht immer etwas Saftiges zum Durchkauen hätten, würden ihnen die Zähne auswachsen und ihre Seelen dazu. Vervielfacht ihr Vergnügen auf Beerdigungen, ihr Kichern, wenn sie beim Frühstück die Todesanzeigen lesen, rechnet all die Ehen hinzu, in denen es zugeht wie Katz und Hund, wo Menschen ein Leben lang nichts anderes tun, als sich gegenseitig die Haut in Fetzen vom Leib zu reißen und sie verkehrtrum wieder anzukleben, rechnet die Quacksalber hinzu, die Menschen aufschneiden und in ihren Gedärmen wie in Teeblättern lesen, sie dann wieder mit gezeichneten Fäden zunähen, multipliziert diese ganze Dynamitfabrik mit zehn Quatrillionen – dann habt ihr die magische schwarze Macht dieses einen Zirkus.
Alles Gemeine in uns entleihen sie sich vervielfacht.
Sie sind für Schmerz, Trauer und Krankheit milliardenmal empfänglicher als der durchschnittliche Mensch. Wir würzen unser Leben mit den Sünden anderer. Uns schmeckt unser Fleisch süß. Doch dem Zirkus ist es gleichgültig, wenn es im Mondschein stinkt, statt in der Sonne, solange es nur von Angst und Pein überquillt. Das ist der Treibstoff, der Dampf, der das Karussell im Kreise treibt, der Rohstoff des Schreckens, die unsagbare Qual der Schuld, der Schrei wegen echter oder eingebildeter Wunden. Der Zirkus saugt dieses Gas ein, zündet es, und weiter geht's!"
Charles Halloway holte tief Luft, schloß die Augen und sagte:
"Woher ich das weiß? Ich weiß es nicht! Ich fühle es!
Ich schmecke es. Vor zwei Tagen war es wie altes Laub, dessen Geruch der Wind herantreibt. Es war der Duft von Totenblumen. Ich höre diese Musik. Ich höre, was ihr mir erzählt und die Hälfte von dem, was ihr mir nicht erzählt.
Vielleicht hab ich immer schon von einem solchen Zirkus geträumt und nur darauf gewartet, bis mal einer kommt und ich nur nicken muß. Die Schau da draußen, diese Zelte, sie spielen auf meinen Knochen wie auf einer Marimba. Mein Skelett weiß es. Es sagt mir alles. Und ich sag's euch."
Vierzigstes Kapitel
Können sie...", begann Jim zögernd, "ich meine... kaufen sie... kaufen sie Seelen?"
"Warum kaufen, wenn man sie umsonst kriegen kann?" antwortete Mr. Halloway. "Die meisten Menschen sind doch begierig nach einer Gelegenheit, alles für nichts aufzugeben. Mit nichts anderem gehen wir so nachlässig um wie mit unseren unsterblichen Seelen. Außerdem deutest du damit an, daß da draußen der Teufel sei. Ich sage aber nur, es ist eine Art Kreatur, die es gelernt hat, von Seelen zu leben – es sind nicht die Seelen selbst. Das hat mich an den alten Mythen immer gestört. Ich habe mich gefragt: Wozu braucht Mephistopheles eine Seele? Was macht er damit, wenn er sie kriegt, was nützt sie ihm? Macht Platz, ich lege jetzt meine eigene Theorie auf den Tisch! Diese Kreaturen brauchen das Leuchtgas aus den Seelen, die nachts keinen Schlaf finden und am Tage wegen alter Sünden fiebern. Eine tote Seele läßt sich nicht entzünden. Aber eine lebende, zerquälte Seele, heiß von Selbstanklage – ja, das ist das Richtige für solche, wie die sind!
Woher ich das weiß? Ich halte die Augen offen. Der Zirkus ist wie Menschen – nur menschlicher. Ein Mann und eine Frau gehen nicht voneinander, sie bringen einander nicht um, sondern sie martern einander ein Leben lang, reißen sich die Haare, die Fingernägel einzeln aus, und die Qual des einen ist dem anderen das Narkotikum, das ein Leben erst lebenswert macht. Der Zirkus spürt von Magengeschwüren geplagte Egos aus meilenweiter Entfernung auf und fliegt herbei, um Hand an die Schmerzen zu legen. Er riecht Jungen, die sich damit abquälen, Männer zu werden, und die dabei schmerzen wie große dumme Weisheitszähne aus zwanzigtausend Meilen Entfernung, einen in Winternacht gebetteten Sommer. Er fühlt die Schwermut alternder Männer, wie ich einer bin, die sich nutzlos nach längst verlorenen Augustnachmittagen sehnen. Not, Armut, Sehnsucht – wir verbrennen sie in unserem Lebenssaft, oxydieren sie in unseren Seelen, stoßen einen Strom davon aus Lippen, Nasen, Augen und Ohren, senden mit Antennenfingern über Kurz-oder Langwelle, weiß Gott was, aber die Herren der Mißgeburten spüren das Jucken und kommen angerannt, um zu kratzen. Die Reise ist weit und leicht. An jedem Kreuzweg stehen genug Menschen bereit, die ihnen gern eimerweise Schmerzen als Treibstoff geben. Vielleicht bleibt der Zirkus so am Leben. Er existiert von den Sünden, die wir einander antun, vom Gift unserer schrecklichsten Reue."
Charles Halloway schnaubte.
"Du liebe Zeit, wieviel hab ich in den letzten zehn Minuten laut gesagt, wieviel nur gedacht?"
"Sie haben eine Menge geredet", sagte Jim.
"Verdammt, aber in welcher Sprache?" rief Charles Halloway, denn plötzlich hatte er den Eindruck, daß er auch nicht mehr getan hatte als in anderen Nächten, da er allein in der Bibliothek herumgelaufen war und seine Gedanken den langen Gängen mitgeteilt hatte, die sie ihm als Echo einmal zurückwarfen und sie dann im Nichts verschwinden ließen. Sein Leben lang hatte er Bücher geschrieben, geschrieben in die gewaltigen Räume gewaltiger Gebäude, und sie waren zu den Fenstern hinausgeflogen. Nun kam ihm alles wie ein Feuerwerk vor, das nur wegen der Farbe, wegen des Klanges, des prächtigen Wortbaus abgebrannt wurde, um auf die Jungen Eindruck zu machen und ihm selbst zu schmeicheln, das aber keinen Eindruck hinterließ, nachdem Farbe und Ton vergangen waren. Nur eine Übung im Monolog. Verlegen kam er näher.
"Wieviel davon ist wohl angekommen? Jeder fünfte Satz? Oder zwei Sätze von acht?"
"Drei von tausend", sagte Will.
Charles Halloway konnte nicht anders, er lachte und seufzte zugleich.
Dann warf Jim ein: "Ist es... ist es der... Tod?"
"Der Zirkus?" Der alte Mann entzündete seine Pfeife, blies den Rauch aus und sah ihm nach. "Nein. Aber ich glaube, er gebraucht den Tod als Drohung. Der Tod existiert nicht. Es hat ihn nie gegeben, es wird ihn nie geben. Aber wir haben von ihm so viele Bilder gemalt, all die Jahre hindurch, haben versucht, ihn festzuhalten, zu verstehen, daß wir ihn als Wesenheit ansehen, seltsam lebendig und gierig. Aber er ist nichts weiter als eine stehengebliebene Uhr, ein Verlust, ein Ende, Dunkelheit.
Nichts. Und der Zirkus ist klug genug zu wissen, daß wir uns vor dem Nichts mehr fürchten als vor dem Etwas.
Gegen ein Etwas kann man kämpfen. Aber... das Nichts? Wo trifft man das? Hat es ein Herz, eine Seele, einen Hintern, einen Verstand? Nein, nein! So schüttet uns der Zirkus nur einen großen Becher voller Nichts hin und schnappt uns, wenn wir vor Angst auf den Rücken fallen.
Oh, er zeigt uns schon etwas, das zu nichts führen könnte! Die glitzernden Spiegel da draußen auf der Festwiese, das ist schon etwas! Etwas Seltenes. Genug, um eine Seele aus dem Sattel zu werfen. Es ist ein Tiefschlag, wenn man sich selbst nach neunzig Jahren sieht und von einem der Dunst der Ewigkeit aufsteigt wie der Dampf von Trockeneis. Dann, wenn du steifgefroren bist, spielen sie dir diese liebliche, zu Herzen gehende Musik vor, die nach frisch gewaschenen Kleidern riecht, flatternd auf einer Leine im Mai, die klingt, wie wenn Heuhaufen in Weinbergen liegen, eine Melodie von blauem Himmel und Sommernacht – bis in deinem Kopf Trommeln dröhnen, die wie Vollmonde aussehen und um die Zirkusorgel kreisen. Wie einfach. Herr im Himmel, wie ich ihre einfache, direkte Art bewundere! Man braucht nur einen alten Mann mit Spiegeln zu schlagen und zuzusehen, wie seine Stücke in einem Puzzle von vielen Eisbrocken zu Boden fallen – und nur der Zirkus kann sie wieder zusammensetzen? Wie? Sie lassen dich zu den Klängen eines Walzers auf dem Karussell rückwärts fahren. Aber sie sind vorsichtig und sagen den Leuten, die zu ihrer Musik Karussell fahren, kein Wort davon."