Ein Chamäleon hockte sich auf Jims Nase.
"Nightshade", raschelte die Stimme wie ein trockener Besen.
Hinter ihr standen schweigend, unruhig, aufgeregt der Zwerg und das Skelett.
Bei dieser Gelegenheit hätten die beiden Jungen wieder aus Leibeskräften geschrien, aber der Illustrierte Mann ahnte es wie vorhin voraus und unterdrückte den Laut, ehe er ihnen über die Lippen kam. Dann nickte er der
alten Staubhexe zu.
Die Hexe beugte sich vor. Ihre zugenähten, schwarzen, wächsernen Lider zuckten, die wie ein alter Pfeifenkopf schwarz verklebten Löcher ihrer großen Hakennase bebten, die spinnendünnen Finger malten lautlos geheimnisvolle Symbole ins Leere.
Die Jungen rissen die Augen auf.
Die Fingernägel bewegten sich, zitterten, wedelten kalte, winterliche Luft herbei. Ihr säuerlicher Froschatem jagte ihnen eine Gänsehaut über den Rücken. Sie sang, summte, trällerte leise für ihre Babys, ihre Jungen, ihre Freunde vom glatten Dach, vom gut geschossenen Pfeil, der den Ballon vom Himmel holte.
"Spitznadelige Drachenfliege, nähe diese Münder zu, daß sie nicht mehr reden können!"
Ihr Daumennagel stach, berührte, nähte, zog, stach und nähte wieder, streifte über die Unterlippen, bis sie mit unsichtbarem Faden fest zusammengenäht waren.
"Spitznadelige Drachenfliege, nähe diese Ohren zu, daß sie nicht mehr hören können!"
Kalter Sand rieselte durch Wills Ohren und verschüttete die Stimme der Hexe. Gedämpft, in unendlicher Ferne, summte und sang sie weiter, ein Rascheln nur, ein Ticken wie von Uhrzeigern.
Moos wuchs in Jims Ohren und verstopfte sie sofort.
"Spitznadelige Drachenfliege, nähe diese Augen zu, daß sie nichts mehr sehen können!"
Ihre weißglühenden Finger drückten die Augäpfel der Jungen zurück und ließen die Lider darüberfallen wie schwere eiserne Tore, die ins Schloß krachen.
Will sah Millionen Blitzlichter aufflammen und ins Dunkel sinken, während das unsichtbare Insekt draußen irgendwo sirrte und summte wie eine Biene, die vom sonnenwarmen Honigtopf angelockt wird. Die kaum hörbare Stimme versiegelte die Sinne der Jungen für ewig und einen Tag.
"Spitznadelige Drachenfliege, du hast vollendet Auge, Ohr, Lippe und Zahn, vollende die Naht, nähe Finsternis, häufe Staub, bring tiefen Schlummer, knüpf alle Knoten fest und dicht, pumpe Schweigen ins Blut wie Sand im tiefen Flußgrund. So. So!"
Irgendwo vor den Jungen ließ die Hexe ihre Hände sinken.
Die Jungen standen schweigend da. Der Illustrierte Mann ließ sie los und trat zurück.
Die Staubhexe stieß ob ihres doppelten Sieges einen zufriedenen Schnaufer aus und strich ein letztes Mal liebevoll mit den hageren Händen über ihre Statuen.
Der Zwerg taumelte irre um die Schatten der Jungen herum, knabberte sanft an ihren Fingernägeln, rief leise ihre Namen.
Der Illustrierte Mann deutete mit dem Kopf zur Bibliothek hin.
"Die Uhr des Portiers. Halt sie an."
Die Hexe sperrte den Mund auf, atmete Verderben, verschwand in der Marmorgruft.
Mr. Dark kommandierte: "Links, rechts – eins, zwei!"
Die Jungen gingen die Stufen hinunter, der Zwerg neben Jim, das Skelett an Wills Seite.
Heiter – erhaben wie der Tod selbst folgte ihnen der Illustrierte Mann.
Vierundvierzigstes Kapitel
Irgendwo in der Nähe lag Charles Halloways Hand in einem weißglühenden Schmelzofen. Sie bestand nur noch aus schieren Nerven und Schmerzen. Er schlug die Augen auf. Im gleichen Augenblick vernahm er einen tiefen Atemzug. Die Tür fiel zu, und eine Frauenstimme sang unten auf dem Flur:
"Alter Mann, alter Mann, alter Mann..."
Wo eigentlich seine linke Hand sein mußte, befand sich nur ein geschwollener, blutiger Pudding, in dem es so schmerzhaft pochte und zog, daß sein ganzes Leben, seine ganze Aufmerksamkeit, sein ganzer Wille sich auf die Hand konzentrierten. Er versuchte sich aufzusetzen, aber der Schmerz warf ihn wieder zu Boden.
"Alter Mann..."
Ich bin nicht alt! Vierundfünfzig ist doch kein Alter, dachte er wütend.
Und da kam sie schon über den ausgetretenen Steinboden herangeschlichen. Ihre Spinnenfinger glitten über Buchrücken mit Brailleschrift, ihre Nase sog die Schatten ein.
Charles Halloway duckte sich und kroch davon, riß sich zusammen und kroch weiter, auf den nächsten Bücherstapel zu. Mit den Zähnen zerbiß er die Schmerzen. Er mußte fort aus ihrer Reichweite, mußte eine Stelle erreichen, von wo aus er Bücher als Wurfgeschosse gegen die nächtlichen Eindringlinge gebrauchen konnte...
"Alter Mann, ich hör dein Atmen..."
Sie trieb auf seiner Welle näher. Von jedem zischenden Atemzug seiner Schmerzen wurde ihr Körper angezogen.
"Alter Mann, ich spür deine Schmerzen..."
Wenn er nur die Hand mitsamt den Schmerzen zum Fenster hinauswerfen könnte! Dort draußen auf der Straße würde sie dann liegen und schlagen wie ein Herz, würde die Hexe weglocken mit ihrem schrecklichen inneren Feuer. Er stellte sich vor, wie er draußen auf der Straße kauerte und wie ihre Krallen nach seiner Gurgel griffen, ein verlassenes Stück Delirium.
Aber nein, seine Hand blieb, wo sie war. Sie glühte, vergiftete die Luft und beschleunigte den Schritt der seltsamen Zigeunerhexe. Ihr bösartiges Zischen kam immer näher.
"Sei verdammt!" schrie er. "Nun mach schon! Hier bin ich!"
Die Hexe fuhr rasch herum wie eine schwarze Kleiderpuppe auf Gummirollen und war schon über ihm.
Er schaute sie nicht einmal an. Schwere Gewichte von Leid. Erschöpfung und Verzweiflung nahmen ihn voll in Anspruch. Er brachte sich nur dazu, das Innere seiner Lider zu betrachten, wo sich ständig wandelnde, vielfältige Formen des Entsetzens zuckten und hüpften.
"Sehr einfach." Das Flüstern beugte sich zu ihm nieder. "Halt das Herz an."
Warum nicht, dachte er undeutlich.
"Langsam", murmelte sie.
Ja, dachte er.
"Langsam, ganz langsam."
Sein Herz, das eben noch so laut gepocht hatte, fiel einer seltsamen Krankheit anheim, es wurde unruhig, dann ruhig, immer ruhiger.
"Viel langsamer noch, viel langsamer...", raunte sie ihm zu.
Ich bin müde, ja, hörst du das, Herz, dachte er.
Sein Herz hörte es. Wie eine geballte Faust begann es sich zu entspannen, ein Finger nach dem anderen.
"Hör ganz auf, vergiß alles, für immer", wisperte sie.
Nun, warum eigentlich nicht?
"Langsamer, am langsamsten."
Sein Herz stolperte.
Und dann öffnete Charles Halloway ohne besonderen Grund noch einmal die Augen, vielleicht nur, um seine Schmerzen endgültig loszuwerden oder um noch einen allerletzten Blick in die Runde zu werfen. Er sah die Hexe.
Er sah ihre Finger, wie sie die Luft bearbeiteten, sein Gesicht, seinen Leib, das Herz in seiner Brust, die Seele in dem Herzen. Ihr fauliger Atem erfüllte ihn, und unendlich gespannt beobachtete er, wie ihr das Gift von den Lippen träufelte. Er betrachtete die Fältchen ihrer zugenähten Augen, den Monsterhals, die mumifizierten Ohren, das ausgetrocknete Flußbett der gefurchten Stirn. Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er einen anderen so genau betrachtet. Sie war ein Rätsel, ein Puzzle, und wenn er es zusammenfügte, dann konnte er das größte Geheimnis des Lebens erkennen. In ihr lag die Lösung, und schon im nächsten Augenblick mußte alles glasklar werden – nein, im übernächsten Augenblick, gleich...